
Wenn das keine erfreuliche Nachricht ist: Deutschland ist laut einer aktuellen Studie der britischen BBC das derzeit beliebteste Land der Welt. Man mag solchen Befragungen misstrauen. Doch eine andere Nachricht ist Fakt: Nach Deutschland drängen so viele Menschen wie seit 20 Jahren nicht mehr. Fast eine Million Ausländer sind im Jahr 2012 in die Bundesrepublik gezogen, natürlich auch als Folge der großen Wirtschaftskrise. Beide Nachrichten signalisieren unabhängig voneinander, dass Deutschland international zu einem „Hoffnungsträger“ geworden ist, zu einem starken Magnet für Menschen, die nach einer besseren Lebensperspektive suchen.
In diesem Befund liegt für unser Land eine große Chance, sofern wir bereit sind, aus diesem „Deutschlandtrend“ die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die erste Botschaft kann nur heißen: Deutschland ist heute ein Zuwanderungsland mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen, auch wenn dies einige noch immer verdrängen mögen. Schon derzeit hat jeder fünfte, der bei uns lebt, einen Migrationshintergrund. Diese 16 Millionen Mitbürger werden unsere Zukunft ganz entscheidend prägen – alleine schon deshalb, weil sie deutlich jünger sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. So hat bei den Kindern unter 15 Jahren in Deutschland sogar jedes Dritte einen Migrationshintergrund.
Und diese Zahlen werden sich in Zukunft weiter deutlich erhöhen: Viele ökonomische, gesellschaftliche, politische Rahmendaten sprechen dafür, dass wir erst am Anfang eines neuen großen Zuwanderungsschubes stehen. Es ist nicht unrealistisch zu erwarten, dass unsere Bevölkerung 2013 - 2017 um mehr als zwei Millionen Menschen aus dem Ausland wächst.
Dies ist primär die Folge des Zustroms aus den Krisenstaaten Süd- und Osteuropas. EU-Bürger machen mittlerweile gut zwei Drittel unserer Zuwanderer aus. Dieser Trend wird sich angesichts der Rekordarbeitslosigkeit vor allem bei Jugendlichen in jenen Ländern noch deutlich verstärken.
Es ist sinnvoll, wenn die dortigen Arbeitsmärkte vorübergehend durch verstärkte Migration entlastet werden. Jedenfalls wäre es zutiefst unmoralisch, dort eine „verlorene Generation“ heranwachsen zu lassen, während bei uns wie in anderen europäischen Ländern Fachkräfte händeringend gesucht werden. Junge Spanier, Griechen, Italiener, demnächst auch Bulgaren oder Rumänen können so zugleich zu einer Steigerung des deutschen wie des gesamteuropäischen Wohlstandes beitragen. Denn sie werden nicht nur das wirtschaftliche Wachstum der Empfängerländer stärken, sondern auch durch Rücküberweisungen aus ihren Einkommen die Heimatländer stärken. Und sie treffen bei uns auf funktionierende ethnische Netzwerke.
Später gehen zwar viele - auch das wissen wir aus der Migrationsforschung - mit ihren gewonnenen Erfahrungen wieder zurück in ihre Heimat, sobald dort Reformen greifen und sich ihnen die entsprechenden Chancen bieten. Aber viele werden auch bleiben wollen.
Es liegt an uns, diese Migrationswelle klug zu gestalten, damit Hoffnungen nicht früh enttäuscht werden. So brauchen wir zum Beispiel Servicestellen, die Wanderungswillige bei der beruflichen wie der gesellschaftlichen oder familiären Neuorientierung begleiten. Gleiches gilt für die Anerkennung von beruflichen Qualifikationen, die Förderung von Fremdsprachenkenntnissen und anderes mehr. Gleichzeitig muss unser Blick auch über Europa hinausgehen. Denn nur so kann der dauerhafte Bedarf an Fachkräften zumindest zeitweise erfüllt werden, bis andere Optionen genutzt werden können.
Deutschland fehlen bis zum Jahr 2030 gegenüber heute sechs Millionen Arbeitskräfte. Wenn wir Deutschland demografiefest machen wollen, brauchen wir deshalb auch ein modernes Zuwanderungskonzept für Bürger jenseits der Grenzen der Europäischen Union. Unser Nachbar Österreich zeigt uns mit seinem Punktesystem einer „Rot-Weiß-Rote Karte“ seit 2011, wie eine moderne Steuerung von Fachkräften aus Drittstaaten außerhalb der EU aussehen kann. Kriterien sind dort insbesondere Qualifikation, Berufserfahrung, Sprachkenntnisse, Alter. Wer hier eine Mindestanzahl von Punkten erreicht, kann kommen. Ein solcher Weg ist auch für Deutschland der richtige.
Dazu gehört aber auch die Möglichkeit einer erleichterten Einbürgerung als Schlüssel für eine erfolgreiche Integration. Denn wir stehen international in einem harten Wettbewerb um die „high potentials“. Es ist längst eine ökonomische Binsenweisheit: Nicht mehr die Knappheit an Kapital, sondern der Mangel an personellen Ressourcen bestimmt mehr und mehr die Wachstumsperspektiven der Wirtschaft.
Stimmt diese Analyse, dann kommen auf Deutschland, will es seine Dynamik erhalten, große Herausforderungen zu. Wir müssen der neuen Generation von Zuwanderern, die heute durchschnittlich besser ausgebildet ist als die Einheimischen, offener begegnen, als dies bei ausländischen Mitbürgern in der Vergangenheit vielfach der Fall gewesen ist. Denn die Fehler einer jahrzehntelang verfehlten oder gar ganz fehlenden Integrationspolitik sind heute vielfältig zu besichtigen.
So haben trotz aller Anstrengungen und aller Fortschritte Jugendliche aus Zuwanderungsfamilien insgesamt noch immer deutlich schlechtere Bildungschancen und in der Folge erschwerte Berufsperspektiven infolge mangelnder Sprachkenntnisse, fehlender kultureller Integration und beruflicher Diskriminierung.
Ebenso kommt die Anerkennung ausländischer Berufs- und Studienabschlüsse trotz neuer gesetzlicher Regelungen seit Herbst 2011 nur mühsam voran, weil insbesondere viele Bundesländer deren Umsetzung verzögern. So sind viele zugewanderte Fachkräfte arbeitslos oder unter ihrem Qualifikationsniveau beschäftigt. Diese Verschwendung von Humankapital können wir uns dauerhaft nicht mehr leisten.
Erstmals seit 2009 dürfte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr wieder schrumpfen - wenn auch mit 0,1 Prozent nur minimal. "Die real verfügbaren Einkommen der Verbraucher schwächeln wegen der steigenden Arbeitslosigkeit und höherer Steuern", prophezeit die EU-Kommission. "Das anhaltend ungünstige Unternehmervertrauen dürfte die Investitionen weiter fallen lassen." 2014 wird ein Wachstum von 1,1 Prozent vorhergesagt, doch soll die Arbeitslosenquote trotzdem von 10,6 auf 10,9 Prozent steigen. Auch das Staatsdefizit soll im kommenden Jahr mit 4,2 Prozent etwas höher ausfallen als 2013 mit 3,9 Prozent, was den Schuldenberg auf 96,2 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen lassen dürfte.
Die Rezession soll sich in diesem Jahr abschwächen. Das Minus dürfte mit 1,3 Prozent knapp halb so hoch ausfallen wie im Vorjahr mit 2,4 Prozent. "Es gibt keine klaren Signale für eine kurzfristige Erholung, da sich sowohl das Verbrauchervertrauen als auch das Geschäftsklima im negativen Bereich befindet", stellt die Kommission fest. 2014 soll ein Mini-Wachstum von 0,7 Prozent folgen. Die Neuverschuldung soll sich zwar mit 2,9 und 2,5 Prozent im erlaubten Rahmen bewegen. Mehr Sorgen macht aber der Schuldenstand: Er soll 2014 auf 132,2 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Eigentlich sehen die EU-Verträge eine Obergrenze von 60 Prozent vor.
Die Rezession dürfte sich in diesem Jahr verschärfen. Erwartet wird ein Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 1,5 Prozent, nach minus 1,4 Prozent im Vorjahr. "Die Binnennachfrage wird wohl schwach bleiben, aber die preisliche Wettbewerbsfähigkeit solle sich schrittweise verbessern und die Exporte an Schwung gewinnen", sagt die Kommission voraus. 2014 soll dann ein Wachstum von 0,9 Prozent zu Buche stehen. Die Arbeitslosenquote soll dann vom Rekordniveau von 27,0 auf 26,4 Prozent fallen. Die Neuverschuldung dürfte mit 6,5 und 7,0 Prozent in beiden Jahren hoch bleiben. Der Schuldenberg soll bis 2014 auf 96,8 Prozent des Bruttoinlandproduktes wachsen - 2009 waren es noch 53,9 Prozent.
Die Wirtschaft dürfte 2013 das sechste Jahr in Folge schrumpfen, wenn auch mit 4,2 Prozent so langsam wie seit 2009 nicht mehr. "Die hohe Arbeitslosigkeit und Einschnitte bei Löhnen und Sozialleistungen werden den privaten Konsum weiter drücken", befürchtet die EU-Kommission. 2014 soll die Rezession enden: Erwartet wird ein Mini-Wachstum von 0,6 Prozent. Dann soll auch die Arbeitslosenquote fallen, die in diesem Jahr mit 27 Prozent einen Rekordwert erreichen dürfte. Das Staatsdefizit soll sich 2014 mit 2,6 Prozent wieder im erlaubten Rahmen bewegen. Der Schuldenberg dürfte etwas abgetragen werden - von 175,2 auf 175,0 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Schuldenstandsquote bleibt aber mit Abstand die höchste in der Euro-Zone und der EU.
Von allen Krisenstaaten macht Irland die größten Fortschritte. Das Wirtschaftswachstum dürfte sich in diesem Jahr auf 1,1 Prozent erhöhen und sich 2014 auf 2,2 Prozent verdoppeln. Die "Leistung ist ermutigend", so die EU-Kommission. Die unter Steuererhöhungen und Sparprogrammen leidende Binnennachfrage soll im kommenden Jahr erstmals wieder zum Wachstum beitragen. Die Arbeitslosenquote soll bis dahin auf 13,7 Prozent fallen, 2012 waren es noch 14,7 Prozent. Die Gesundung der Staatsfinanzen kommt aber nur langsam voran: Das Defizit dürfte sowohl in diesem Jahr mit 7,5 als auch im kommenden Jahr mit 4,3 Prozent klar über der Zielmarke der EU von drei Prozent liegen. 2014 soll der Schuldenberg schrumpfen.
Auch hier verharrt die Wirtschaft in der Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt soll um 2,3 Prozent schrumpfen, nach 3,2 Prozent 2012. "Die Wachstumsaussichten für Portugals Exportmärkte haben sich eingetrübt, während sich die Lage am Arbeitsmarkt eintrübt", stellt die EU-Kommission fest. 2014 soll es wieder ein Wachstum von 0,6 Prozent geben - trotzdem dürfte die Arbeitslosenquote auf 18,5 Prozent steigen. Das Staatsdefizit soll in diesem Jahr auf 5,5 und 2014 auf 4,0 Prozent sinken, während der Schuldenberg bis dahin voraussichtlich auf 124,3 Prozent anschwillt.
Mit 8,7 Prozent dürfte das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr so stark einbrechen wie in keinem anderen Euro-Land. "Das geht vor allem auf den dringlichen Umbau des Bankensektors zurück, der Kreditwachstum und Haushaltssanierung hemmt", befürchtet die EU-Kommission. "Unsicherheit belastet zudem die Binnennachfrage und Investitionen." 2014 soll die Rezession mit 3,9 Prozent deutlich schwächer ausfallen, die Neuverschuldung aber auf 8,4 Prozent steigen. Der Schuldenberg wächst bis dahin auf 124 Prozent. Er wäre dann mehr als doppelt so groß wie 2010.
In diesem vielfachen Versagen gesellschaftlicher Integration liegen die eigentlichen Ursachen für mancherlei soziale Konflikte. Daraus gilt es für die Zukunft die richtigen Schlüsse ziehen. Schon in der Vergangenheit war es ebenso ungerecht wie ökonomisch falsch zu behaupten, Zuwanderer suchten nur das bequeme Netz unserer sozialen Sicherungssysteme.
Im Gegenteil: Zuwanderer stützen insgesamt die deutschen Sozialsysteme; sie zahlen mehr ein, als sie zurück erhalten.
Wir wollen keine Zuwanderung in unsere Sozialsysteme – und sie findet bisher auch kaum statt. Wenn es nötig würde, müsste sie und könnte sie unterbunden werden. Qualifizierte Zuwanderer sind wirtschaftlich erfolgreich; sie schaffen direkt und indirekt Arbeitsplätze für Einheimische. Eine zusätzliche Arbeitsmarktteilnahme von rund 500.000 jüngeren, gut ausgebildeten Zuwanderern pro Jahr bringen den öffentlichen Haushalten jährliche Mehreinnahmen von bis zu 20 Milliarden Euro.
Künftig sind wir noch mehr darauf angewiesen, unser Land für qualifizierte Fachkräfte zu öffnen: Je mehr gut ausgebildete Köpfe wir gewinnen können, desto stärker wird die Wirtschaft in den entsprechenden Firmen, Branchen und Regionen wachsen. Multi-ethnisch ausgerichtete Belegschaften haben im globalen Wettbewerb dank besonderer kultureller, sprachlicher und anderer Kompetenzen viele Vorteile; sie ermöglichen zum Beispiel eine offenere Unternehmenskultur, die die Entwicklung neuer Produkte, Markttrends und Absatzchancen fördern kann.
Wenn wir dies als Chance für den Standort Deutschland nutzen wollen, setzt dies allerdings einen Paradigmenwechsel in vielen Bereichen voraus. Notwendig ist als Strategie für die Zukunft ein Dreiklang aus Qualifizierung und Bildung, gezielt am Bedarf orientierter Zuwanderung und einer vorausschauender Integrationspolitik.
Mit der EU-Osterweiterung um zehn Staaten am 1. Mai 2004 galten von Beginn an nur zwei der vier Grundfreiheiten des Binnenmarktes: freier Waren- und freier Kapitalverkehr. Die 15 alten Mitgliedstaaten ließen sich zusichern, dass sie die Personenfreizügigkeit und die Dienstleistungsfreiheit bis zu sieben Jahre einschränken dürfen. Davon Gebrauch machten bis zuletzt nur Deutschland und Österreich. Die volle Freizügigkeit gibt nun jedem EU-Bürger aus den damaligen Beitrittsländern das Recht, in anderen EU-Staaten eine Beschäftigung aufzunehmen.
Am 30. April laufen die Übergangsbestimmungen aus, mit denen sich Deutschland gegen acht der zehn zum 1. Mai 2004 beigetretenen EU-Länder abgeschottet hatte: Polen, Ungarn, Tschechien, Slowenien, Estland, Lettland, Litauen, Slowakei. Für die Beitrittsländer Zypern und Malta gab es keine Auflagen. Für die erst am 1. Januar 2007 beigetretenen Rumänen und Bulgaren bleibt die Freizügigkeit eingeschränkt - vorerst noch bis Ende 2011, voraussichtlich aber bis Ende 2013, wenn die Bundesregierung die Frist von sieben Jahren voll ausschöpft.
Arbeitnehmer dieser acht Beitrittsstaaten (EU-8) benötigen in Deutschland keine Arbeitsgenehmigung mehr. Auch Bewerber für Ausbildungsplätze können sich nun uneingeschränkt hier umsehen. So mancher grenznahe Handwerksbetrieb im Osten Deutschlands setzt seine Hoffnungen auf Lehrlinge aus den Nachbarländern. Für hoch qualifizierte Arbeitskräfte ändert sich nichts: Akademiker haben schon seit 2009 freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt.
Arbeitsmarktexperten erwarten, dass eher jüngere und gut qualifizierte Arbeitsuchende nach Deutschland kommen. Allzu große Hoffnungen auf einen verstärkten Zuzug von Fachkräften und Hochqualifizierten dämpft allerdings die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA): Für Akademiker aus den EU-8 ist der Weg durch den Wegfall der Vorrangprüfung seit Januar 2009 ohnehin schon frei. Die vollständige Freizügigkeit werde daher keine besonderen Effekte bringen. Dennoch sehen die Arbeitgeber in der Öffnung des Arbeitsmarktes „die Chance, zumindest einen Teil der insbesondere durch den demografischen Wandel entstehenden Fachkräftelücke zu schließen“.
Das weiß keiner. Auf gepackten Koffern sitzt in den acht EU-Staaten wohl niemand. Polens Arbeitsministerin Jolanta Fedak schätzt, dass sich etwa 100.000 bis 400.000 ihrer Landsleute über einen Zeitraum von drei Jahren aufmachen könnten, in Deutschland zu arbeiten. Das zur Bundesagentur für Arbeit (BA) gehörende Forschungsinstitut IAB rechnet mit einer jährlichen Nettozuwanderung von 100.000 bis 140.000 Arbeitnehmern. Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) indes schätzt, dass in diesem und im nächsten Jahr insgesamt netto 800.000 Zuwanderer aus den EU-8 nach Deutschland kommen. Auf lange Sicht liegen IAB und IW nicht weit auseinander: Bis 2020 erwartet das IAB etwa 910.000 Zuwanderer, das IW 1,2 Millionen.
Das IAB greift für seine Prognose auf Zuwanderungsdaten in der Vergangenheit zurück, während sich das IW auf eine Umfrage im Dezember 2009 (Eurobarometer) in den EU-8-Staaten stützt. Der Umfrage zufolge will ein Viertel der Bevölkerung der EU-8 (12,1 Millionen Personen) „irgendwann in der Zukunft in einem anderen Land“ arbeiten - davon wollten 1,7 Millionen Personen innerhalb der nächsten zwölf Monate auswandern. In der Vergangenheit blieb die tatsächlich realisierte Auswanderung deutlich hinter den zuvor erklärten Migrationsabsichten zurück. Im Durchschnitt 2004 bis 2009 wuchs laut IAB die ausländische Bevölkerung aus den EU-8 in den EU-15 jedes Jahr um 250.000 Personen. Das Interesse an Deutschland und Österreich erlahmte: Ihr Anteil an der Zuwanderung halbierte sich auf etwa 30 Prozent - der Großteil ging nach Großbritannien und Irland. Niemand weiß, ob die Rechenmodelle die Entwicklung zutreffend vorhersagen. Nicht zu beziffern ist laut IAB auch die Zahl der Bürger aus den EU-8, die jetzt bereits ohne Meldung bei den Behörden in Deutschland leben, sich mit Einzug der Freizügigkeit aber bei den Behörden registrieren.
Staatsangehörige der EU-8 können nun von Zeitarbeitsfirmen nach Deutschland verliehen werden. Auch Einschränkungen bei der Entsendung von Arbeitnehmern im Baugewerbe und bei der Gebäudereinigung fallen weg. In der Baubranche werden damit Werkvertragsabkommen hinfällig, die etwa Einschränkungen für regionale Bezirke mit hoher Arbeitslosigkeit vorsahen. Gewerkschaften befürchten, die aus den EU-8 entsandten Beschäftigten könnten deutlich schlechter bezahlt werden als vergleichbare inländische Arbeitnehmer. Mindestlöhne in der Zeitarbeit, am Bau, in der Gebäudereinigung und in der Pflegebranche sollen dies verhindern. Die IG BAU bleibt skeptisch: „Es besteht die Gefahr, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit ausgenutzt wird, um mit billigen Arbeitskräften die Löhne zu drücken.“ Der Mindestlohn für die Zeitarbeit greift zudem nicht ab 1. Mai. Weil das Verfahren noch nicht abgeschlossen ist, wird er erst in vier bis sechs Wochen in Kraft treten.
Nach einer Aufstellung des Arbeitsministeriums gelten demnächst für rund 3,75 Millionen Arbeitnehmer branchenspezifische Lohnuntergrenzen. Das gilt derzeit bereits für: Gebäudereinigung, Pflegebranche, Bau, Elektrohandwerk, Abfallwirtschaft, Dachdeckerhandwerk, Maler- und Lackiererhandwerk, Wäschereidienstleistungen. Hinzu kommen in den nächsten Wochen die Zeitarbeit (derzeit 870.000 Beschäftigte) sowie das Wach- und Sicherheitsgewerbe (170.000).
Für die Erntehelfer beim Spargelstechen und Obstpflücken sowie Saisonbeschäftigte in der Gastronomie sind bereits am 1.Januar dieses Jahres alle Schranken gefallen. Bisher mussten die Arbeitsagenturen jeder einzelnen Beschäftigung zustimmen: Im vorigen Jahr gab es rund 185.000 Saisonarbeiter aus den EU-8, davon 174.000 aus Polen. Hinzu kamen 97.500 Rumänen und 3500 Bulgaren, für die das Zulassungsverfahren weiterhin gilt. Die Pflegebranche rechnet dagegen durch die Freizügigkeit mit keiner Erleichterung. Der Arbeitgeberverband Pflege hält anderes für viel dringlicher: „Wir fordern, dass die in anderen EU-Staaten erworbenen Berufsabschlüsse schnellstmöglich in Deutschland anerkannt werden.“ Akut würden 20.000 Pflegefachkräfte benötigt. Für Hilfskräfte gilt ein Mindestlohn.
Modellberechnungen kommen zu dem Schluss, dass durch die Zuwanderung von EU-8-Bürgern das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 1,16 Prozent steigen könnte - der Wohlstand wächst. Da mehr Menschen ihre Arbeitskraft anbieten, rechnen die Autoren der IAB-Studie theoretisch mit einer vorübergehenden Erhöhung der Arbeitslosenquote um 0,2 Prozentpunkte und einem Rückgang des gesamtwirtschaftlichen Lohnniveaus - im Vergleich zum Szenario ohne Zuwanderung. „Aufgrund der steigenden Kapitaleinkommen ergibt sich ein Nettogewinn für die einheimische Bevölkerung in Deutschland“, schreiben Baas und Brücker. Das bedeutet laut IAB keineswegs einen Rückgang der Löhne der inländischen Beschäftigten insgesamt: Ein Großteil der Anpassungslast werde von den Migranten selbst getragen, da sie eine niedrigere Entlohnung als vergleichbare Inländer erhielten. Die Löhne der Migranten seien etwa 20 Prozent geringer. Dennoch könne es im deutschen Arbeitsmarkt auch Verlierer geben, vor allem jene, deren Tätigkeiten leicht zu ersetzen seien.
Im Jahr 2010 hat die Bundesagentur für Arbeit 47.000 Arbeitnehmern aus den EU-8 eine Arbeitsgenehmigung erteilt, darunter 32.000 für eine erstmalige Beschäftigung (von denen 4900 neu eingereist waren). Davon kamen über die Hälfte (18.300) aus Polen. Aus Bulgarien und Rumänien kamen rund 20.100 erstmalig Beschäftigte. Nicht mitgezählt sind dabei Saisonkräfte, Haushaltshilfen und Werkvertragsarbeitnehmer
Das ist eher unwahrscheinlich. Das Recht, sich in Deutschland zur Arbeitsuche aufzuhalten, besteht zwar für mindestens drei Monate. Für die Einreise reicht ein Personalausweis. Anspruch auf Arbeitslosengeld I oder Hartz IV haben die Arbeitsuchenden in der Regel aber nicht. Für das Arbeitslosengeld I müssen sie mindestens zwölf Monate in Deutschland sozialabgabenpflichtig beschäftigt gewesen sein.
Das eingangs geschilderte positive Bild ist nämlich zunächst nur eine Momentaufnahme. So ist es auffallend, dass von den 250.000 ausländischen Studenten nur etwa 30 Prozent anschließend in Deutschland bleiben. Ist unser Land für die begehrten Spitzenkräfte doch nicht so attraktiv? Es ist also noch viel zu tun. Sowohl an konkreten Maßnahmen wie für einen Mentalitätswandel, der hinführt zu einer Willkommenskultur.
Noch immer wird viel wertvolles „Humankapital“ durch eine teils verdeckte, teils ganz offene Diskriminierung verschenkt. Warum haben Mitbürger mit Migrationshintergrund vielfach noch immer deutlich schlechtere berufliche Chancen? Zum Beispiel allein schon aufgrund eines ausländisch klingenden Namens.
Deshalb unterstützt das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) Modellversuche mit anonymisierten Bewerbungen als ein sinnvolles Instrument der Personalauswahl. Schon jetzt zeigt sich, dass ursprüngliche Befürchtungen aus der Wirtschaft, solche Verfahren führten zu unnötiger Bürokratie, unbegründet sind. Das Instrument fördert viel eher die nötige Sensibilität in der betrieblichen Praxis, ist allerdings für sich allein kein Allheilmittel.
Gefordert ist auch der Staat, der bei der Arbeitsmarktintegration schlecht aussieht: Von den Kindern Einheimischer arbeitet gut ein Viertel in staatlichen Einrichtungen; bei Migranten-Kindern sind es nur halb so viele.
Integrationsarbeit ist Zukunftssicherung. Integration und Selektion müssen deshalb künftig in unserer Zuwanderungsstrategie Hand in Hand gehen. Um dies zu erreichen, brauchen wir „Integrationsverträge“ zwischen Zuwanderern und der Gesellschaft, in denen Verpflichtungen und Gegenleistungen definiert werden. Dazu gehört voran die Bereitschaft zum Lernen der deutschen Sprache als wichtigstem Schlüssel für eine erfolgreiche Integration. Dazu gehört aber ebenso selbstverständlich die Bereitschaft, unsere Grundwerte anzuerkennen, die Identifikation mit der geistigen und demokratischen Kultur unseres Landes.
Wir haben am heutigen Dienstag zwar bereits den 6. Nationalen Integrationsgipfel, aber bei allen Fortschritten noch immer kein schlüssiges Gesamtkonzept, das der Zukunftsdimension des Themas gerecht wird. Das Champions-Finale in London am vergangenen Samstag hat die Welt mit seinem Spitzenfußball beeindruckt und nach der BBC-Umfrage weitere Sympathie geweckt. Wie schon in der deutschen Nationalmannschaft bestimmen multi-ethnische Teams das Geschehen, die zusammen den neuen deutschen Fußball gestalten. Alle drei Tore kamen von Spielern mit ethnischem Hintergrund. Die Klubs wie das deutsche Nationalteam sind Beispiele für die Früchte erfolgreicher Integration.
Wir haben jetzt die große Chance, eine nachhaltige Integration zu gestalten. Integrationsgipfel sind dafür nur Gesprächsangebote; konkrete Ergebnisse dürfen nicht erwartet werden. Eines wäre die Forderung, nach den Bundestagswahlen alle erforderlichen Maßnahmen und Kompetenzen mit der Schaffung eines Zuwanderungs- und Integrationsministerium zu bündeln.