Gastbeitrag
Kapitalismus für alle

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Schwächen im Risikomanagement schonungslos offengelegt. Jetzt müssen wir das Finanzsystem ausbauen, demokratisieren und modernisieren. Nur dann bekommen wir auch die Risiken besser in den Griff.
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Das Treffen der G20-Staats- und Regierungschefs in Pittsburgh war in mancherlei Hinsicht eine Inspiration: Die wichtigsten Nationen der Welt arbeiten wirklich zusammen, um die Finanzkrise zu bewältigen. Sie werden ihr koordiniertes Programm der Konjunkturstimulierung fortsetzen, Protektionismus vermeiden, daran arbeiten, das Risikomanagement und den Zugang zu Nahrungsmitteln, Energie und Finanzen für die Ärmsten der Welt zu verbessern. Ihr Kommuniqué beinhaltet im Anhang eine Version von Angela Merkels "Charta des nachhaltigen Wirtschaftens", die die wichtigsten Verantwortlichkeiten der Nationen dieser Welt auflistet.

Eines der wichtigeren Themen blieb jedoch außen vor: Wie sollen wir unser Finanzsystem nachhaltig modernisieren und demokratisieren? Das Abschlussdokument war im Ton in vielen Aspekten negativ gehalten. Es spricht von "härterer Regulierung" und wendet sich "gegen unverantwortliche Risiken von Banken und Finanzinstitutionen". Aber um das Risikomanagement zu verbessern, muss man nicht mit Härte vorgehen. Es geht vielmehr darum, Institutionen des Risikomanagements zu verbessern und sie jedermann zugänglich zu machen.

Die G20 hätte sich lieber damit befassen sollen, wie man das Finanzsystem so gestalten kann, dass es tatsächlich den Menschen nützt, und zwar in einer neuen Form, die wissenschaftliche Erkenntnisse besser berücksichtigt. In ihrer Charta verlangt Merkel eine Wirtschaft, die "den Menschen dient". Das ist im G20-Dokument festgehalten. Um das zu erreichen, müssen die Finanzinstitutionen aber ein höheres Niveau erreichen. Und das erfordert eine umfangreiche Planung.

Wir müssen unsere Institutionen weiterentwickeln, um künftige Krisen zu vermeiden. Wichtig ist vor allem, die Risiken von Blasen auf den Immobilienmärkten in den Griff zu bekommen - davon ist die Krise ja ausgegangen. Ein anderes Kernproblem sind die starken Schwankungen des Bruttosozialprodukts, die Folge der Krise waren. Aber diese Themen standen nicht auf der Liste des G20-Dokuments.

Der negative Unterton gegenüber den Finanzinstitutionen im G20-Kommuniqué ist bedauerlich, weil er Fortschritte beim Risikomanagement verlangsamen könnte. Fortschritte, die unvermeidlich sind, um aus dieser Krise herauszufinden. Glücklicherweise tauchte im Schlussdokument kein Plan mehr für eine Steuer auf Finanztransaktionen auf, ein Thema, das auf den vorangegangenen Treffen noch breit diskutiert wurde. Sowohl Angela Merkel als auch Finanzminister Peer Steinbrück hatten Unterstützung für diese Idee signalisiert, ebenso wie Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der Chef der britischen Finanzaufsicht, Adair Turner.

Dieser Vorschlag geht auf meinen Yale-Kollegen James Tobin zurück, der 2002 verstorben ist. Schon vor Jahrzehnten schlug er eine Abgabe vor, die heute als Tobin-Steuer bekannt ist. Er sah sie als Möglichkeit, Sand ins Getriebe des Finanzsystems zu streuen, um die Entwicklungen ein wenig abzubremsen und dadurch weniger Anreiz für die Spekulation zu geben. So wollte er die Ursachen der Probleme im Finanzsektor bekämpfen.

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Kommentare zu " Gastbeitrag: Kapitalismus für alle"

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  • Die Amerikaner können über ihre Verhältnisse leben und der Rest der Welt finanzieren es ihnen. Das kein zwar kein nachhaltiges Gleichgewicht, aber es funktioniert schon jahrzehntelang so und ich wage zu behaupten es wird die nächsten 5 Jahre ebenfalls funktionieren. Larry Summers, Wirtschaftsberater von barack Obama, bezeichnete diesen Zustand schon 2004 als „Gleichgewicht des finanziellen Schreckens“.
    Den banken werden Milliarden hinterher geworfen, so dass das Finanzsystem nicht kollabiert. Anderen industrien (Auto) wird selektiv geholfen und die Schulden zahlen die zukünftigen Generationen und nicht die Wähler von heute... und wo ist der Kapitalismus für alle ?

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