Essay Jürgen Fitschen
Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.
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Wertewandel - dieses Thema als Banker aufzugreifen mag vermessen anmuten in Zeiten, in denen das Ansehen der Banken auf einem Tiefpunkt angelangt ist. Die Kritik, die uns seit der Finanzkrise 2008 beschäftigt, zwingt die Finanzbranche aber, sich der Frage nach ihrer Wertorientierung zu stellen.

Man kann die Rolle der Banken in unserem marktwirtschaftlichen System als die eines Generators wirtschaftlicher Werte beschreiben. Dann wird deutlich, dass der Vorwurf, die Finanzindustrie sei nicht produktiv und wertschöpfend tätig, ins Leere geht. Banken arbeiten als Generatoren der industriellen Produktionsprozesse und der weltweiten Vermarktung und Distribution von deren Erzeugnissen. Der weltweiten Wirtschaftskreisläufe also, die in ihrer modernen Gestalt für viele Menschen immense Wohlstandsgewinne gebracht haben.

Banken arbeiten unsichtbar und lautlos - wie die Generatoren, die den für die Industrieproduktion erforderlichen Strom bereitstellen. Eine funktionierende Finanzindustrie ist Voraussetzung für industrielle Wertschöpfung - ihr vorzuwerfen, sie sei an diesen Prozessen nicht konstruktiv beteiligt, wäre ebenso wenig zutreffend, wie dies von den Energieversorgern zu behaupten. Und dass solche Dienstleister auch Geld verdienen wollen, ist nicht nur legitim, sondern für das Funktionieren des marktwirtschaftlichen Systems unverzichtbar.

Grundsätzlich gilt: Zielgerichtetes unternehmerisches Handeln ist per se ethisch relevant. Gewinnorientierung - auch bei Banken - steht nicht im Widerspruch zu dem, was wir gemeinhin als moralischen Wert fassen. Denn dauerhafter Erfolg ist für ein Unternehmen nur möglich, wenn eigener Vorteil, Kundennutzen und gesellschaftliche Akzeptanz Hand in Hand gehen. Ökonomische Werte zu schaffen ist wertvoll: Dem sollte jeder zustimmen, der sich nicht radikaler Kritik am Kapitalismus und unserem marktwirtschaftlichen System verschrieben hat.

Für Banken heißt das: Einen grundlegenden Wandel hin zu anderen, neuen oder alten Werten müssen sie nicht vollziehen, sondern ihre Reflexions- und Kommunikationsaufgaben erledigen. Intern den Wertschöpfungsauftrag im oben skizzierten Sinne als Richtschnur verankern und zum Prüfstein für Prozesse und Instrumente machen. Und extern ihren Beitrag verdeutlichen gegenüber Kunden, der Politik und einer Gesellschaft, die die Banken und ihre Vertreter zunehmend als nur mit der eigenen Bereicherung befasstes System verstehen.

Hier hat die Branche möglicherweise am meisten gesündigt. Wer nur über eigene Profite und Renditen spricht, ohne den Wertschöpfungsbeitrag der Banken deutlich zu machen, kann nicht erwarten, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle der Banken verstanden wird.

Kommentare zu " Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft"

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  • Die Deutsche Bank AG spricht von Unterstützung der "Kleinbauern in den Schwellenländern"! Wenn ich nicht lache! Da bekommt nicht mal der Mittelständler um die Ecke einen Überbrückungskredit - aber natürlich der Kleinbauer im entfernten Schwellenland, der seine Ernte "vorfinanziert"! Mit diesem Argument sollte mal ein Handwerker zu dieser Bank gehen und sagen er "möchte seine zukünftigen Erträge vorfinanzieren"!
    Und dann auch noch "Die Systemrelevanz von Banken" als "neuen Leitgedanken" festsetzen zu wollen in der Politik und Gesellschaft! Unverschämt! Dann können wir den kompletten deutschen Mittelstand als wirklich systemrelevant einstufen und die Kräfte der Marktwirtschaft mal eben außer Kraft setzen! Insolvenzen braucht dann keiner mehr in den systemrelevanten Branchen zu befürchten. Dann ist da ja der Steuerzahler! Der wird es schon richten!

  • Anshu Jain war doch der Immobilien-Chef in New York und verantwortlich für die Immobilien-Blase in Amerika. Wie kann man so jemand in den Vorstand einsetzen?

  • Cassandra versteht nicht, was spekulieren bedeutet. Spekulanten haben «ber die Zeit gesehen keinen Einfluss auf die Preis. Ein Spekulant kauft, um sp'ter zu verkaufen. Im ersten Moment treibt er den Preis nach oben, im zweiten nach unten. Spekulationen auf Rohstoffe sind sehr nützlich und helfen den Armen sogar mehr als den reichen Menschen.

    Bei dir sieht man, dass du von Wirtschaft und Investieren keine Ahnung hast und nur Fachbegriffe in den Raum schmeißt.

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