Gastbeitrag

„Erdogan schießt mit Kanonen auf Spatzen“

Für unkonventionelle Aussagen ist er bekannt. Jetzt analysiert Berlins Ex-Finanzsenator die Türkei - und kommt zu einem Ergebnis, bei dem weder die Demonstranten noch der Regierungschef gut wegkommen. Ein Gastbeitrag.
  • Thilo Sarrazin
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Thilo Sarrazin, Buchautor und politischer Kommentator, war früher Finanzsenator in Berlin und Bundesbankvorstand in Frankfurt. Quelle: picture alliance / dpaFrank Rumpenhorst dpa

Thilo Sarrazin, Buchautor und politischer Kommentator, war früher Finanzsenator in Berlin und Bundesbankvorstand in Frankfurt.

(Foto: picture alliance / dpaFrank Rumpenhorst dpa)

Aufgrund eigener Erfahrungen habe ich gelernt, vielen Nachrichten und den bunten Bildern, die mit ihnen kommen, zu misstrauen. Nicht weil ich sie für gefälscht hielte, sondern weil wir in Zeiten einer immer schnelleren Kommunikation mit einer immer mächtigeren Bilderflut leicht in vorschnelle Urteile getrieben werden, die durch die bildhafte Anschauung nur scheinbar gedeckt sind.

So ist uns das Janusgesicht der „Arabellion“ in der allgemeinen Begeisterung über den Wandel in Nordafrika lange Zeit offenbar entgangen. Sicherlich wurden dort korrupte Diktaturen hinweggefegt. Aber jetzt beobachten wir eine wachsende Christenverfolgung, den Vormarsch des politischen Islams, einen Rückgang der Säkularisierung und weit und breit keine Entwicklung zu einer Demokratie nach westlichem Muster.

Mit ähnlichem Misstrauen stehe ich jetzt auch den Bildern und Berichten aus der Türkei gegenüber. Den Ministerpräsidenten Erdogan, seinen Nationalismus und die von ihm betriebene islamistische Entsäkularisierung der Türkei habe ich zwar noch nie gemocht. Seine maßlosen Äußerungen, sein ungeschicktes Verhalten und die von ihm offenbar gebilligten polizeilichen Übergriffe bei den Vorgängen rund um den Taksim-Platz in Istanbul haben ihn jetzt ein Stück weit entlarvt und entzaubert. Das finde ich gut. Aber wo bitte ist auf der Seite der Protestierenden der prinzipielle Unterschied zu früheren Vorgängen in Deutschland um die Hafenstraße in Hamburg oder bei vielen AKW-Demonstrationen?

Die internationale Medien-Hype stellt sich stets gerne an die Seite der aufbegehrenden Jugend und gegen die jeweilige Staatsmacht und schaut im Übrigen nicht so genau hin. 1979 stand sie auf der Seite der Schah-Gegner, wo hat das geendet? 2011 stand sie bei der „Arabellion“ auf der Seite der Mubarak-Gegner, wo wird das enden?

Bei den jetzigen Vorgängen in der Türkei bin ich unsicher, ob sich hier wirklich eine Modernisierung der politischen Kultur des Landes ankündigt, die am Ende auch den Nationalismus und Islamismus der AKP überwinden wird, oder ob es sich hier nicht lediglich um eine Neuauflage des alten Konflikts zwischen säkularen Kemalisten und Islamisten handelt.

„Erlebnisse, die mich nachhaltig prägten“
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27 Kommentare zu "Gastbeitrag: „Erdogan schießt mit Kanonen auf Spatzen“"

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  • Interessanter Artikel. Ich teile zwar nicht alle Ansichten des Herrn Sarrazin, finde es aber absolut fair und richtig vom Handelsblatt, auch ihn einmal zu Wort kommen zu lassen.

  • PS: Bei derlei "Aussagen" ("Bomber Harris, do it again" usw.) scheint eine Art Selbsthaß/-Ekel die Triebfeder zu sein. Hooton, Newman Kaufman, Morgenthau, Coudenhove-Kalergi usw. haben ihre Spuren in den Seelen hinterlassen...

  • PS: Bei derlei "Aussagen" ("Bomber Harris, do it again" usw.) scheint eine Art Selbsthaß/-Ekel die Triebfeder zu sein. Hooton, Newman Kaufman, Morgenthau, Coudenhove-Kalergi usw. haben ihre Spuren in den Seelen hinterlassen...

  • Ich muß mich doch sehr wundern, daß hier jmd. ein vermeintl. "antirassitisches" "Argument" bringt, indem er sich rassistischem Nazi-Vokabulars bedient.

    Am meisten aber wundert mich, daß das Handelblatt diesen Spam (mehrmals) stehenläßt und (im Ggs. zu anderen Kommentaren) absichtlich sichtbar macht/hervorhebt unter dem "Gastkommentar" eines SPD-Mitglieds (auf den das Handelsblatt übrigens mit "Sarrazin wettert gegen Taksim-Demonstranten" "erwidert").

    Herr Stock schreibt hier oben (etwas scheinheilig, so kommt es einem jetzt vor): "In dieser Funktion kommt uns die Rolle des Moderators zu, wir bürgen mit unserem Namen für Niveau, nennen Sie Ihren Namen, bleiben Sie mit Wortwahl und Inhalt über der Gürtellinie. Diese Kommentarspalte verliert ihre Berechtigung, wenn es Ihnen um Selbstdarstellung und Effekthascherei geht. Deswegen fordere ich Sie auf: Bleiben Sie fair!"

    Oh ja, Herr Stock: Sie sind der Fairste!

  • Ich muß mich doch sehr wundern, daß hier jmd. ein vermeintl. "antirassitisches" "Argument" bringt, indem er sich rassistischem Nazi-Vokabulars bedient.

    Am meisten aber wundert mich, daß das Handelblatt diesen Spam (mehrmals) stehenläßt und (im Ggs. zu anderen Kommentaren) absichtlich sichtbar macht/hervorhebt unter dem "Gastkommentar" eines SPD-Mitglieds (auf den das Handelsblatt übrigens mit "Sarrazin wettert gegen Taksim-Demonstranten" "erwidert").

    Herr Stock schreibt hier oben (etwas scheinheilig, so kommt es einem jetzt vor): "In dieser Funktion kommt uns die Rolle des Moderators zu, wir bürgen mit unserem Namen für Niveau, nennen Sie Ihren Namen, bleiben Sie mit Wortwahl und Inhalt über der Gürtellinie. Diese Kommentarspalte verliert ihre Berechtigung, wenn es Ihnen um Selbstdarstellung und Effekthascherei geht. Deswegen fordere ich Sie auf: Bleiben Sie fair!"

    Oh ja, Herr Stock: Sie sind der Fairste!

  • Die Welt des Herrn S. ist eine Scheibe, in einem autokratischen System wie dem türkischen, würde er keinen Moment zögern, gegen die, die er für minderwertig hält, auch mit Gewalt vorzugehen. Der Artikel ist in seinem unterschwelligen Rassismus und Populismus widerlich.

    Felix von Lobenstein, Berlin

  • Ich finde nachwievor grässlich diesen Mann, Thilo Zarazin, zu irgendeinem Thema zu lesen. Ich würde mir wünschen, dass das Handelsblatt, wenn es doch mal zu einem Gastbeitrag einlädt, nicht jemanden auswählt, der Dank seiner Rhetorik und kognitiver Intelligenz versteht seine verbitterte Weltsicht durch Statistikakrobatik den Leuten dann noch als sachliche Meinung vorzugaukeln. Es gibt wahrlich kompetentere Leute, die mit Genuss kontrovers argumentieren. Bitte, Handelsblatt, geben Sie denen das Wort und tragen Sie so zu einer Verbesserung der Gesprächskultur in Deutschland bei.

  • Lieber Herr Stock,

    Ich wundere mich immer wieder, warum ein renommiertes Blatt einen Sarazzin zu einem Thema berichten lässt, von dem er offensichtlich KEINE Ahnung hat. Er hat nichts weiter zu bieten als allgemein bekannte Vorurteile um sein rassistische und fremdenfeindlichen Gedankengut zu schmücken. Der Großteil seines Berichts beruht auf einen "Besuch" vor über 30 Jahren. Man hätte damals praktisch keine Kopftücher in Istanbul oder Ankara sehen können. Dann kommt er ins Miniserium, das nur von Islamismus trieft. Dann eine platte Geschichte mit Taxifahrer der angefahren wird. Das ist schon extrem peinlich. Hauptsache in der Geschichte ist irgendwie Kopftuch drin, dann noch die Kanaken, die sich wie Kaninchen vermehren, gekrönt wird das Ganze mit Bananenrepublik ohne Rechtsystem. So etwas kann er am Stammtisch erzählen, aber im Handelsblatt?? Es gibt genug Türkeikenner, die sachlich und fachlich die Entwicklungen darstellen und analysieren können.

    Es geht nicht darum Meinungen auszugrenzen, aber ich denke schon, dass ein Mindestmaß an Qualifikation gesucht werden muss, um über ein Thema berichten zu können. Wenn man die Qualität bei Seite lässt, muss man doch zumindest darauf achten, man keine rassistischen, diskriminierenden Inhalte verbreitet oder verbreiten hilft. Sarazzin findet schon genug Themen und Foren zum Hetzen. Warum müssen sie gerade ihm ein Forum im Zusammenhang mit Ereignissen in der Türkei bieten. Sarazzin ist sicher qualifiziert dazu, da er das Land, Leute, deren Kultur und Religion offensichtlich verabscheut. er hat keine Ahnung. Ich kann das bewerten, weil ich mich seit über 30 Jahren täglich mit den Ereignissen in der Türkei beschäftige. Lassen Sie ihn über ein Thema schreiben, von dem er was versteht. Gibt es etwas, was zu Handelsblatt passt? Fremdenhass passt nicht zu einem Handelsblatt.

  • Passend dazu; Hessen All-Parteien Koalition für Multikulturalismus und Islam in Hessen.
    Passend dazu zeichnet sich in Hessen die Bildung einer "All-Parteien-Koalition" für Multikulturalimus und Freundschaft zum Islam aus.

    Dieser Tage wird der Abschluss-Bericht der Enquetekommission „Migration und Integration“, an dem Abgeordenete der Linkspartei und der CDU "hand in Hand" zusammengearbeitet haben und an dem ein Erdogan sicher Gefallen finden würde.

    Der geradezu wahnwitzige Schluss des Berichts.:

    Ursache für die Schwierigkeiten beim Zusammenleben von Einheimischen und Migranten sei überwiegend der soziale Status und weniger der kulturelle Hintergrund.

    Auch eine deutliche Entlastung für den Islam durfte nicht fehlen.
    „Diskussionen über restriktive Maßnahmen wie Kopftuchverbote oder ein Minarettverbot stärken in erster Linie Extremisten und Populisten innerhalb des Islams und der Mehrheitsgesellschaft“-

    http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/abschlussbericht-der-enquetekommission-religion-ist-kein-integrationshindernis-12242997.html

    Der Bericht verdeutlicht, dass die lange zeit vertretenen kruden Theorien linker islamophiler, multikulturalisitischer Migrationsforscher (z.B. Integrationsprobleme sind alleinige Folge der sozialen Lage der Migranten und haben nichts mit der Kultur oder der Religion zu tun,) wie sie von Leuten wie Seyran Ates, Necla Kelec all die Jahre so mühevoll bestritten wurden, in der Politik angekommen sind und die offizielle Haltung sämtlicher etablierte Parteien einschließlich der bürgerlichen Parteien CDU und SPD bilden.

    http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/abschlussbericht-der-enquetekommission-religion-ist-kein-integrationshindernis-12242997-b1.html

  • Zum Nachdenken: die rassistische Gewalt der Türken, der damalige Eroberungszug, wurde vor Wien gestoppt. Also warum heute in die EU aufnehmen?

    Man nimmt ja auch nicht Deutschland in die Russische Union auf, weil die Deutschen im 2.WK vor Moskau waren, oder? Eher das Gegenteil...

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