Gastbeitrag

Die Türkei auf Partnersuche

Die EU-Kommission drängt darauf, den Beitrittsprozess mit der Türkei voranzutreiben. So steht es im aktuellen Fortschrittsbericht. Mut machen die jüngsten Entwicklungen – denn Ankara vollzieht einen Politikwechsel.
  • Günter Seufert
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Könnten sich in Sachen Beitrittsverhandlungen bald wieder näher kommen: die Türkei und die Europäische Union. Quelle: dpa

Könnten sich in Sachen Beitrittsverhandlungen bald wieder näher kommen: die Türkei und die Europäische Union.

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In ihrem Fortschrittsbericht zur Türkei, den die EU an diesem Mittwoch vorgelegt hat, betont die Kommission die außenpolitische Bedeutung des Landes für seine Nachbarschaft und bezeichnet das Land als „einen strategischen Partner für die Europäische Union“. Doch eine Annäherung an Europa war in der Türkei in den vergangenen Jahren nicht mehr das Maß aller Dinge. Vielmehr hat Ankara eine Politik verfolgt, die auf die Etablierung als Regionalmacht gerichtet war. Die Türkei sah sich schon als potentielle Großmacht. Nun setzt sich in der türkischen Führung jedoch eine realistischere Sicht der Dinge durch.

Selbst die Anhänger der türkischen Regierungspartei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) sind vom Ergebnis der neuen Außenpolitik von Ahmet Davutoğlu enttäuscht. Nur 53 Prozent der AKP-Wähler halten etwa die Syrienpolitik für richtig, in der Gesamtgesellschaft sind 56 Prozent dagegen.

Doch die türkische Außenpolitik ist nicht nur in Syrien an ihre Grenzen gestoßen. Auch in anderen Feldern hat es nur wenige Fortschritte gegeben: Ob Zypern, Griechenland oder Armenien – keines der alten Probleme der Türkei mit ihren nichtmuslimischen Nachbarn ist gelöst. Überdies sind die Beziehungen mit ihren muslimischen Nachbarn Iran und Irak - mit Ausnahmen des kurdischen Nordirak – sowie mit Ägypten gespannt. Im Palästinakonflikt hat die AKP ihren früheren Einfluss auf die Beteiligten verloren.

Weder schaut man in Israel nach Ankara, noch bei der PLO oder der Hamas. Von der Regionalmacht Türkei ist wenig geblieben. Selbst in den USA, für die Erdoğan und Davutoğlu noch bis vor kurzem fast Partner auf Augenhöhe waren, ist Ankara heute ein Faktor unter ferner liefen. Von dem Verhältnis der Regierung zur EU will man am liebsten gar nicht erst reden.

Trotzdem, von Selbstkritik gibt es im offiziellen Ankara so gut wie keine Spur. Für Ministerpräsident Recep Erdoğan und seinen außenpolitischen Chefberater Ibrahim Kalın ist die Türkei heute der einsame Rufer, der in der Außenpolitik die Demokratie hochhält. Erdoğan beschuldigt den Westen der Doppelzüngigkeit, und Kalın sagt: „Es gibt Momente, da bleibt die Welt angesichts von Militärputschen und Massakern stumm, und man steht bei der Verteidigung der Wahrheit ganz alleine da.“

Beide behaupten, die bedingungslose Solidarität der türkischen Regierung mit der ägyptischen Muslimbruderschaft und das Drängen Ankaras auf einen Militärschlag zum Sturz Baschar al-Assads seien direkt dem Einsatz für demokratische Werte geschuldet. Weil die Türkei in diesen beiden Fragen relativ isoliert ist, spricht Kalın jetzt von einer „noblen Einsamkeit“, die ihren Wert auch daraus bezieht, dass sie letztendlich die richtige Orientierung vorgibt. Ist das nur Irrtum oder schon Verblendung?

Diese trügerische Sicherheit rührt zu einem großen Teil daher, dass die Führungsriege der Partei globale politische Veränderungen bislang durch eine ideologisch stark gefärbte Brille und damit nur einseitig wahrnahm. Zum Beispiel die neue globale Konstellation: Die wirtschaftliche und politische Schwächung Europas und der Rückgang des Einflusses der USA im Nahen Osten galten der AKP ausschließlich als eine Chance für die erneute Etablierung einer einflussreichen Türkei in der Region.

In der Tradition des Osmanischen Reiches
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20 Kommentare zu "Gastbeitrag: Die Türkei auf Partnersuche "

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  • Die EU-Kommission sollte endlich de Beitrittsverhandlungen abbrechen.

    Über 2/3 der Deutschen, der Österreicher oder der Niederländer wollen es nicht, dass die Türkei EU-Mitgliedsland wird.

    Die EU hat schon mehr als genug Probleme und nun sollen also auch noch der Kurdenkonflikt, der Zypernkonflikt, unkontrollierbare EU-Aussengrenzen zum Bürgerkriegsland Syrien, Iran und Irak mit illgaler Einwanderung und Drogenschmuggel auch noch Teil der EU werden.

    Die Deutschen wollen das einfach nicht, dass die EU ihren EU-Aussengrenzen mitten im Nahen Osten hat.

  • Meinst du (...) die "deutsche" Drohne, die in Wirklichkeit den Amis gehört und bei der ihr zu blöd wart sie zum Fliegen zu bekommen?

    Wenn ihr zu dämlich seid, könnt ihr ja türkische Drohnen von ASELSAN kaufen (...).

    Deutschland sollte per Morgenthau Plan restlos vernichtet werden. So ein Drecksland (das 100% aller Weltkriege angezettelt hat) braucht die Welt nicht.

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Oh, wir werden unsere hervorragenden Drohnen einsetzen, um die Türkei zu disziplinieren. In welchem Jahrhundert Sie (als Türke) leben, beweist ihre Annahme, das Kriege heute noch ausschließlich mit Soldaten zu gewinnen sind. Ja, unsere Rentner - Ingenieure im Ruhestand - schauen sich die Sache Kaffee trinkend auf dem Sofa an, wenn Ankara und Istanbul von der Landkarte radiert werden!
    Sie armer kleiner Türke, Sie. In welchem Jahrhundert leben Sie den?

  • Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat. Trotz des Holocaust der Türken an die Armenier.

    Die Kurden die in diesen Staatsgebilde leben, sind heute zwar nicht in der Lage einen Staat zu bilden, weil diese noch in Sippen denken und nicht an etwas größeren (ein Volk zu sein) und darum lassen sich die Kurden auch so gut steuern von den Nachbarvölkern (Türken, Iraner etc.) Ansonsten wäre dieser Vielvölkerstaat schon längst Geschichte.

    Die Türkei war „Geostrategisch“ für die USA interessant und auf dessen Betreiben konnten nur „Türkische Gastarbeiter“ für ein paar Jahre bei uns arbeiten (Wir hatten und haben aber nie Bedarf daran gehabt und es schadet uns, wir können aber die Türkischen Gastarbeiter jederzeit nach Hause schicken, dabei sind viele „Türkische Gastarbeiter“ aber Kurden und keine Türken.)

    Für uns hat dieses Land keine Bedeutung!

    Im Gegenteil!

    Die Türkei ist von „Freunden“ umgeben, Griechenland, Bulgarien, Armenien, Syrien, Iran. Diese und andere Länder haben unter den Eroberungen der Türken gelitten und es wurde ein hoher Blutzoll bezahlt (siehe Knabenlese).

    Die Türkei hat keine Freunde.

    Wichtiger ist es den Vertrag von Sevres umzusetzen damit diese Region stabilisiert wird. Konstantinopel wird dann, eine freie Staat, Armenien erhält Westarmenien und die Kurden erhalten einen eigenen Staat.

  • Geh mal zum Arzt.....

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Die Türkei gehört nicht zu Europa und darf niemals in die EU aufgenommen werde!
    Wo soll das enden? Soll der Irak oder Russland auch noch aufgenommen werden?

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