Gastbeitrag
„Keine Notfallklinik für den Euro!“

Der Aufruf der deutschen Ökonomen kommt zum richtigen Zeitpunkt. Es ist ein Alarmruf fünf Minuten vor zwölf. Die Politik wäre gut beraten, ihn ernst zu nehmen, statt mit immer neuen Formelkompromissen herum zu lavieren.
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Ratschläge sind auch Schläge – so mögen manche in Politik und Wirtschaft den jüngsten kritischen Aufruf von über 190 führenden deutschen Ökonomen zu den Beschlüssen des letzten EU-Gipfels empfunden haben – und schlagen jetzt kräftig verbal zurück. Einige versuchen dabei ihren Schwächeanfall im europäischen Verhandlungsmarathon zu überspielen. Andere können so ihre Begeisterung für einen Durchmarsch in den europäischen Interventionsstaat verstecken.

Richtig ist, die neuen EU - Beschlüsse sind vage und vieldeutig auswertbar. Aber allen Beteiligten ist klar: Wir haben mit diesem Gipfel einen weiteren, möglicherweise entscheidenden Schritt in die europäische Transferunion getan, bei dem letztlich die wirtschaftlichen Risiken vergesellschaftet werden, ohne zunächst die Verantwortung für die insbesondere fiskalischen Entscheidungen anwendungssicher europäisch zu zentralisieren.

Ich jedenfalls habe diesen Aufruf mitunterzeichnet, weil ich immer für den Euro war und noch bin, nur eben als Wachstums- und Stabilitätsgemeinschaft, und nicht als Notfallklinik. Es ist ein politischer Weckruf, keine der feinsinnigen wissenschaftlichen Analysen, die schon seit Jahren in vielfältiger Form vorliegen. Zuletzt hat der Sachverständigenrat in einem Sondergutachten an diesem Freitag seine aktuelle Einschätzung nach dem Gipfel vermittelt, in der ebenfalls davor gewarnt wird zu glauben, die Probleme seien nun gelöst. Und Bundesbankpräsident Weidmann hat in einer bemerkenswert harschen öffentlichen Analyse in dieser Woche die Ergebnisse kritisiert. Zur behaglichen Selbstzufriedenheit besteht nun also wirklich kein Anlass.

Es fällt schwer, Unmut zu unterdrücken, wenn ich bei einer anderen Initiative nachlese ("Europas Bankenkrise: Ein Aufruf zum Handeln"), bei der ich in der Morgendämmerung der großen Wirtschaftskrise Anfang Oktober 2008 gemeinsam mit führenden europäischen Makroökonomen unterschrieb, und die europaweit Aufmerksamkeit fand: "Wir brauchen einen das ganze System umfassenden Ansatz, und in Europa bedeutet dies eine Initiative zur Rekapitalisierung des Bankensektors unter der Federführung der EU.... Es wäre auch wichtig, einen harmonisierten Ansatz für die Einlagensicherung zu vereinbaren. Um künftig Krisen dieser Art zu verhindern, wird auch eine Regulierung der europäischen Finanzmärkte und -institutionen auf europäischer Ebene erforderlich sein."

Bis heute ist wenig geschehen, was diesen Ansprüchen gerecht geworden wäre. Wir haben längst nicht nur eine große Vertrauenskrise des Euros, sondern eine der ganzen europäischen Gemeinschaft. Wir sind dabei, das europäische Vermächtnis unserer Mütter und Väter leichtfertig zu verspielen.

Kommentare zu " Gastbeitrag: „Keine Notfallklinik für den Euro!“"

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  • @azaziel
    Genau so ist es.

    Und das Vertrauen in unsere Politiker ist weg. Vollkommen. Wahrscheinlich wünscht sich die große Mehrheit in Deutschland, ein EU-Land ohne Euro zu sein.
    Glückliches Schweden!

  • Vermutlich hat Herr Storbeck diese darstellungen nicht gelesen, es wäre im zu empfehlen: erst informieren, dann denken, dann schreiben.

  • "Dieser Mangel an demokratischer Öffentlichkeit festigt bei vielen Bürgern den Eindruck, dass in der Euro-Krise lediglich von Gipfel zu Gipfel aktionistisch reagiert wird."

    Hier geht es nicht um Eindrücke sondern und um Tatsachen!

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