Gastbeitrag
„Erdogan schießt mit Kanonen auf Spatzen“

Für unkonventionelle Aussagen ist er bekannt. Jetzt analysiert Berlins Ex-Finanzsenator die Türkei - und kommt zu einem Ergebnis, bei dem weder die Demonstranten noch der Regierungschef gut wegkommen. Ein Gastbeitrag.
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Aufgrund eigener Erfahrungen habe ich gelernt, vielen Nachrichten und den bunten Bildern, die mit ihnen kommen, zu misstrauen. Nicht weil ich sie für gefälscht hielte, sondern weil wir in Zeiten einer immer schnelleren Kommunikation mit einer immer mächtigeren Bilderflut leicht in vorschnelle Urteile getrieben werden, die durch die bildhafte Anschauung nur scheinbar gedeckt sind.

So ist uns das Janusgesicht der „Arabellion“ in der allgemeinen Begeisterung über den Wandel in Nordafrika lange Zeit offenbar entgangen. Sicherlich wurden dort korrupte Diktaturen hinweggefegt. Aber jetzt beobachten wir eine wachsende Christenverfolgung, den Vormarsch des politischen Islams, einen Rückgang der Säkularisierung und weit und breit keine Entwicklung zu einer Demokratie nach westlichem Muster.

Mit ähnlichem Misstrauen stehe ich jetzt auch den Bildern und Berichten aus der Türkei gegenüber. Den Ministerpräsidenten Erdogan, seinen Nationalismus und die von ihm betriebene islamistische Entsäkularisierung der Türkei habe ich zwar noch nie gemocht. Seine maßlosen Äußerungen, sein ungeschicktes Verhalten und die von ihm offenbar gebilligten polizeilichen Übergriffe bei den Vorgängen rund um den Taksim-Platz in Istanbul haben ihn jetzt ein Stück weit entlarvt und entzaubert. Das finde ich gut. Aber wo bitte ist auf der Seite der Protestierenden der prinzipielle Unterschied zu früheren Vorgängen in Deutschland um die Hafenstraße in Hamburg oder bei vielen AKW-Demonstrationen?

Die internationale Medien-Hype stellt sich stets gerne an die Seite der aufbegehrenden Jugend und gegen die jeweilige Staatsmacht und schaut im Übrigen nicht so genau hin. 1979 stand sie auf der Seite der Schah-Gegner, wo hat das geendet? 2011 stand sie bei der „Arabellion“ auf der Seite der Mubarak-Gegner, wo wird das enden?

Bei den jetzigen Vorgängen in der Türkei bin ich unsicher, ob sich hier wirklich eine Modernisierung der politischen Kultur des Landes ankündigt, die am Ende auch den Nationalismus und Islamismus der AKP überwinden wird, oder ob es sich hier nicht lediglich um eine Neuauflage des alten Konflikts zwischen säkularen Kemalisten und Islamisten handelt.

Kommentare zu " Gastbeitrag: „Erdogan schießt mit Kanonen auf Spatzen“"

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  • Interessanter Artikel. Ich teile zwar nicht alle Ansichten des Herrn Sarrazin, finde es aber absolut fair und richtig vom Handelsblatt, auch ihn einmal zu Wort kommen zu lassen.

  • PS: Bei derlei "Aussagen" ("Bomber Harris, do it again" usw.) scheint eine Art Selbsthaß/-Ekel die Triebfeder zu sein. Hooton, Newman Kaufman, Morgenthau, Coudenhove-Kalergi usw. haben ihre Spuren in den Seelen hinterlassen...

  • PS: Bei derlei "Aussagen" ("Bomber Harris, do it again" usw.) scheint eine Art Selbsthaß/-Ekel die Triebfeder zu sein. Hooton, Newman Kaufman, Morgenthau, Coudenhove-Kalergi usw. haben ihre Spuren in den Seelen hinterlassen...

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