Gastbeitrag: Armee-Mutter mit Sinn für die Realität

Gastbeitrag
Armee-Mutter mit Sinn für die Realität

Der bundeswehr-kritische Arbeitskreis „Darmstädter Signal“ setzt große Hoffnungen auf Ursula von der Leyen. Eine familienfreundliche Truppe ist dabei nur einer von vielen Wünschen, wie Vorstandsmitglied Rose schreibt.
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Von Anbeginn dieser Republik war der Stuhl des Verteidigungsministers stets ein Schleudersitz und die Liste derer, die skandalträchtig aus dem Amt hatten scheiden müssen, ist lang. Nun amtiert erstmals eine Frau im Berliner Bendlerblock. Sollte es ihr gelingen, den dort und auf der Bonner Hardthöhe real existierenden Augiasstall erfolgreich auszumisten – erste drakonische Personalmaßnahmen vermögen durchaus diesen Eindruck zu erwecken – dann hätte Ursula von der Leyen sicherlich den Nachweis erbracht, dass sie über das Handwerkzeug für noch höhere Aufgaben verfügt. Sollte ihr dagegen das Schicksal ihrer Vorgänger im Amte beschieden sein, wäre Kanzlerin Merkel eine lästige Konkurrentin los. Soweit die parteistrategische Dimension der Personalie von der Leyen.

Wer nun erwartet hatte, dass die frischgebackene Ministerin, deren bisherige politische Karriere bekanntlich im eher konservativ und national orientierten Spektrum unserer Republik zu verorten ist, als erste Amtshandlung den Gefechtshelm überstülpen, in eine fleckgetarnte Splitterschutzweste schlüpfen und als Kampf-Amazone in Stahlgewittern chargieren würde, sollte sich schwer getäuscht sehen. Zuallererst nämlich entfleuchte sie nach Afghanistan, um der Kampftruppe vor Ort ihre uneingeschränkte Wertschätzung zu versichern und zu bekräftigen, welch unendlich wertvollen Dienst diese dem Vaterlande bei dessen Verteidigung am Hindukusch, wie ein genialer Amtsvorgänger dereinst doziert hatte, erweist.

Zurück in der Heimat entpuppte sich die neue Chefin im Bendlerblock sodann als in der Tat fürsorgliche Mutter der Armee, indem sie mit einem wahren Feuerwerk sozialpolitischer Wohltaten für Furore sorgte. Und was sie nicht alles ankündigte: Attraktivitätssteigerung des militärischen Dienstes in der Bundeswehr, bessere Vereinbarkeit von Dienst und Familie, weniger Versetzungen von Garnison zu Garnison, Teilzeitarbeit, Kinderbetreuung in den Kasernen, kurzum viele sozialpolitische Errungenschaften, die in der zivilen Wirtschaft und Verwaltung oft schon längst gang und gäbe sind – aber eben nicht in den Streitkräften.

Bei Lichte besehen sind diese Vorschläge durchaus nicht unbedingt neu, sondern vielmehr ein ziemlich alter Hut, denn schon zu Zeiten der mittlerweile verblichenen Wehrpflichtarmee – Gott hab‘ sie selig! – hatte der Deutsche Bundeswehrverband (DBwV) derartige Forderungen von der Leyens Amtsvorgängern auf den Tisch gelegt. Dass die ehemalige Arbeitsministerin deren essentielle Bedeutung für die Zukunft der Streitkräfte erkennt, spricht für ihren Realitätssinn.

Denn nach der „Transformation“ der Bundeswehr zu einer professionellen Freiwilligentruppe kommt der Gewinnung einer hinreichenden Anzahl junger Frauen und Männer, die für den Waffendienst nicht nur in der Heimat, sondern auch auf den Kriegsschauplätzen der ganzen Welt ebenso tauglich wie willig sind, überragende Bedeutung zu. Was passiert, wenn dieser Aspekt vernachlässigt wird, ließ oder lässt sich an den Zuständen in den Streitkräften des einen oder anderen Bündnispartners sehen.

Kommentare zu " Gastbeitrag: Armee-Mutter mit Sinn für die Realität"

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  • HERR ROSE - SIE VERTRETEN DIE MEHRHEIT

    "Bleibt abschließend noch die selbigenorts gestellte Frage zu beantworten: „Wo kann die neue Bundeswehr in einer hochkomplexen Welt mit modernen, selbstbewussten Soldaten ein Instrument der Friedenssicherung sein?“ Ganz einfach: Dort, wo sie es seit ihrer Gründung schon immer war: Im Heimatland und in Europa. Und zwar defensiv, durch Abschreckung und im Notfall durch Verteidigung."

    Dies ist die Meinung der breiten Bevölkerungsmehrheit - quer über die politischen Fronten hinweg.
    Die Deutschen wollen eine Verteidigungsarmee -und mehr nicht.

    Aber die etablierten Parteien ignorieren - ganz undemokratisch- wie so oft die Meinung des Volkes wohl wissend dass es ohnehin keine funktionierende Demokratie in der BRD gibt und sie für ihre Politik ohnehin nicht bestraft werden und bauen die Bundeswehr zu einer internationalen Eingriffstruppe um, die dann im Dienste der US-Regierung und Nato überall auf der Welt Kriegsdienste verrichten darf.

  • HERR ROSE SIE VERTRETEN DIE MEHRHEIT

    "Bleibt abschließend noch die selbigenorts gestellte Frage zu beantworten: „Wo kann die neue Bundeswehr in einer hochkomplexen Welt mit modernen, selbstbewussten Soldaten ein Instrument der Friedenssicherung sein?“ Ganz einfach: Dort, wo sie es seit ihrer Gründung schon immer war: Im Heimatland und in Europa. Und zwar defensiv, durch Abschreckung und im Notfall durch Verteidigung."

    Dies ist die Meinung der breiten Bevölkerungsmehrheit - quer über die politischen Fronten hinweg.
    Die Deutschen wollen eine Verteidigungsarmee -und mehr nicht.

    Aber die etablierten Parteien ignorieren - ganz undemokratisch- wie so oft die Meinung des Volkes wohl wissend dass es ohnehin keine funktionierende Demokratie in der BRD gibt und sie für ihre Politik ohnehin nicht bestraft werden und bauen die Bundeswehr zu einer internationalen Eingriffstruppe um, die dann im Dienste der US-Regierung und Nato überall auf der Welt Kriegsdienste verrichten darf.

  • Na ja, wenn Naivität eine Tugend ist, hat der Autor hier seine Tugenhaftigkeit maximiert.
    Obwohl Vieles richtig ist, ist die Annahme eine deutsche Armee könne sich auf das eigene Territorium beschränken wohl reine opportunistische Nostalgie.
    Als die Bundeswehrdoktrin entwickelt wurde, da waren moderne Konflikte schlicht noch gar nicht vorstellbar.
    Heute ist es, durch die weltweite Vernetzung und das Transportwesen möglich jederzeit den Krieg irgendwo in der Welt zu uns zu tragen, wobei die Drahtzieher nicht mal die Kriegsregion verlassen müssen.
    Auch der saloppe Vorwurf, dann müsse die Bundeswehr keine Frauen und Kinder mehr töten ist an unverschämter Ignoranz wohl kaum noch zu überbieten.
    Sicher ist es wichtig zu vermeiden, das die Armee nicht zum bloßen Machtinstrument degeneriert, aber ebenso wichtig ist der Degeneration im Hirn vorzubeugen, die meint, dass Kampfeinsätze keine schmerzlichen Kollateralschäden verursachen oder gar ganz verzichtbar wären. Kommt es erst dazu, sind sie über kurz oder lang unvermeidbar, alles andere ist Selbsttäuschung!
    Die Amerikaner haben uns zwar mit dem Irakkrieg vorexerziert das es für Missbrauch keine Garantien gibt, aber das ändert nichts daran, dass wir es uns gar nicht leisten können wegzusehen, wenn sich irgendwo archaische Regierungen wie die Taliban etablieren oder das Risiko einzugehen, dass sie zum Flächenbrand werden.
    Die meisten Auseinandersetzungen nach dem kalten Krieg, gerade der Amerikaner, dienen der Begrenzung der Konflikte auf regionaler Ebene, damit die Aggressionen (egal ob berechtigte oder unberechtigte) und Machtkämpfe nicht durch weiteren Export gelöst werden können.
    Unser gesamter Wohlstand würde gefährdet, würde die Kontrolle der Weltsicherheit verloren gehen und mir ihr die behaglich ignorante deutsche Sicherheit.

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