Gastbeitrag
Die EZB und das übelste aller Szenarien

Die EZB will mit ihrer lockeren Geldpolitik Deflation verhindern – und provoziert damit das Gegenteil. Wird sie nicht gestoppt, droht das übelste aller möglichen Szenarien: erst Geldentwertung, dann Wirtschaftseinbruch.
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Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am 7. November 2013 die Leitzinsen um 0,25 Prozent auf einen bisherigen Tiefstand von 0,25 Prozent abgesenkt. Diese EZB-Zinssenkung kam nicht aus „heiterem Himmel“ – und auch nicht das Signal aus dem EZB-Turm, dass die Zinsen bald noch weiter, auf de facto null Prozent, abgesenkt werden. Denn während überall in der Welt die Bankensektoren (gemessen als Bilanzvolumen der Zentral- und Geschäftsbanken) weiter anschwellen – weil die Zentralbanken die Zinsen abgesenkt und die Geldschleusen geöffnet haben –, schrumpfen sie nach wie nach wie vor in zwei Währungsräumen: in Großbritannien und im Euro-Raum. Wenn sich das Schrumpfen fortsetzt, schrumpfen bald auch die Kredit- und Geldmengen. Und das wiederum würde eine Deflation nach sich ziehen.

In der Öffentlichkeit löst schon das Wort Deflation meist Furcht aus – und führt geradezu reflexartig zu Forderungen nach einer Geldpolitik, die eine Deflation „bekämpft“ beziehungsweise hilft, die Deflation bereits im Vorfeld ihrer Entstehung zu verhindern. Genau auf diese Furcht setzt die EZB und legitimiert damit ihre jüngste Politik, die nicht nur eine echte Nullzinspolitik, sondern auch „unkonventionelle“ Maßnahmen wie Aufkäufe von Staats- und Bankanleihen sowie Kreditportfolios von Geschäftsbanken nach sich ziehen wird. Wenn also Deflationssorgen durch die EZB-Geldpolitiker und die Interessengruppen, die auf sie einwirken, geschürt werden, sollte mit Skepsis reagiert werden.

Der Begriff „Deflation“ bezeichnet üblicherweise einen fortgesetzten Rückgang aller Preise: Die Preise für zum Beispiel Häuser, Grundstück, Aktien und die Preise der Lebenshaltung sinken im Zeitablauf immer weiter ab. Deflation ist – wie Inflation auch – stets und überall ein monetäres Phänomen. Ein fortgesetzter Rückgang der Preise ist nur möglich, wenn die Geldmenge immer weiter schrumpft, wenn es also zu einer chronischen „Geldknappheit“ kommt.

Das war beispielsweise so in der Zeit 1923 bis 1933, der „Großen Depression“ in den Vereinigten Staaten von Amerika. Auf den durch Kredit- und Geldmengenausweitung angetriebenen „Boom“ der 20iger Jahre folgte der „Bust“: Banken wurden zahlungsunfähig, schlossen die Schalter, und damit ging das bei ihnen gehaltene Geld mit ihnen sprichwörtlich unter. Die US-Geldmenge schrumpfte um mehr als 30 Prozent. Das Schrumpfen der Geldmenge ließ die Preise  verfallen. Unternehmen, die mit immer weiter steigenden Verkaufspreisen kalkuliert und ihre Investitionen mit Krediten finanziert hatten, gingen Pleite. Der Aktienmarkt kollabierte. Die Re-zession-Depression, die notwendige ökonomische Korrektur der vorangegangenen Fehlentwicklungen, führte zu Massenarbeitslosigkeit und Verelendung.

Kommentare zu " Gastbeitrag: Die EZB und das übelste aller Szenarien"

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  • Keine Zombiebanken in Europa?
    Das gesamte europäische Bankensystem könnte in einem italienischen Zombiestreifen mitspielen. Mal sehen, ob die Zombies Draghis LTRO-Zahlungen nächstes Jahr zurückgezahlen oder ob noch mal ein paar Billionen draufgesattelt werden, wie Draghi schon angekündigt hat. Glücklicherweise (für die Zombies) werden bis dahin die Direkthilfen vom ESM für die Banken durch sein. Die Zombies werden noch etliche Billionen kosten. Die japanischen Banken gelten als saniert.

    Zimbabwe?
    Ich spreche von DEflation. In Zimbabwe gab es Deflation? Wann denn?

    Wettbewerbsfähig?
    Einige Länder sind wegen einer künstlich billigen Währung wettbewerbsfähig, dieselbe Währung ruiniert andere Länder und deren Wettbewerbsfähigkeit. Ich sprach von letzteren Ländern. Ich weiß nicht, wo Sie ihre Zahlen hernehmen, die Leistungsbilanz der Eurozone betrug im Juli 2013 16,9 Milliarden Euro nach 19,8 Milliarden im Juni, der Löwenanteil des Überschusses ist Deutschland geschuldet. Die meisten Eurostaaten und selbst Spanien haben trotz jahrelanger Depression ein Defizit. Sie wollen die PFIIGS in Sachen Wettbewerbsfähigkeit ernsthaft mit Japan oder den U.S.A. vergleichen? Das ist wahrhaft Phantasterei.

    Was die Arbeitslosenzahlen angeht: Gut, dass die Arbeitsmärkte in Europa nicht künstlich gepäppelt werden und die Zahlen nicht getürkt sind.

  • Deflation liegt vor, wenn der gesamtwirtschaftlichen Gütermenge eine zu geringe Geldmenge gegenübersteht, die Gesamtnachfrage also geringer ist als das volkswirtschaftliche Gesamtangebot.
    Oder allgemeiner formuliert, und dann auch für die Inflation brauchbar: Der Geldmarkt koppelt sich vom Gütermarkt ab und spielt seine eigene Geige.
    Aber das geschieht doch schon seit 2010, dem ESP-Programm von Jaques Delors, als die Franzosen, nach dem sie den Stimmenanteil der Deutschen in der EZB auf ganze 12% gedrückt hatten, begannen, die Forderung von Francios Mitterand von 1988, deutsche Einheit und Währungsunion nur als Junktim zu akzeptieren, was auch immer das für Ökonomie und politische Kultur in Europa bedeuten möge, auch ohne Zustimmung der europäischen Parlamente und in völliger Verkehrung der Funktion einer Zentralbank, umzusetzen: Der Zustimmung des gesamten ClubMed als Hochschuldnerländer und der internationalen Großanleger, die hier investiert waren neben den Russen mit Schwarzgeld auf Zypern, konnte die EU-Kommission da sicher sein.
    Und als sich die Schatten dieser Politik abzuzeichnen begannen, nämlich das ständig weiter auseinander-brechende Finanz- und Leistungsgefüge in den Ländern der Währungsunion, das eigentlich zusammengeführt werden sollte, wie man noch in Maastricht meinte, holte man den alten Fuchs von Goldman Sachs, der jetzt erstmals in der Weltwirtschaftsgeschichte eine Quadratur des Kreises zustande bringen sollte: Wirklich, wir gehen herrlichen Zeiten entgegen und der Spruch von Jaques Chirac aus den 90er Jahren bewahrheitet sich immer mehr: Die Währungsunion sei das größte währungspolitische Abenteuer aller Zeiten, das werden wir noch deutlich zu spüren bekommen.

  • Gähn, auch wenn so ein Abriß mal ganz nett zu lesen ist.

    Die niedrigen Zinsen werden solange bleiben (müssen) wie der ganze Papierberg mal in Relationen gerückt ist, die zu einer realen Wirtschaft von Angebot und Nachfrage zurück gefunden hat.
    Solange muss man eben sehen was gerade Sache ist und beide Szenarien, Deflation und Inflation, einigermaßen sicher zu überstehen sind.
    Da braucht man auch nicht heulen, meine Immobilien haben bis jetzt alle Widrigkeiten überstanden, mit dem billigen Geld sind die so gut in Schuß wie noch nie. Und Miete brauche ich im Alter nicht zahlen, das sichert schon mal ein wenig die niedrigen Zinsen wieder ab.
    Und das ist der Punkt den ich dabei nicht wirklich verstehe. Wenn Geld so schön billig zu haben ist, dann mit dem Füllhorn an die falschen Stellen zu bringen ist das eigentliche Problem.
    Die Mechanismen sind klar, aber im Uhrwerk ist ein Durcheinander, bringt die wieder richtig zum ticken, dann stimmt die Zeit auch, und läuft nicht nur für Milliardäre die auch noch mit 0,25% jede Minute reicher werden, statt für Leute die arbeiten wollen, aber statt dessen mit Löhnen und Lebensmittelspekulationen ausgetrickst werden.
    Nicht die Notenbanken sind das Problem, sondern die alten Rezepte alter Volkswirtschaftler und andere Schnarchnasen, die dem Nachbarn nicht das schwarze unterm Fingernagel gönnen.
    Das System braucht andere Mehrwerte, ein menschenwürdiger Arbeitsplatz in Fernost ist für mich durchaus ein Mehrwert, wenn auch "nur" ein moralischer, z. B., aber es werden immer mehr Werte über Illusionen geschaffen (Entertainment, Elekronikindustrie etc), warum dann nicht auch die Illusion, ich könnte meine Milch von glücklichen Kühen und meine Klamotten von glücklichen Näherinnen bekommen? Würde das Volkswirtschaften schaden so zu denken?

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