Gastbeitrag
Die deutsch-französische Achse ist in Gefahr

Die deutsch-französische Achse ist ein friedenspolitischer Garant. Wenn Marine Le Pen in Frankreich und die AfD in Deutschland erstarken, ist sie in Gefahr. Ein Gastbeitrag.
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Der deutsche Globalhistoriker Wolfgang Reinhard malte kürzlich in einem Vortrag den Teufel an die Wand: Eine imaginierte deutsche AfD-Bundeskanzlerin fordert von einer real gewählten französischen Staatspräsidentin Marine Le Pen Teile des Elsass zurück. Das Resultat, so Reinhard, wäre Krieg in Europa.

So völlig aus der Luft gegriffen dieses apokalyptische Szenario jüngeren Menschen, die an vermeintlich ewigen Frieden gewohnt sind, auch erscheinen mag: Es schärft durchaus den politischen Gefahrensinn und das Urteilsvermögen, sich zu vergegenwärtigen, dass die rund anderthalb Jahrhunderte währende Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland seit noch nicht einmal 70 Jahren beigelegt ist. Der Zankapfel Elsass-Lothringen symbolisierte den beiderseits des Rheins übersteigerten Nationalismus.

Noch sind auf der neuen deutschen Rechten keine anti-französischen Töne zu vernehmen, dafür aber anti-deutsche im französischen Wahlkampf, und zwar rechts- wie linksaußen. Sollte die Präsidentschaftskandidatin der rechtsradikalen Front National, Marine Le Pen, im Mai die Stichwahl wider Erwarten gewinnen, würde dies das deutsch-französische Verhältnis aus den Angeln heben – und damit das Europa, wie wir es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennen. Ja, es geht darum, Europa zu erneuern und durch mehr Subsidiarität zu dynamisieren und den Vielvölkern des noch geeinten Kontinents sinnlich erfahrbarer zu machen. Es geht in diesem Jahr aber vor allem darum, zu bewahren, was Europa nach 1945 im Kern getragen und Schritt für Schritt vorangebracht hat: die deutsch-französische Achse.

Sie war und ist der friedenspolitische Garant für ein geostrategisches Gleichgewicht in einem über Jahrhunderte von kriegerischen Konflikten verheerten Europa – ungeachtet eines mühsamen und auch von Rückschlägen und bürokratischen Verirrungen heimgesuchten Einigungsprozesses. Gerade Brexit-Großbritannien, bald vielleicht infolge einer schottischen Sezession nur mehr „Little England“, sollte dieser Perspektive eigener „Balance-of-Power“-Politik gewahr bleiben.

Nicht nur Frankreich hält das Schicksal Europas in Händen. Auch Deutschland wählt im Herbst einen neuen Bundestag und entscheidet womöglich über europäische Weichenstellungen. Verfestigt sich der einseitige Austeritäts-Kurs der Regierung Angela Merkels durch eine Verlängerung ihrer Kanzlerschaft, werden weitere sozialökonomische Verwerfungen in den romanischen Ländern die Folge sein. Frankreich muss seine Wirtschaft mit sozialer Abfederung liberalisieren und modernisieren. Aber auch Berlin ist gefordert – etwa durch Abbau des deutschen Handelsbilanz-Überschusses und eine Stärkung der Binnennachfrage.

Hoffnung auf eine Erneuerung des französisch-deutschen Tandems besteht: Wenn in Frankreich der europafreundliche Sozialliberale Emmanuel Macron und in Deutschland der überzeugte Europäer und Sozialdemokrat Martin Schulz das Rennen für sich entscheiden sollten, dann könnte es vielleicht so etwas wie ein Frühlingserwachen in Europa geben. Und wem die dabei erzeugte Brise zu frisch und heftig vorkommen sollte, der möge halt im Windschatten weiter mitsegeln.

Peter Zolling ist Kommunikationsberater und Historiker. Zuletzt erschien von ihm „Deutsche Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart – Macht in der Mitte Europas“ (Carl Hanser Verlag)

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