Gastbeitrag
Putins letzter Trumpf

Moskau hat fast seinen gesamten Einfluss in der Ukraine eingebüßt. Nun setzt Putin auf die Krim. Doch ein ungelöster Konflikt um die Halbinsel würde sie international isolieren – und die Ukraine weiter destabilisieren.
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Aus Moskauer Perspektive war der Sturz des ukrainischen Präsidenten in der vorvergangenen Woche das Ergebnis eines von westlichen Akteuren instigierten Staatsstreichs anti-russischer „Banditen” und „Extremisten”. Die feste Überzeugung, die Entwicklungen in Kiew seien Teil der geopolitischen Rivalität zwischen Moskau und dem Westen um Einfluss in der ehemaligen Sowjetunion, verstellte der russischen Führung den Blick auf die Tatsache, dass weite Teile der ukrainischen Bevölkerung nicht mehr mit der gewissenlosen Ausbeutung des Landes durch den Janukowitsch-Klan leben wollten. Stattdessen hoffte Moskau, die Unruhen in der Ukraine mit einem Milliardenkredit und vergünstigtem Gas auskaufen zu können. Wie sich herausstellte war dies die erste große Fehlkalkulation des Kreml.

Die zweite Fehlkalkulation wurzelt in der Weigerung der russischen Elite, die ukrainische Gesellschaft als ein eigenständiges Gebilde zu akzeptieren. Wann immer in der Ukraine ein politischer Konflikt aufbricht, beginnt man in Russland über Föderalisierungs- und Spaltungsszenarien zu diskutieren – und glaubt fest daran, diese steuern zu können. Es wurde jedoch schnell deutlich, dass die Situation in der Ostukraine wesentlich komplexer ist. Aus diesem Grund verlagerte Moskau sein Hauptaugenmerk sodann auf die Krim.

Wladimir Putin, bei dem alle wichtigen außenpolitischen Entscheidungen liegen, vermied lange programmatische Äußerungen im Hinblick auf die Ukraine. Dafür heizten andere politische Akteure von Außenminister Lavrov bis hin zu nationalistischen Parlamentariern unentwegt die Stimmung an. Das Ergebnis war ein erratischer Zickzackkurs, der schwankte zwischen der Entsendung des im Westen hoch angesehenen Vladimir Lukin zu den Verhandlungen nach Kiew und der Stationierung zusätzlicher russischer Truppen auf der Krim.

Moskau hat fast seinen gesamten Einfluss in der Ukraine eingebüßt. Freilich bleibt der Bezug zum russischen Nachbarn in den östlichen Landesteilen stark, doch können erst Parlamentswahlen diesen Faktor politisch wieder zum Tragen bringen. Vorerst ist Kiew fest in der Hand der Majdan-Revolutionäre, und die scheinen es mit vorgezogenen Wahlen zur Verkhovna Rada nicht eilig zu haben. Die Krim ist der letzte Trumpf Moskaus. Der Kreml hat sich nun offensichtlich entschlossen, Fakten zu schaffen. Oder, um im Bilde der geopolitischen Rivalität zu bleiben: Gegenfakten zum vom Westen organisierten Umsturz in Kiew. Es ist nicht anzunehmen, dass die russische Führung eine klare Vorstellung vom Endpunkt dieser Entwicklung hat. Stattdessen läuft sie große Gefahr, weiteren Fehlkalkulationen aufzusitzen:

Kommentare zu " Gastbeitrag: Putins letzter Trumpf"

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  • Frage an die ganze Welt:" Was haben die Russen schon Gutes in der Welt gemacht?"

  • Politikwissenschaft ist keine Naturwissenschaft sondern ist überwiegend von der Sichtweise des Wissenschaftlers geprägt. Deshalb bleibt auch diese Aussage:
    "Freilich bleibt der Bezug zum russischen Nachbarn in den östlichen Landesteilen stark, doch können erst Parlamentswahlen diesen Faktor politisch wieder zum Tragen bringen. Vorerst ist Kiew fest in der Hand der Majdan-Revolutionäre, und die scheinen es mit vorgezogenen Wahlen zur Verkhovna Rada nicht eilig zu haben." Nur eine Randnotiz, obwohl sie zu objektiven Betrachtungsweise Wesentliches beizutragen hätten.
    - Warum läßt man sich soviel Zeit
    - Wieviel Rückhalt hat Russland in der Ostukraine tatsächlich
    - wer sind die treibenden Kräfte auf dem "Euromaidan" und wer finanziert sie
    Nur einige Fragen, die Sie uns geflissentlich unterschlagen. Die aber für ein Gesamtbild wesentlich sind.
    Deshalb für Sie der Verweis auf Quellen, die nicht unbedingt Kremlnah sind:
    Mißfelder!, der davor warnt, die jetzt in Kiew Regierenden zu aktiv zu unterstützen. Da es sonst zu einem Erschrecken kommen könnte, wen wir denn da unterstützt haben.
    BBCnews beleuchtet die tatsächlich Mächtigen auf dem Maidan. Der exellenten Fragetechnik des Interviewers waren die Personen nicht gewachsen ("What this mean?")
    Sollen wir in Deutschland Antworten wie
    - ein wenig wie Hiltler
    - Minderheiten wie Russen und Juden
    - Ukraine den Ukrainern u.a.
    hierzulande nicht hören dürfen.
    Oder die Begriffe "sign of nazigermany" der Reporter?
    Sie sehen also, jedes Ding hat zwei Seiten.
    Ganz abgesehen von der Peinlichkeit eines MINISTER Kerry.
    in 3! Talkshows gestern: "Man darf einfach nicht unter vorgetäuschten Gründen in ein anderes Land einmarschieren."
    SENATOR Kerry: stimmte unter Bush für den Irakeinsatz!

  • Kram ist der letzte Trumpf Moskaus.

    Ich forsche zwar nicht und habe keine Doktortittel, aber so eine Einschätzung zu einem Land, das die meisten Ressourcen besitzt und über Atomwaffen verfügt, ist doch etwas verfehlt.

    Da ist die Bundesregierung gut beraten.

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