Gastbeitrag GIZ-Chefin Gönner
Hoffnung für Afrika

Die Aussichten für Fortschritte waren in Afrika selten so gut wie heute: Die Bevölkerung ist jung, der Ressourcenreichtum sagenhaft, vielerorts wächst die Mittelschicht. Wir sollten diese Chance nutzen. Ein Gastbeitrag.
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Die Welt befindet sich im Umbruch. Das wäre an sich noch kein bahnbrechender Befund, ist doch in der internationalen Politik derzeit überall von Wandel, Veränderung und Unsicherheit die Rede. Heruntergebrochen auf Afrika allerdings hat die Aussage Seltenheitswert, denn ein gängiges (Vor-)Urteil lautet: Afrika bleibt sich treu; es versinkt in Korruption und Konflikten – heute genauso wie vor zehn oder zwanzig Jahren.

Tatsache ist aber, auf unserem Nachbarkontinent tut sich was. Und wir laufen Gefahr, die Fortschritte zu übersehen. Stattdessen hängen wir einem alten Afrikabild nach und betrachten den Kontinent als einen einheitlichen Block. Beides ist nicht zutreffend.

Afrika ist mit seinen 55 Ländern und gut 2.000 verschiedenen Sprachen nicht nur vielfältiger als andere Weltregionen, es wandelt sich auch in deutlich schnellerem Tempo als früher. Niemand bestreitet, dass es viele Herausforderungen zu meistern hat, der Nachholbedarf weiterhin immens ist. Doch die Länder Afrikas haben einiges zu bieten.

Der fast sagenhafte Ressourcenreichtum des Kontinents wurde häufig genug beschrieben, welche Chancen die sehr junge Bevölkerung Afrikas birgt, dagegen weniger. Darin steckt eine große Macht, die sich zum Guten oder zum Schlechten einsetzen lässt.

Nirgends auch gibt es so viele freie landwirtschaftlich Flächen wie in Afrika. Vorausgesetzt sie werden sinnvoll genutzt, haben sie das Potenzial die wachsende Menschheit zu ernähren. Das Reservoir für erneuerbare Energien ist ebenfalls schier unerschöpflich. Ob Sonnen- oder Windenergie, Wasserkraft oder Erdwärme, Afrika ist gesegnet damit und im Begriff, diesen schlummernden Schatz zu bergen. Auch bei der Digitalisierung holt Afrika schnell auf. Dass es in der Lage ist, technische Neuerungen regelrecht zu umarmen, beweist seine viel zitierte Handy-Dichte.

Aber die Entwicklung geht weiter: Kenia hat ein digitales Zentrum namens „Silicon Savannah“ etabliert, Nigeria baut derzeit ebenfalls eine digitale Drehscheibe auf. Lösungen wie „M-Pesa“, die Geldgeschäfte über das Handy erlauben und damit einer Vielzahl von Menschen erst den Zugang zu Bezahlsystemen ermöglichen, werden nicht zufällig in Afrika entwickelt.

Dazu kommt ein steigendes Wirtschaftswachstum, wenn auch von niedrigem Niveau aus und mit erheblichen Unterschieden zwischen den Ländern. Doch seit der Jahrtausendwende lag das Wachstum in Afrika im Durchschnitt deutlich über jenem in Lateinamerika oder Europa, und alle Prognosen deuten weiter nach oben. Zu den so genannten wirtschaftlichen Outperformern zählen dabei neben bekannten Ländern wie Kenia, Ghana und Ruanda auch Staaten wie Äthiopien, Senegal, Niger oder Djibouti, von denen man es nicht automatisch vermuten würde.

Das heißt zugleich: Afrika wird als Markt attraktiver, nicht zuletzt weil eine wachsende Mittelschicht – die am schnellsten wachsende weltweit übrigens – Güter aller Art braucht. McKinsey zufolge werden allein die privaten afrikanischen Haushalte im Jahr 2025 Waren im Wert von über zwei Billionen Dollar erstehen – und damit fast doppelt so viel wie noch vor wenigen Jahren.

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  • Wenn die Formulierungen in diesem Artikel das „Leit-Bild“ widerspiegeln, anhand dessen unsere Politiker ihre Afrikapolitik zusammenstricken, wundert mich überhaupt nichts mehr.

    Erst ein bisschen Erdkunde für Anfänger, garniert mit ein paar politisch-korrekten „Erkenntnissen“ – oder besser: Allgemeinplätzen - aus Wirtschaftswissenschaft und -politik, dazu etwas pflichtbewusstes Problembewusstsein, und dann ein prall-schönes „Wünsch-Dir-was-Programm“. Bei dem die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort und die Bedürfnisse der „ganz normalen“ afrikanischen Bevölkerung offenbar erst die letzte Rolle spielen. Immer schön vooorsichtig an der oft knallharten Realität der Menschen dort vorbei (allein schon diese ewige Wasserschlepperei, die viele Mädchen vom Schulbesuch abhält…). Um hier bloß keinen potentiellen – ob man ihn einen nach humanistischen Kriterien agierenden seriösen Investor nennen kann oder eher einen skrupellosen Geschäftemacher nennen muss, kommt jetzt ganz auf die jeweilige individuelle Motivation an - zu verschrecken.

    Apropos „verschrecken“: Zum - hoffentlich - wenigstens teilweisen „Ausgleich“ haben sie in Afrika aber durchaus auch einige schöne und wertvolle – wenngleich (einige hier werden vielleicht denken: „leider“) meist immaterielle - Dinge zu bieten, die die meisten von uns aufgrund materieller Übersättigung zwangsläufig oft gar nicht kennen.

    Zu meinem eigentlichen Anliegen: An dem Artikel regt mich vor allem diese Passage hier auf:

    „Doch die Länder Afrikas haben einiges zu bieten. Der fast sagenhafte Ressourcenreichtum des Kontinents wurde häufig genug beschrieben, welche Chancen die sehr junge Bevölkerung Afrikas birgt, dagegen weniger. Darin steckt eine große Macht, die sich zum Guten oder zum Schlechten einsetzen lässt.“

    Bis in die allerjüngste Vergangenheit und oft nach wie vor wurde und wird dieser „sagenhafte Ressourcenreichtum des Kontinents“ in trauter, … >> Teil 2 folgt!

  • Teil 2/2:

    … trauter, formaljuristisch, (d.h. auf dem Papier*, s.u.) „korrekter“ Zusammenarbeit mit den dortigen „Regierungsverantwortlichen“ skrupellos AUF KOSTEN UND ZU LASTEN DER CHANCEN DER „sehr jungen Bevölkerung Afrikas“ ausgebeutet.

    Und je geringer deren Chancen und Perspektiven, insbesondere die der weiblichen Bevölkerung, umso unhaltbarer die immer rascher voranschreitende Bevölkerungsexplosion (die in diesem Artikel wohlweislich mit keinem Wort erwähnt wird, aber oft mangels echter demokratischer Strukturen samt der dazugehörigen Institutionen und Infrastruktur jeden Fortschritt sofort wieder "auffrisst").

    Soviel zu „… denn ein gängiges (Vor-)Urteil lautet: Afrika bleibt sich treu; es versinkt in Korruption und Konflikten – heute genauso wie vor zehn oder zwanzig Jahren“.

    *(Sarkasmus an:) Was auf diesen Papieren steht, hat ja die dumme Bevölkerung auch gar nicht zu interessieren, so sie denn überhaupt lesen und schreiben kann, nicht wahr? (Sarkasmus wieder aus).


    Und überhaupt, allein schon die Tatsache, dass dort Geld für Schulgebühren und –uniformen aufgewendet werden muss, was für viele Familien ein erhebliches finanzielles Opfer bedeutet, ist ein Unding. Und dass dieses Geld trotzdem oft aufgewendet w i r d, ein sehr deutlicher Hinweis darauf, wie wichtig den meisten Afrikanern Bildung und insbesondere die damit verbundene Hoffnung auf eine bessere Zukunftsperspektive ist. Und dass sie bereit sind, sehr viel dafür zu tun.

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