Gastbeitrag: Macht der Paris-Terror Pegida stärker?

Gastbeitrag
Macht der Paris-Terror Pegida stärker?

Könnte der Paris-Terror anti-islamischen Strömungen in Deutschland Auftrieb geben? Der Dresdner Parteienforscher Patzelt glaubt eher, die Ignoranz der Politik lasse Pegida stärker werden. Ein Gastbeitrag.
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Hatten die Kreuzzüge wirklich nichts mit dem Christentum zu tun? Und folgt aus der Tatsache, dass es Kreuzzüge gab, dass alle Christen damals aggressive Muslimhasser waren? Sobald man seine eigenen Antworten auf diese Fragen gefunden hat, wird man auch vernünftige Antworten auf die folgenden Fragen suchen können: Haben Anschläge wie der auf den Zeichner der Mohammed-Karikaturen oder auf Charlie Hébdo wirklich nichts mit dem Islam zu tun?

Und folgt aus der Tatsache, dass Muslime derlei Anschläge verübt haben, dass alle Muslime aggressive Hasser unserer europäischen, mitunter auch „abendländisch“ genannten Lebensweise sind?

Bei der Antwort auf diese Fragen erkennt man leicht, dass es genau so platt ist, vor Gleichsetzungen von Islam und Islamismus zu warnen, wie es solche Gleichsetzungen selbst sind. Welcher nachdenkende Mensch setzt denn da wirklich gleich? Eher haben solche Warnungen zur Folge, dass Diskussionen über folgende Fragen erstickt werden: Woher kommen denn die mannigfachen Probleme mit der Integration muslimischer Minderheiten in unsere liberalen, pluralistischen, auch Religion nicht vom Recht auf Kritik und Satire ausnehmenden Gesellschaften?

Und woher kommen umgekehrt jene Schwierigkeiten, die wir säkularisierten Europäer mit Menschen haben, für die Religion kein Jux ist, sondern etwas, das sie ihnen wirklich viel bedeutet?

Solche Diskussionen müssen wir aber führen, und zwar nicht jeweils unter uns über die jeweils anderen, sondern gerade zwischen jenen Gruppen, die in unseren multikulturell gewordenen Gesellschaften zusammenleben. Während wir diese Diskussionen führen, sollten wir aber keinerlei Einschränkungen unserer erreichten Freiheit und Pluralität hinnehmen – und dürfen zudem die Sicherheitsbehörden nicht durch Tun oder Lassen daran hindern, ihre Aufgaben wirkungsvoll zu erfüllen. Denn nur solange Recht und Ordnung gewährleistet sind, kann man sich selbstverständlicher Freiheit, Pluralität und Demokratie erfreuen.

Wer jene als „Islamhasser“ oder „Fremdenfeinde“ ausgrenzt, die über solche Probleme reden und Politiker in die Pflicht nehmen wollen, sich Gedanken zu machen über die Konsequenzen von Einwanderung ohne Einwanderungspolitik, von Zuwanderung ohne Integrationspolitik, der löst unweigerlich Empörung und einen Prozess „innerer Kündigung“ gegenüber unserem freiheitlichen Staatswesen aus. Eben das beobachten wir im Aufkommen, im Selbstverständnis und in der Artikulation von Pegida.

Recht besehen, sind es also nicht Terroranschläge wie der in Paris, die Pegida Zulauf bescheren, sondern ist es jene Mischung von Beschönigungsversuchen, von Tabuverhängung und von Elitenarroganz, mit der ein Teil der politischen Klasse immer wieder der öffentlichen Erörterung unangenehmer Themen zu entkommen versucht. Und besonders wenig überzeugend sind derlei Versuche, wenn Ostdeutsche auf die geringe Zahl von Muslimen im eigenen Landesteil hingewiesen werden – so, als wäre es bizarr, in Deutschland gegen die Vernichtung tropischer Regenwälder zu demonstrieren, obwohl Deutschland keinen einzigen tropischen Regenwald besitzt.

Kommentare zu " Gastbeitrag: Macht der Paris-Terror Pegida stärker?"

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  • Macht der Paris-Terror Pegida stärker?


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    Die Spiele mit der Meinungsbildungen.

    Jetzt kann sich die versagende " EU " etwa bei fehlerhafte

    EU-Politik in EU-ARBEITSPLATZBESCHAFFUNG...

    sich die Sympathien der Kritzler aneigenen...

    um nicht so schnell in dessen Zielscheibe der Bleistifte zu stehen.





  • Sehr gut!

  • Als Atheist habe ich bisher immer andere Glauben respektiert,obwohl ich meine, daß diese ganze Glauberei nur Unfrieden und Stllstand in der Entwicklung bringt.
    Wenn ich aber jetzt sehe, wie wir aufgeklärten und fortschrittlichen Mitteleuropäer ins Altertum zurückfallen sollen, und von den regierenden Machthabern mehr oder weniger gezwungen werden, dieses Spielchen aus Staatsräson und "politischer Korrektness" mitzumachen, wehre ich mich.
    Brecht hat gesagt:
    Wer die Wahrheit nicht weiß ist ein Dummkopf.Wer sie aber weiß und sie eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher!

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