Gastbeitrag
Der Ausweg aus der Finanzkrise

Der britische Finanzminister Alistair Darling fordert von den wichtigsten Industrie- und Schwellenländern ein klares Bekenntnis zu einem offenen Handel. In einem Exklusivbeitrag für das Handelsblatt umreißt Darling die wichtigsten Themen und Aufgaben des bevorstehenden G20-Gipfels in London.

Wir befinden uns zurzeit in der schwierigsten wirtschaftlichen Lage seit Generationen. Die internationale Gemeinschaft muss sich zusammentun, um den Abschwung zu bekämpfen, und Kurs auf eine nachhaltige Zukunft nehmen. Internationale Zusammenarbeit bei der Sanierung der Wirtschaft und bei der Regulierung ist der Schlüssel zur Lösung. Wir müssen drei Dinge tun: die Nachfrage ankurbeln und Arbeitsplätze stützen, die Kreditvergabe der Banken wieder in Gang bringen und ihre Regulierung verbessern und unser Engagement für freien Handel und Umweltschutz bekräftigen.

Nur durch Zusammenarbeit können wir diese Herausforderung bewältigen: Daher ist der Gipfel der Staats- und Regierungschefs sowie der Finanzminister der G20 Anfang April in London so wichtig. Wir müssen auch bereit sein, die vielen Chancen, die eine Sanierung der Wirtschaft bringt, zu nutzen. Trotz dieses Abschwungs gehen noch immer viele davon aus, dass die globale Wirtschaft sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln wird, es ist also eine hohe Belohnung ausgesetzt. Wir werden diese Krise durchstehen und eine grünere, gerechtere und wohlhabendere Welt aufbauen.

Der IWF erwartet für 2009 ein negatives Wachstum. Zum ersten Mal seit mehr als 60 Jahren schrumpft das jährliche Wachstum. Internationale Zusammenarbeit ist bei allem, was wir zur Stützung der Wirtschaft tun, von entscheidender Bedeutung. In Europa arbeiten wir bereits zusammen an koordinierten fiskalischen Stimuli, Kreditgarantiesystemen und der Rekapitalisierung der Banken, wir kooperieren für die Förderung des freien Handels. Aber Zusammenarbeit darf sich nicht auf die Länder Europas allein beschränken. Daher ist der G20-Gipfel auch so wichtig.

Es gibt drei Prioritäten:

Erstens: Zur Sanierung der Wirtschaft und zum Erhalt von Arbeitsplätzen müssen wir über niedrigere Zinssätze, fiskalische Stimuli und Erleichterungen für die Kreditvergabe die Nachfrage ankurbeln. Als Teil dessen müssen wir die Mittel des IWF wesentlich erhöhen, so dass wir helfen können, ein Übergreifen der Krise von Körperschaften auf Länder zu verhindern. Zusätzlich müssen wir den IWF und die Weltbank reformieren, so dass sie rechenschaftspflichtiger werden.

Zweitens: Zur Unterstützung der Menschen und der Unternehmen muss unbedingt die Kreditvergabe der Banken wiederhergestellt werden. Dabei sind sich die Finanzminister der G20 darin einig, dass die Länder alle zur Verfügung stehenden Mittel in Betracht ziehen müssen, einschließlich Stützung der Liquidität, Rekapitalisierung und Lösung des Problems wertgeminderter Aktiva.

Wir müssen auch die Finanzregulierung, wo es nötig ist, reformieren, und zwar auf globaler wie nationaler Ebene. Alle Arten von Risiken für Verbraucher, Märkte und Volkswirtschaften müssen erfasst werden, unter anderem durch eine Verbindung von makroökonomischer und finanzieller Aufsicht, durch Trockenlegen von Steueroasen und durch mehr Transparenz. Wir müssen Risiken mit Hilfe von Frühwarnsystemen und Aufsichtskollegien besser managen. Banken sollen in guten Jahren Reserven anlegen können. Wir müssen sie daran hindern können, sich zu übernehmen, damit sie, wenn es zu einem Abschwung kommt, die Kreditvergabe fortsetzen.

Drittens: Wir müssen unser Engagement für offenen Handel bekräftigen. Eine Öffnung des Handels in der gesamten Weltwirtschaft würde es Millionen von Menschen ermöglichen, der Armut zu entfliehen. Ebenso dringend brauchen wir nachhaltigen Umweltschutz. Die Schaffung einer CO2-armen Wirtschaft muss nicht zulasten der Beschäftigung oder des Wachstums gehen. All diese Schritte könnten in der Kombination ein Ganzes bilden, das viel größer ist als die Summe seiner Teile.

Der Gipfel in London wird ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einer globalen Sanierung sein. Wir können Konsens herstellen, indem wir anerkennen, dass unser gemeinsames Interesse nicht dem Eigeninteresse eines jeden Landes widersprechen muss. In Wahrheit können sie einander ergänzen.

Wenn wir früher von der globalen Wirtschaft sprachen, meinten wir damit den Westen und Japan. Heute nicht mehr. Die Lehre aus dieser Wirtschaftskrise ist, dass wir heute in Partnerschaft mit Entwicklungs- und Schwellenländern zusammenarbeiten müssen, wo früher die entwickelten Volkswirtschaften die Führung übernommen hätten. Manchmal braucht es eine Krise dieses Ausmaßes, um die Länder zusammenzubringen. Wir müssen den Augenblick nutzen, sofort und entschlossen, um die Probleme, vor denen wir heute stehen, zu lösen und um die Wirtschaft nachhaltig zu sanieren.

Alistair Darling ist Finanzminister Großbritanniens.

gastautor@handelsblatt.com

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