Gastbeiträge

_

Gastbeitrag: „Italien hängt mehr denn je von der EZB ab“

Die Mehrheit der Italiener hat eine Politik gewählt, die nicht an Reformen interessiert ist. Das wird das Land weiter zurückwerfen. Nur die Europäische Zentralbank kann jetzt noch helfen - mit schwerwiegenden Folgen.

Jörg Krämer ist Chefvolkswirt und Bereichsvorstand Research bei der Commerzbank. Quelle: Bert Bostelmann/bildfolio für Handelsblatt
Jörg Krämer ist Chefvolkswirt und Bereichsvorstand Research bei der Commerzbank. Quelle: Bert Bostelmann/bildfolio für Handelsblatt

55 Prozent der Italiener haben Berlusconi oder Grillo gewählt. Eine Mehrheit unterstützt also Parteien, die nicht konstruktiv an einer Lösung der tief greifenden Probleme Italiens arbeiten. Der dringend notwendige Reformdurchbruch ist unwahrscheinlicher denn je.

Anzeige

Wie sollte das auch einer frei gewählten Regierung gelingen, wenn selbst der Technokraten-Regierung Monti kein Durchbruch an der Reformfront geglückt ist? Montis Arbeitsmarktreform muss als gescheitert gelten, weil italienische Unternehmen noch immer von den Gerichten gezwungen werden können, entlassene Mitarbeiter nach Jahren wieder einzustellen. Das größte Problem Italiens, die seit Jahren stagnierende Produktivität, hat Monti an die Tarifvertragsparteien delegiert, obwohl vor allem der überbordende und ineffiziente öffentliche Dienst für das Produktivitätsdesaster verantwortlich ist.

Anders als Spanien, Portugal und Irland hat Italien gemessen an den Lohnstückkosten nichts von dem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit aufgeholt, den das Land vor Eintritt in die Währungsunion bis zum Ausbruch der Staatsschuldenkrise erlitten hatte. Die Reformverweigerung Italiens spricht leider dafür, dass das Land wirtschaftlich weiter zurückfallen wird.

Internationale Pressestimmen zur Wahl in Italien

Italien hängt mehr denn je von der EZB ab – von ihrer Nullzinspolitik und ihrer Bereitschaft, im Fall der Fälle die Staatsanleihen Italiens oder anderer Peripherieländer zu kaufen. Die EZB hat tiefe Taschen, ihr wird es wohl gelingen, die Währungsunion trotz eines fehlenden Reformdurchbruchs zusammen zu halten.

Ich erwarte nicht, dass die Staatsschuldenkrise in den nächsten Tagen wie Mitte 2011 eskaliert. Aber die Rettungspolitik mit der Notenpresse hat ihren Preis. Langfristig drohen mehr Inflation, ein weicher Euro und weniger wirtschaftliche Dynamik. Die Währungsunion dürfte über die Jahre mehr und mehr Ähnlichkeiten mit dem Italien der 70er und 80er Jahre entwickeln, weshalb ich seit Mitte letzten Jahres von einer ‚italienischen Währungsunion‘ spreche.

Jörg Krämer (45) ist seit 2006 Chefvolkswirt und Bereichsvorstand Research bei der Commerzbank. Seine Karrierestationen waren zuvor Merrill Lynch Capital Markets in Frankfurt, Invesco Asset Management in Frankfurt und die Bayerische Hypo- und Vereinsbank in München.

  • 26.02.2013, 12:42 Uhrkarstenberwanger

    JEDER der nur annähernd auf 3 zählen kann, der weiss bereits seit fast 4 JAhren dass Italien im Eimer ist, genau wie Frankreich und Spanien es auch sind...Frankreich und Spanien können es nach wie vor noch mit Hilfen gut verstecken aber ewig wird das nicht mehr gehen.

    Dieses Euro Spiel IST AUS und ich bin sicher dass man im Hintergrund bereits Strategien ausarbeitet wie man dieses Reaktor herunterfahren kann, während man uns vor der Fassade den Endsieg vorspielt....bis es kracht.

  • 26.02.2013, 12:48 UhrNumismatiker

    Warum sollten die Italiener auch Reformen durchführen?

    Deutschland zahlt doch! Vollkommen alternativlos.

  • 26.02.2013, 12:50 UhrTheVote

    Nun ja, Italien hat vergreiste Dekadenz gewählt. Nun können sich die arbeitswilligen Italiener in die Schlange der Arbeitsemigranten in Deutschland einreihen.

    Nur, da wir schon genügend Pizzerien und Eisdielen haben, können wir diesmal, im Gegensatz zu den 60er und 70er des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends, diesmal nur die gut ausgebildeten Italiener brauchen, und für alle anderen die "Sozialhilfe" über die EZB nach Italien überweisen.

  • Kommentare
Wallstreet Journal Deutschland: Am Rumpf der Titanic

Am Rumpf der Titanic

Wer das „Wallstreet Journal Deutschland“ besuchen möchte, wird umgeleitet. Morgen wird die Seite ganz abgeschaltet. Kein Grund an den Untergang einer Branche zu glauben, meint Oliver Stock.

Meinung: Das Erfolgsrezept der Skandal-Rapper

Das Erfolgsrezept der Skandal-Rapper

Songs von Verbrechen und Gewalt: Im Hip-Hop gehört das nicht nur zum guten Ton. Einige Rapper leben ihre Musik aus und landen deshalb immer wieder vor Gericht. Über den Erfolg einer ganz speziellen Musikrichtung.

  • Kolumnen
Was vom Tage bleibt: Katar, bitte melden!

Katar, bitte melden!

Schon wieder hilft ein Emirat Europa: Diesmal Katar als Kunde von Airbus. Papst Franziskus liest der Kirche die Leviten. Und: Udo Jürgens wird immer lebendig bleiben. Lesen Sie, was vom Tage wichtig war.

Der Werber-Rat: Wünsch dir was!

Wünsch dir was!

Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Wünsche. Deshalb erlaube ich mir heute, einige Wünsche an die Bundeskanzlerin zu richten – und zwar in Sachen Wirtschaft.

Der Medien-Kommissar: Nie war Hollywood mutloser

Nie war Hollywood mutloser

Sony lässt die Satire „Das Interview“ mit der fiktiven Ermordung des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un im Giftschrank des Filmstudios verschwinden. Eine Entscheidung mit Folgen für die Traumfabrik und den Konzern.

  • Gastbeiträge
Eon: Neue Energie für's Image?

Neue Energie für's Image?

Verbraucher halten Eon für den besten der großen Energiekonzerne. Verkauft Eon nur noch Ökostrom, könnte das Image weiter steigen. Die Konkurrenz in diesem Umfeld ist jedoch stark. Ein Gastbeitrag.

Gastbeitrag zur Netzneutralität: „Frau Merkel, Sie spielen falsch!“

„Frau Merkel, Sie spielen falsch!“

Dass Merkel Spezialdienste bevorzugt durchs Netz leiten will, ist abwegig. Es gibt nur einen Grund, manche Datenpakete im Internet anders zu behandeln als andere: Wenn davon alle profitieren. Ein Gastbeitrag der Piraten.

Junckers Investitionsinitiative: „Mehr Mut zu Europa, Herr Gabriel!“

„Mehr Mut zu Europa, Herr Gabriel!“

EU-Kommissionschef Juncker liegt mit seiner „Investitionsoffensive für Europa“ goldrichtig. Dass Wirtschaftsminister Gabriel daran herummäkelt, ist nicht nachvollziehbar. Er sollte das Herumlavieren sein lassen.

  • Presseschau
Presseschau: Quo vadis, Deutsche Bank?

Quo vadis, Deutsche Bank?

Die Deutsche-Bank-Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen lassen sich bei ihren Plänen mit der Postbank nicht in die Karten schauen. Die Wirtschaftspresse sieht in den Marktgerüchten Ausdruck einer internen Sinnkrise.