Gastbeitrag
Lasst den Worten Taten folgen

Die Bilanz der Deutschen Bank besteht zu großen Teilen aus Handelsaktivitäten. Die Eigenkapitalquote ist weiterhin jenseits von Gut und Böse. Die Finanzaufsicht Bafin erlaubt dem Geldhaus diese magische Risikolosigkeit.
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Die Deutsche Bank kommt nicht aus den Negativschlagzeilen. Jetzt muss sie vor einem Quartalsverlust von einer 1,2 Milliarden Euro warnen. Die größte Bank mit Hauptsitz in Deutschland behauptet, sie hätte sich in den letzten Jahren weitgehend gewandelt, die Bafin behauptet das Gegenteil. Jenseits der Überschriften lohnt sich ein genauerer Blick in die Bilanz.

Die Bank berichtet stolz, sie habe ihre Eigenkapitalquote deutlich erhöht. 2007 hatte sie nur 34 Milliarden Euro Eigenkapital. Dies ist in den letzten Jahren auf 54 Milliarden Euro angewachsen. Aus 1,7 Prozent Eigenkapitalquote wurden 2,7 Prozent. Nur: Jedes normale Unternehmen hat 30 Prozent Eigenkapital und mehr. Selbst, wenn man für Banken andere Regeln gelten lässt, bleiben 2,7 Prozent jenseits von Gut und Böse. Manche sagen, die Bank wäre ein verkleideter Hedgefonds, weil sie nur noch spekuliere und keine Kredite mehr vergebe. 2007 wurden tatsächlich nur zehn Prozent der Finanzmittel als Kredite vergeben. Daraus sind immerhin 19,7 Prozent geworden. Allerdings wurden vor 25 Jahren noch 72 Prozent der Mittel als Kredite ausgereicht.

Die Bilanz der Deutschen Bank besteht also immer noch vor allen Dingen aus Handelsaktivitäten, insbesondere aus Derivaten, hochgehebelten Produkte, die es erlauben, mit minimalem Kapitaleinsatz große Wetten einzugehen. Ihr Marktwert wird abgeleitet von einem Nominalwert, zum Beispiel einem Devisenkurs, und schwankt mit diesem. Der Nominalwert aller Derivate der Deutschen Bank beträgt 55 Billionen Euro. Das ist etwa so viel wie das BIP der gesamten Welt.

Die Risikolosigkeit dieser Geschäfte erschließt nicht leicht. Angeblich gibt es für jede Position eine perfekte Gegenposition. So werden die Risiken kleingerechnet. Dank der Großzügigkeit der Bafin durfte dieses Kleinrechnen 2012 sogar um 16 Prozent aggressiver gestaltet werden, so dass die Bank 1475 Milliarden Euro Handelsaktiva in lächerliche 125 Milliarden Euro sogenannte risikogewichtete Aktiva verwandeln konnte. Auf diese bezieht sich die offizielle Eigenkapitalquote der Bank.

Der Grund für diese magische Risikolosigkeit sind die aufsichtsrechtlich erlaubten bankinternen Modelle. Es lohnt sich, deren Beschreibung im Risikobericht (auf Seite 110) zu lesen. Man ist ganz beeindruckt von der geradezu wissenschaftlichen Genauigkeit der Parameter. Nur dann folgt der ernüchternde Satz: „... steht uns für die Einschätzung dieser Parameter eine Datenhistorie von mehr als sieben Jahre zur Verfügung“. Was nutzen die besten Mathematiker, wenn die Historie nur sieben Jahre beträgt? War nicht die zentrale Erkenntnis der Krise, dass die Modelle dramatisch versagt hatten, weil sie sich auf zu kurze Zeitreihen stützten?

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  • Alle Volkswirte, die uns den Finanzmarkt erklären, verschweigen ein ganz offensichtliches Problem: Die Gültigkeit des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik oder das Problem der Entropie im Finanzmarkt. Sie ist nämlich die Information, die uns nicht zur Verfügung steht: VaR-Modell hin, VaR-Modell her. Sieben Jahre oder 100 Jahre zurück. Wir protzen zwar mit dem, was wir wissen, aber dass, was wir nicht wissen, lassen wir weg. Dennoch: Die Entropie entscheidet: Ist sie größer als mein Wissen, dann bin ich Zocker. Ist sie kleiner, dann bin ich ein Investor. Ist sie null, dann bin ich Sparer. Wenn man die Entropie des globalen Finanzmarkts berechnet, so lässt sich in einem Bild sagen, dass wir so eben den Klappentext des gesamten Buches kennen. Wir, die Dt. Bank, schließen von ca. drei Wörtern auf den ganzen Text. Kein erfolgversprechendes Unterfangen, reine Glücksache eben.

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