Gastbeitrag
Radikaler Kulturkampf in der Türkei

Die Protestaktionen in der Türkei sind eine Aufforderung an den türkischen Premier Erdoğan, die Gesellschaft nicht weiter entlang kultureller Linien zu polarisieren. Yaşar Aydın erläutert die Hintergründe.
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Was als Protest gegen die Abholzung von Bäumen im Gezi Park am Istanbuler Taksim-Platz begann, entwickelte sich zu türkeiweiten Protestaktionen gegen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan. Denn wenngleich der Protest von sehr unterschiedlichen Gruppierungen mit jeweils eigenen Forderungen getragen wird, so eint die Ablehnung von Erdoğans polarisierendem Politikstil doch einen Großteil der Demonstranten. Erdoğan wird vorgeworfen, zur Benachteiligung säkular orientierter Bevölkerungsgruppen beizutragen. Der seit der Republikgründung andauernde Kulturkampf zwischen traditionell-konservativen und säkular-liberalen Lebensweisen hat sich unter Erdoğans AKP-Regierung radikalisiert.

Die positive Wirtschaftsentwicklung der zurückliegenden zehn Jahre hat einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel bewirkt. Dabei kam es zu einer Verschiebung der politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse zuungunsten von säkular-liberal orientierten Bevölkerungsteilen. Der AKP-Regierung wird vorgeworfen, staatliche Aufträge bevorzugt an eine Unternehmerschicht zu vergeben, deren Wertesystem im Islam verwurzelt ist. Religiös-konservative Menschen werden bei der Besetzung staatlicher Ämter bevorzugt und traditionelle Lebensstile zunehmend in der Öffentlichkeit sichtbar. Gleichzeitig wird die Meinungsfreiheit missachtet, säkular-linksliberale Journalisten werden eingeschüchtert. Bei den städtischen, säkular orientierten Bevölkerungsgruppen erzeugt dies die berechtigte Sorge, weiter ausgegrenzt und abgehängt zu werden. Noch brisanter ist die Situation in Provinzstädten, in denen der konservative Konformitätsdruck auf säkular orientierte Menschen, Nichtmuslime und Aleviten besonders einschüchternd wirkt. Ein Großteil der Protestierenden gehört zu diesen Bevölkerungsgruppen.

Für Frust sorgen auch Erdoğans polarisierende Äußerungen der letzten Monate. Beim letzten Wahlkampf machte er Anspielungen auf die alevitische Herkunft von Kemal Kiliçdaroglu, den Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei und rügte Aleviten wegen ihrer liberalen Religionsauffassung. Er unterstellte der beliebten türkischen Fernsehserie Muhtesem Yüzyil (Das prächtige Jahrhundert), den osmanischen Herrscher Süleyman den Prächtigen als lasterhaft zu porträtieren und rief die Staatsanwälte auf, gegen die Sendung vorzugehen. Die Ankündigung, die dritte Bosporus-Brücke nach Yavuz Sultan Selim zu benennen, der für die Verfolgung von Aleviten im 16. Jahrhundert verantwortlich war, war ein weiterer Höhepunkt politischer Unsensibilität und wurde von Aleviten als Kampfansage wahrgenommen.

Eine weitere Quelle des Unmuts ist eine Stadtentwicklungspolitik, die überaus unsensibel mit dem kulturellen Erbe, der historisch gewachsenen urbanen Struktur und dem kulturellen Gedächtnis von Stadtteilen umgeht. Der Abriss des traditionsreichen Kinos Emek Sinemasi in der Nähe des Taksim-Platzes im Mai 2013, mit dem ein Stück Istanbuler Geschichte und ein „Denkmal“ der Populärkultur verloren gegangen ist, ist hierfür exemplarisch. Auch damals ging die Polizei rabiat gegen die protestierenden Künstler und Schauspieler vor.

Kommentare zu " Gastbeitrag: Radikaler Kulturkampf in der Türkei"

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  • as hat haben die diversen Regierungen vor der AKP auch getan, und demonstranten wuerden damals mit richtigen Waffen beschossen.

    Was hier stattfindet, ist einseits eine gute Entwiclkung, den die Jugend ist nicht mehr bereit immer wieder vor vollendeten Tatsachen zu stehen, sie wollen vorher Informiert werden und eine Mitsprache haben.

    Andererseits ist es nichts anderes als ein gewinsel von Verwoehnten. "Weisse Tuerken" aus der westliche Tuerkei waren immer bevorzugt, und mit Erdogan kammen "schwarzen Tuerken" aus Antolien an die Macht. Die Weissen Tuerken muessen jetzt damit leben das sie 1. nicht mehr bevorzugt werden, 2. eventuell benachteiligt 3. mit der Mehrheit der Bevoelkerung um die gleichen Jobs bewerben. Das Brahmanentum ist abgeschafft!

  • "Zahlreiche Demonstranten flohen ... in Panik in ein Hotel. Einige hätten dort erbrechen müssen."

    Das kann ich gut verstehen, wenn Claudia Roth dabei war.

  • Claudia Roth, wie hälst du es mit der Religion?

    http://sch-einesystem.tumblr.com/post/53101003351/sonntag-nachttanzdemo-anti-karfreitag-der

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