Gastbeitrag: „Italien hängt mehr denn je von der EZB ab“

Gastbeitrag
„Italien hängt mehr denn je von der EZB ab“

Die Mehrheit der Italiener hat eine Politik gewählt, die nicht an Reformen interessiert ist. Das wird das Land weiter zurückwerfen. Nur die Europäische Zentralbank kann jetzt noch helfen - mit schwerwiegenden Folgen.
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55 Prozent der Italiener haben Berlusconi oder Grillo gewählt. Eine Mehrheit unterstützt also Parteien, die nicht konstruktiv an einer Lösung der tief greifenden Probleme Italiens arbeiten. Der dringend notwendige Reformdurchbruch ist unwahrscheinlicher denn je.

Wie sollte das auch einer frei gewählten Regierung gelingen, wenn selbst der Technokraten-Regierung Monti kein Durchbruch an der Reformfront geglückt ist? Montis Arbeitsmarktreform muss als gescheitert gelten, weil italienische Unternehmen noch immer von den Gerichten gezwungen werden können, entlassene Mitarbeiter nach Jahren wieder einzustellen. Das größte Problem Italiens, die seit Jahren stagnierende Produktivität, hat Monti an die Tarifvertragsparteien delegiert, obwohl vor allem der überbordende und ineffiziente öffentliche Dienst für das Produktivitätsdesaster verantwortlich ist.

Anders als Spanien, Portugal und Irland hat Italien gemessen an den Lohnstückkosten nichts von dem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit aufgeholt, den das Land vor Eintritt in die Währungsunion bis zum Ausbruch der Staatsschuldenkrise erlitten hatte. Die Reformverweigerung Italiens spricht leider dafür, dass das Land wirtschaftlich weiter zurückfallen wird.

Italien hängt mehr denn je von der EZB ab – von ihrer Nullzinspolitik und ihrer Bereitschaft, im Fall der Fälle die Staatsanleihen Italiens oder anderer Peripherieländer zu kaufen. Die EZB hat tiefe Taschen, ihr wird es wohl gelingen, die Währungsunion trotz eines fehlenden Reformdurchbruchs zusammen zu halten.

Ich erwarte nicht, dass die Staatsschuldenkrise in den nächsten Tagen wie Mitte 2011 eskaliert. Aber die Rettungspolitik mit der Notenpresse hat ihren Preis. Langfristig drohen mehr Inflation, ein weicher Euro und weniger wirtschaftliche Dynamik. Die Währungsunion dürfte über die Jahre mehr und mehr Ähnlichkeiten mit dem Italien der 70er und 80er Jahre entwickeln, weshalb ich seit Mitte letzten Jahres von einer ‚italienischen Währungsunion‘ spreche.

Jörg Krämer (45) ist seit 2006 Chefvolkswirt und Bereichsvorstand Research bei der Commerzbank. Seine Karrierestationen waren zuvor Merrill Lynch Capital Markets in Frankfurt, Invesco Asset Management in Frankfurt und die Bayerische Hypo- und Vereinsbank in München.

Kommentare zu "„Italien hängt mehr denn je von der EZB ab“"

Alle Kommentare
  • Die Mehrheit der Italiener hat eine Politik gewählt, die nicht an Reformen interessiert ist.

    Dieser Satz wird durch ständige Wiederholung in den vielen MS-Medien nicht einen Deut richtiger. Die Italiener haben die zutiefst korrupte Politelite, die de facto die Wasserträger der Finanzelite sind, abgewählt. Leider gibt es in Deutschland keinen Grillo.

  • Die Mehrheit der Italiener hat eine Politik gewählt, die nicht an Reformen interessiert ist.

    Dieser Satz wird durch ständige Wiederholung in den vielen MS-Medien nicht einen Deut richtiger. Die Italiener haben die zutiefst korrupte Politelite, die de facto die Wasserträger der Finanzelite sind, abgewählt. Leider gibt es in Deutschland keinen Grillo.

  • Unabhängig von den Folgen der Wahlen finde ich es positiv, dass "nur" noch ein Drittel der Italiener hinter Mafia, Korruption und korrumpierter Bürokratie stehen (Berlusconi). Das ist zumindest ein zarter heller Streif am Horizont.

  • O-Ton Jörg Krämer
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    Das größte Problem Italiens, die seit Jahren stagnierende Produktivität, hat Monti an die Tarifvertragsparteien delegiert, obwohl vor allem der überbordende und ineffiziente öffentliche Dienst für das Produktivitätsdesaster verantwortlich ist.
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    Den Rückgang (mominal, und erst recht real) der Ausgaben für die Gehaltskosten im öffentlichen Dienst in Italien 2011 und 2012 hat Herr Krämer anscheinend nicht zur Kenntnis genommen.

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    O-Ton Jörg Krämer
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    Anders als Spanien, Portugal und Irland hat Italien gemessen an den Lohnstückkosten nichts von dem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit aufgeholt, den das Land vor Eintritt in die Währungsunion bis zum Ausbruch der Staatsschuldenkrise erlitten hatte.
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    Im 1. Quartal 2010 lagen der Lohnstückkostenindex in Italien bei 112,9, im Deutschland bei 104,6. Was einen relativen Nachteil von 7,9% Italiens gegenüber Deutschland ergibt.

    Im 3. Quartal 2012 lagen der Lohnstückkostenindex in Italien bei 114,8, im Deutschland bei 108,1. Was einen relativen Nachteil von 6,2% Italiens gegenüber Deutschland ergibt.

    Italien hat den Rückstand bei den Lohnstückkosten also von 7,9% auf 6,2% verringert. Zugegeben - andere Länder haben stärker aufgeholt. Aber von Stillstand kann in Italien keine Rede sein.

    Des weiteren scheint der Herr Krämer zu übersehen, daß die Wettbewerbsfähigkeit bei Dienstleistungen ebenso wichtig ist wie die in der Güterproduktion.

    Vom 3. Quartal 2010 zum 3. Quartal 2012 sind die Exporte (Güter und Dienstleistungen) Italiens von 106.320,9 auf 119.295,1 Mio Euro gestiegen. Das ist eine Zunahme von beachtlichen 12,2% in zwei Jahren.

    Entsprechend war vor zwei Jahren die italienische Leistungsbilanz mit -5355,9 Mio negativ, während sie im 3. Quartal 2012 einen Überschuß von +7331,5 Mio aufweist.

    ...

    Die Darstellung der Lage Italiens durch den Herrn Krämer ist stellenweise grob verzerrt und stellenweise vollkommen verkehrt.

  • Das ist vielleicht ein Konglomerat an Meldungen und Nachrichten.
    Berlusconi verschenkt Milliarden an die Bürger. Die Commerzbank dagegen hängt an der Herz-Lungenmmaschine der Steuerzahler, weil sie sonst ein Totalschäden wäre. Solche Leute geben hier Tipps und starten Aufrufe? Das klingt mir alles wenig seriös?
    Pleite gehen kann ich auch selber. Dafür brauche ich keinen Rat von Bankern. Auch wenn das schneller geht.

  • Insolvente Länder benötigen immer mehr Finanzhilfe.

    Die Gegenleistung ist:
    keine oder unzureichende Reformen,
    Rettung über Notenpresse,
    Inflation,
    ein weicher Euro,
    “italienische Währungsunion“
    Deflation

    Welchen Erfolg kann eine Gemeinschaft haben, wenn nur eine Minderheit versucht finanzielle Grenzen einzuhalten? Wie das in studentischen WGs ausgeht wissen wir.

    Wenn die EU an uneingeschränkten Rettungen ohne jegliche Reglementierung festhält, dies als „richtig“ verkauft, warum versuchen wir dann selbst zu sparen, anstatt uns ebenfalls aus der Notenpresse zu bedienen?

    Dieses absolute Festhalten um jeden Preis erschließt sich mir nicht. Wäre es nicht höchste Zeit für ein Europa der zwei Geschwindigkeiten?

  • Sehr geehrter Herr Krämer,
    ich finde es immer verwunderlich, wenn Vorstände der Commerzbank in den Medien auftreten und die Zusammenhänge der Weltökonomie erklären.
    Bitte nicht als persönliche Kritik verstehen.
    Es drängt sich schon die Frage auf, weshalb diese Kompetenz nicht im eigenen Unternehmen geballt zum Einsatz gekommen ist bzw. noch kommt ?
    Die Commerzbank wäre, also normales Unternehmen und nicht massiv vom Staat gestützt, längst als Insolvenzfall in die Geschichte der Wirtschaft eingegangen.

  • Die Italiener haben klar gegen die EU, gegen die Sparpläne aus Brüssel, gegen ihren Goldman-Sachs-Sanierer Monti und ausdrücklich auch gegen das deutsche Diktat gewählt. Italien wird weder Sparmaßnahmen noch Reformen beschließen können. Die Euro-Retter zittern. Seit langer Zeit unbemerkt von der Öffentlichkeit ist noch etwas passiert: Es gibt einen ESM für NICHT-Euro-Staaten. Wir haften auch für Bulgarien, Rumänien und Ungarn. Die EU-Kommission hat sich faktisch selbst ermächtigt, unser Geld in Nicht-Euro-Ländern zu verteilen und dafür zu Lasten der EU Schulden zu machen, was ausdrücklich verboten ist.

    http://www.welt.de/kultur/medien/article113901535/Wohin-fliesst-das-Geld-fuer-Spanien-Irland-amp-Co.html

    "Eine Fernsehdokumentation als Horrormovie für den Steuerzahler: Der Arte-Film "Staatsgeheimnis Bankenrettung" fragt, wer genau gerettet wird, wenn die maroden Euro-Länder Geld in ihre Banken pumpen."

    Arte: "Staatsgeheimnis Bankenrettung", 26.2. 21:45

    Bitte anschauen!!

  • Das kann auch die EZB auch nicht, denn damit schickt sie ein falschen Signal.

    Nichts ist spannender als Politik und Wirtschaft.

  • genauso ist es.^^

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