Essay
Werkelei statt Krisenbewältigung

Politik und Finanzsektor haben aus ihren Fehlern noch nicht gelernt. Ein New Deal wäre nötig, der die Karten neu mischt im internationalen Finanzsystem. Ein solider Ansatz müsste Markt und Staat zusammen stärken und dafür sorgen, dass auch bei außergewöhnlichen Ereignissen kein Flächenbrand entsteht.
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Die bisherige Reaktion von Politik und Wirtschaft auf die Finanzmarktkrise ist völlig unzureichend. Während die Finanzbranche schon wieder vor Überregulierung warnt und wichtige Veränderungen blockiert, ist die politische Diskussion noch nicht einmal bei der tieferen Notwendigkeit angelangt, Veränderungen einzuleiten. Umso wichtiger ist es, dass die Politik über Krisenmanagement und Regulierungsdetails hinaus eine Gesamtperspektive zum Umbau unseres Finanzsystems entwickelt - einen New Deal, der die Karten neu mischt. Diese Perspektive erscheint zwar in der Gipfelrhetorik, spiegelt sich aber in der politischen Praxis bisher nicht wider.

Ein erster Bereich, bei dem die oberflächliche Reaktion auf die Krise deutlich wird, ist der Umgang mit Risiken und ihrer Modellierung. In den häufig verwendeten Normalverteilungen werden seltene Ereignisse systematisch unterschätzt ("fat tails"). Die übliche Modellannahme stabiler Märkte ist angesichts von Intransparenzen, asymmetrischer Informationsverteilung und Herdenverhalten verfehlt. Finanzmärkte sind inhärent instabil. Doch selbst wenn man dies berücksichtigt - das fehlerlose Risikomodell wird es nie geben. Deswegen reicht es nicht, beim Schattenbankensystem aus Hedge-Fonds und Zweckgesellschaften sowie in Finanzoasen die Lücken der Regulierung zu stopfen. Auch wenn die Korrektur von Basel II dazu kommt, so richtig sie ist, genügt das noch nicht.

Vielmehr müssen wir die Erkenntnis Poppers und von Hayeks über die Grenzen unseres Wissens auch in der Finanzmarktpolitik ernst nehmen. Risiken werden nie vollständig erfassbar sein. Ein perfektes Risikomanagement ist eine Illusion. Wir brauchen deshalb Finanzmarktregeln, die dafür sorgen, dass auch im Fall außergewöhnlicher, unerwarteter Ereignisse ("schwarze Schwäne") kein Flächenbrand entsteht. Im Vordergrund steht dann nicht mehr die Idee, jede Insolvenz könne durch Regulierung verhindert werden, sondern die Frage: Wie kann das System so stabil gemacht werden, dass Insolvenzen einzelner Institute das Finanzsystem nicht gefährden?

Viel zu wenig im Blick ist auch, dass - getrieben von der staatlichen Regulierung - eine Synchronisierung und Vereinheitlichung von Risikoeinschätzungen stattgefunden hat, so dass gerade Vielfalt und Dezentralität - und damit das, was Marktwirtschaften stabilisiert - nicht mehr gegeben ist. Global tätige Ratingagenturen mit weitgehend identischen Bewertungsmethoden harmonisieren die Risikoeinschätzung weltweit und führen uns nahe heran an ein planwirtschaftliches System. Wenn eine der Agenturen ihren Daumen senkt oder hebt, hat das fast schon die Qualität der Entscheidung eines zentralen Planers.

Anders ausgedrückt: Die Risikoeinschätzungen der Marktakteure sind heute ähnlich eintönig wie die Ökologie von Monokulturen. Beide Systeme sind fragil, kommen nur mit viel Düngemittel aus und hinterlassen "verbrannte Erde". Die vorliegenden Regulierungsvorschläge für Ratingagenturen greifen vor allem die übelsten Fehlentwicklungen im gegenwärtigen System auf, namentlich Interessenkonflikte. Eine Neudefinition der Rolle der Ratingagenturen steht jedoch noch aus.

Wie lauten mögliche Konsequenzen aus diesen Überlegungen? Wichtig ist zum einen ein allgemeiner Risikopuffer, der dafür sorgt, dass Institute selbst dann, wenn Probleme übersehen wurden oder Marktprobleme entstehen, nicht sofort in Schwierigkeiten geraten. Diesen Puffer bildet das Eigenkapital. Die starke Fremdfinanzierung, bei der Hebel von 1 : 50 bei Banken nicht ungewöhnlich waren, hat das System instabiler werden lassen, während ausgefeilte Risikomodelle eine Pseudosicherheit vortäuschten.

Da das Verhältnis von Eigen- und Fremdkapital wesentlich die Fähigkeit eines Unternehmens widerspiegelt, Risiken durch eigene Mittel abzufedern, sollte dieses Verhältnis Ansatzpunkt für eine Stabilisierung werden. Bei der derzeit diskutierten Reform der Finanzaufsicht in Deutschland ist vorgesehen, diese sogenannte Leverage Ratio zu ermitteln. Doch die Ermittlung dieser Zahl wird nicht reichen. Nötig ist eine Begrenzung des Hebels.

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