Gastbeitrag

Inflation ist keine Lösung

Das Bundesverfassungsgericht will mit Rettungsschirmen den Markt beruhigen. Aber es wird Jahrzehnte dauern, um die Wirtschaft wieder auf gesunde Beine zu stellen. Die simple Hoffnung der Optimisten ist lediglich naiv.
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Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Quelle: dapd

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

(Foto: dapd)

Manchmal scheint es in diesen Tagen, als würde Europa - ja vielleicht die ganze Welt – auf Karlsruhe schauen. Am 12. September will das Bundesverfassungsgericht über den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) und den Fiskalpakt entscheiden. Gibt es grünes Licht, so die simple Hoffnung der Optimisten, werden gigantische Rettungsschirme die Märkte beruhigen und ein Ende der Schuldenkrise einläuten. Doch dieser Glaube vieler Politiker ist naiv, denn er ignoriert die hohe Verschuldung vieler Industrienationen und den Zwang, sie abzubauen.

Dieses Problem sind wir trotz aller Diskussionen bislang nicht grundlegend angegangen. Tatsächlich ist die gesamte Verschuldung - öffentlich und privat - in den elf bedeutendsten westlichen Volkswirtschaften von im Schnitt 381 Prozent Mitte 2007 bis heute auf 417 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gewachsen.

Praktisch in jedem einzelnen Land –Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Japan, Kanada, Portugal, Spanien und USA – liegt das Verhältnis von Gesamtverschuldung zu Sozialprodukt heute über dem Wert von 2007. Entschuldung - neudeutsch: Deleveraging - scheint schlichtweg nicht umsetzbar. Die Welt taumelt nach wie vor unter einem Berg von Schulden. Daraus lassen sich fünf Schlussfolgerungen ziehen.

Erstens: Die Entschuldung hat nicht einmal ansatzweise begonnen, folglich hat die Krise der Weltwirtschaft noch gar nicht eingesetzt. All die Sparbemühungen und Einschränkungen der vergangenen Jahre sind bestenfalls eine Aufwärmübung für die bevorstehende, weitaus größere Krise.

Zweitens: Es wird mindestens 15 Jahre dauern, bis die Wirtschaft rund um den Globus wieder einen Zustand erreicht hat, der gesundes Wachstum erlaubt. Denn in der Mehrzahl der Länder muss die gesamte Verschuldung, einschließlich der privaten, um mindestens 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verringert werden. Die Geschichte lehrt uns aber, dass Verschuldung nicht um mehr als zehn Prozentpunkte jährlich reduziert werden kann. Andernfalls sind größere soziale und politische Verwerfungen zu erwarten.

Drittens: Wenn die Staaten mit dem Schuldenabbau beginnen, wird dies massive Auswirkungen auf die Volkswirtschaften haben. Große Industrieländer müssen das Verhältnis von Staatseinnahmen zu Staatsausgaben um mehr als zehn Prozentpunkte des Bruttosozialprodukts steigern, wenn sie ihre Verschuldung wieder auf das Niveau von 2007 senken möchten. Weil der Abbau des Defizits aber unweigerlich negative Rückkopplungen auf die Wirtschaft mit sich bringt, droht diesen Ländern eine Schrumpfung des Sozialprodukts um mehr als 20 Prozent. Der ebenfalls notwendige Abbau von Verschuldung des privaten Sektors ist dabei noch gar nicht berücksichtigt.

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25 Kommentare zu "Gastbeitrag: Inflation ist keine Lösung"

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  • Bei Andre Kostolany, dem alten Börsenfuchs kann mans nachlesen: NUR mit Inflation gehts!! Er hat die "Schuldenkrise" und ihre Mechanismen schon 1987!! beschrieben! Der Starvolkswirt Helmut Schmid(-"Schnauze") sagte: "5% Inflation sind mir lieber als 5% Arbeitslose." Am Ende musste er zwar beides akzeptieren, Er konnte jedoch rechnen: bei einer jährlichen Inflationsrate von 5% ist nach 20 Jahren eine Schuld von 100.000€ auf ca 35.000€ entwertet: ohne einen Cent abzuzahlen ist man fast 2/3 seiner Schulden los. Der Autor des Artikels würde gut zu den "Ökonomen" Nida-Rümelin und Habermas passen, die unser Politikergenie sich als Berater in Wirtschaftsfragen genommen hat.

  • Warum steigen bei Inflation die Zinsen? Möchte der Sparer eine reale Rendite erwirtschaften, wird er eine Verzinsung oberhalb der Inflation erwarten, die entsprechend höher ausfallen muss, wenn es eine höhere Geldentwertung gibt.

    Daran wird langfristig auch eine Zentralbank nichts ändern können. Sie kann natürlich die Anleihen aufkaufen, um Einfluss auf die Preise zu haben. Trotzdem werden große Teile der "echten" Marktteilnehmer nicht bereit sein, dauerhaft zu real negativen Zinsen das Geld anzulegen.

    Die Folge ist, dass die Zentralbank selber mehr und mehr Staatsanleihen hält und somit immer mehr auch zum Gläubiger des Staates wird. Am Ende könnte sie der Regierung auch gleich das Geld leihen und einen Zinssatz von bspw. Null festlegen. Gebraucht der Sozialminister dann künftig noch mal ein paar Mrd. für ein neues Transfersystem, dann schmeist die Zentralbank die Notenpresse an und druckt es für ihn.

    Konsequenz: Eine noch weiter ansteigende Inflation.

    Fazit: Inflation und überbordende Verschuldung des Staates können auf Dauer nicht gutgehen, egal mit welchen statistischen Tricks uns irgendwelche "Experten" das Gegenteil nachweisen wollen!

  • <„Die Lage ist hoffnungslos. Aber viele Politiker ignorieren schlicht und einfach das Offensichtliche. Sie leugnen die hohe Schuldenlast und werden zugleich nicht müde, ein politisches Gimmick nach dem anderen aus dem Hut zu ziehen.“>

    Sehr guter Artikel. Leider, leider!
    Den Mut zur Wahrheit haben unsere Regierenden samt Opposition nicht. Vielleicht sind sie auch zu doof dazu.

    Um Alternativen/Lösungsmöglichkeiten zu finden, muss erst mal die aktuelle Lage ohne Schönfärberei auf den Tisch. Obwohl wir schon bis über die Ohren verschuldet sind, und riesige Haftungssummen angehäuft haben und noch anhäufen werden, wird so getan, als ob wir die gesamte Euro-Zone retten könnten.

    http://www.welt.de/wirtschaft/article108400004/Rating-Agentur-haelt-deutsche-Pleite-fuer-moeglich.html

    Und dann kommen unsere Politiker, und denken, dass das Volk auch noch an Verträge und Versprechungen in der Euro-Zone glaubt, wo alle diese Verträge laufend gebrochen werden. Zu Recht wird gesagt, dass diese das Papier nicht wert sind auf welchem sie geschrieben sind.
    http://politropolis.wordpress.com/2012/06/29/dirk-mulller-abgeordnete-verhindert-diesen-wahnsinn/

    Wenn wir wenigstens nicht diesen Sch… Euro hätten, und dadurch auch noch die Euroschuldenstaaten finanzieren müssten, wären die Bürger in Deutschland sicher viel mehr motiviert „in die Hände zu spucken“! Aber so ist die Lage wirklich hoffnungslos.

  • Der Vollständigkeit halber und vor allem, zur besseren Einschätzung, wäre es hilfreich, wenn man den Autor des Artikels benennen würde, werte Redaktion. ;-)

  • @Lohnindexierung
    "Durch Lohnindexierung. Man nimmt einen Warenkorb und schaut, wie die Preise sich entwickeln und wenn eine definierte Marge überschritten wird, dann gibt es automatisch Lohnanpassungen."

    Zentrale Planwirtschaft at its best. Ein zentraler Planer ist nie schlauer als die Summe der Marktteilnehmer. Sozialismus und zentrale Planwirtschaft funktionieren niemals.

  • Jedenfalls eine erfrischend andere Sichtweise als vom Superkeynesianer Krugman, der dummerweise nichts von Wirtschaft versteht, und dem von linken Umverteilungspolitikern so gern zugehört wird.

  • Der Autor liegt bei vielen Aussagen etwas daneben. Leider.

    Will man die Schulden reduzieren stellt sich zuerst die Frage: Wer hält die Staatsanleihen? Wer das recherchiert wird feststellen, dass ein großer Teil von den sog. Institutionellen Anlegern gehalten wird. Wer sind diese misteriösen Leute, die so große Mengen Geld haben?

    Institutionelle Anleger sind z.B. private Rentenversicherungen, private Krankenversicherungen, Lebensversicherungen und andere aus der Branche. Außerdem sind es zum Teil Banken und sehr wohlhabende Privatpersonen.

    Wir als Staat schulden uns sozusagen selbst ziemlich viel Geld. Macht ein Staat einen Schuldenschnitt, ist klar wer Geld verliert. Jeder, der eine Versicherung hat.

    Spart ein Staat und gibt keine neuen Anleihen heraus und zahlt vielleicht alte sogar zurück, haben Versicherungen keine Möglichkeit mehr ihre Kundengelder anzulegen. Versicherungen sind nämlich gesetzlich verpflichtet in sichere Anlagen (wie z.B. Staatsanleihen) zu investieren.

    Der kluge Leser wird sich jetzt vielleicht fragen, ob Versicherungen denn überhaupt weiterhin so viele Kundengelder bekommen werden, wenn ein Staat spart. Die Antwort ist "Nein". Spart ein Staat, reduziert er seine Ausgaben oder erhöht die Steuern oder beides. In allen Fällen bleibt den Bürgern weniger Geld zum Leben. Die Arbeiter in der Wirtschaft zahlen höhere Steuern und die Staatsangestellten erhalten weniger Gehalt. In der Folge haben alle Menschem weniger freies Geld zum anlegen in Alters-, Kranken-, Unfall-, etc-, Vorsorge.

    Und damit schließt sich der Kreis.

    Geld ist immer ein Kreislauf. Zu viele Menschem vergessen das. Geld verschwindet nicht (außer es wird von der Zentralbank eingezogen). Geld wechselt immer nur den Besitzer. Auch Steuern verschwinden nicht. Sie werden vollständig wieder an die Bürger des Staates ausbezahlt (normalerweise aber nicht an die, die die Steuer bezahlt haben)

  • @ noch_gehts

    Sie haben völlig recht! Steuererhöhungen sind theoretisch wie praktisch keine Lösung für das Problem. Sie werden zumeist gleich wieder für die in dem sehr treffenden und erfrischend realistischen Artikel beschrieben, gleich wieder für politische, vornhemlich sozial-politische, Projekte rausgehauen, damit man die nächste Wahl gewinnt.

    Auf der anderen Seite liegt die Lösung: Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik ist der Schlüssel. Ein weiteres unter unzähligen Beispielen: Die großen von demokratischen Nachfragepolitikern regierten Staaten in den USA sind oder gehen alle Pleite. Bis auf Texas...Und warum? Na, klar, genau deswegen.

    Wir leben im Kapitalismus! Ohne entsprechende Anlagebedingungen kommt aber kein Kapital zu uns! Im Gegenteil es wird fernbleiben oder abziehen. Da gibts dann nicht mehr viel zu holen über die Steuern = Nettowohlfahrtsverlust für alle!

  • Danke, Sie haben Recht.

  • Boah so ein Dummschwätz mit dem Einkommen höher besteuern. Das Problem der Politik ist doch, dass die Steuern so hoch sind und immer noch so viel reinkommt! Wenn es weniger Steuereinnahmen wären, hätten der Bundestag das Haushalten nicht verlernt. Ich bin nicht bereit noch mehr als 60% meines Einkommens abzugeben. Sollte das kommen, beginne ich weniger zu arbeiten und mich mit weniger Einkommen zu begnügen...

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