Gastbeitrag

Radikaler Kulturkampf in der Türkei

Die Protestaktionen in der Türkei sind eine Aufforderung an den türkischen Premier Erdoğan, die Gesellschaft nicht weiter entlang kultureller Linien zu polarisieren. Yaşar Aydın erläutert die Hintergründe.
  • Yaşar Aydın
12 Kommentare
Aktivisten am Eingang des Gezi Parks in Istanbul. Quelle: dpa

Aktivisten am Eingang des Gezi Parks in Istanbul.

(Foto: dpa)

Was als Protest gegen die Abholzung von Bäumen im Gezi Park am Istanbuler Taksim-Platz begann, entwickelte sich zu türkeiweiten Protestaktionen gegen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan. Denn wenngleich der Protest von sehr unterschiedlichen Gruppierungen mit jeweils eigenen Forderungen getragen wird, so eint die Ablehnung von Erdoğans polarisierendem Politikstil doch einen Großteil der Demonstranten. Erdoğan wird vorgeworfen, zur Benachteiligung säkular orientierter Bevölkerungsgruppen beizutragen. Der seit der Republikgründung andauernde Kulturkampf zwischen traditionell-konservativen und säkular-liberalen Lebensweisen hat sich unter Erdoğans AKP-Regierung radikalisiert.

Die positive Wirtschaftsentwicklung der zurückliegenden zehn Jahre hat einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel bewirkt. Dabei kam es zu einer Verschiebung der politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse zuungunsten von säkular-liberal orientierten Bevölkerungsteilen. Der AKP-Regierung wird vorgeworfen, staatliche Aufträge bevorzugt an eine Unternehmerschicht zu vergeben, deren Wertesystem im Islam verwurzelt ist. Religiös-konservative Menschen werden bei der Besetzung staatlicher Ämter bevorzugt und traditionelle Lebensstile zunehmend in der Öffentlichkeit sichtbar. Gleichzeitig wird die Meinungsfreiheit missachtet, säkular-linksliberale Journalisten werden eingeschüchtert. Bei den städtischen, säkular orientierten Bevölkerungsgruppen erzeugt dies die berechtigte Sorge, weiter ausgegrenzt und abgehängt zu werden. Noch brisanter ist die Situation in Provinzstädten, in denen der konservative Konformitätsdruck auf säkular orientierte Menschen, Nichtmuslime und Aleviten besonders einschüchternd wirkt. Ein Großteil der Protestierenden gehört zu diesen Bevölkerungsgruppen.

Yaşar Aydın ist Mercator-IPC-Fellowan an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Yaşar Aydın ist Mercator-IPC-Fellowan an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Für Frust sorgen auch Erdoğans polarisierende Äußerungen der letzten Monate. Beim letzten Wahlkampf machte er Anspielungen auf die alevitische Herkunft von Kemal Kiliçdaroglu, den Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei und rügte Aleviten wegen ihrer liberalen Religionsauffassung. Er unterstellte der beliebten türkischen Fernsehserie Muhtesem Yüzyil (Das prächtige Jahrhundert), den osmanischen Herrscher Süleyman den Prächtigen als lasterhaft zu porträtieren und rief die Staatsanwälte auf, gegen die Sendung vorzugehen. Die Ankündigung, die dritte Bosporus-Brücke nach Yavuz Sultan Selim zu benennen, der für die Verfolgung von Aleviten im 16. Jahrhundert verantwortlich war, war ein weiterer Höhepunkt politischer Unsensibilität und wurde von Aleviten als Kampfansage wahrgenommen.

Eine weitere Quelle des Unmuts ist eine Stadtentwicklungspolitik, die überaus unsensibel mit dem kulturellen Erbe, der historisch gewachsenen urbanen Struktur und dem kulturellen Gedächtnis von Stadtteilen umgeht. Der Abriss des traditionsreichen Kinos Emek Sinemasi in der Nähe des Taksim-Platzes im Mai 2013, mit dem ein Stück Istanbuler Geschichte und ein „Denkmal“ der Populärkultur verloren gegangen ist, ist hierfür exemplarisch. Auch damals ging die Polizei rabiat gegen die protestierenden Künstler und Schauspieler vor.

Die Opposition muss sich auf mehrheitsfähige Positionen einigen
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12 Kommentare zu "Gastbeitrag: Radikaler Kulturkampf in der Türkei"

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  • as hat haben die diversen Regierungen vor der AKP auch getan, und demonstranten wuerden damals mit richtigen Waffen beschossen.

    Was hier stattfindet, ist einseits eine gute Entwiclkung, den die Jugend ist nicht mehr bereit immer wieder vor vollendeten Tatsachen zu stehen, sie wollen vorher Informiert werden und eine Mitsprache haben.

    Andererseits ist es nichts anderes als ein gewinsel von Verwoehnten. "Weisse Tuerken" aus der westliche Tuerkei waren immer bevorzugt, und mit Erdogan kammen "schwarzen Tuerken" aus Antolien an die Macht. Die Weissen Tuerken muessen jetzt damit leben das sie 1. nicht mehr bevorzugt werden, 2. eventuell benachteiligt 3. mit der Mehrheit der Bevoelkerung um die gleichen Jobs bewerben. Das Brahmanentum ist abgeschafft!

  • "Zahlreiche Demonstranten flohen ... in Panik in ein Hotel. Einige hätten dort erbrechen müssen."

    Das kann ich gut verstehen, wenn Claudia Roth dabei war.

  • Claudia Roth, wie hälst du es mit der Religion?

    http://sch-einesystem.tumblr.com/post/53101003351/sonntag-nachttanzdemo-anti-karfreitag-der

  • @ Ali

    Sehr interessanter Beitrag ! Danke.

    Jetzt kann ich einiges, was in der Türkei passiert, noch besser verstehen.

  • Erdogan hat an der Verbindung wirtschaftlicher Aktivität mit religiöser Orientierung mitgewirkt. Dieser "calvinistische" Islam war und ist der wichtigste Antrieb des türkischen Aufschwungs.
    Allerdings hört die missionarische Tätigkeit der islamisch orientierten AKP nicht in der Wirtschaftswelt auf; und an einer demokratischen Zivilgesellschaft ist sie nicht interessiert. Vielmehr will sie die schon vor der Republikgründung aufgekommene, jedoch erst durch Atatürk durchgesetzte Aufklärung und die weltlich orientierte Lebensweise rückgängig machen. Ihre Vetternwirtschaft trägt zur Polarisierung zusätzlich bei.

    Damit die türkische Wirtschaft weiter wachsen kann, muss jedoch die überwiegend weltlich orientierte gebildete Schicht in den Prozess einbezogen werden. Gelingt das nicht, so wird der türkische Aufschwung nicht von Dauer sein. Das haben die Finanzkreise auch erkannt und für einen schmerzhaften Sturz an der Istanbuler Börse gesorgt: Ein Zeichen des Misstrauens in Erdogans Regierungsfähigkeit. Das treibt Erdogan zur Wut und versetzt ihn in Panik.

  • @ ObiwanKenobi

    "... und mich als Muslim und AKP Befürworter freut es, ..."

    Das ist aber schön, dass Sie sich hier als Erdogan-Fan outen. Da können sich die Leser ja ein klares Bild von der Qualität Ihrer Argumente machen.

    "... randalierenden Möchtegern-Kommunisten ..."

    Solche Formulierungen sagen doch schon alles.

    Und Ihre Unterstellung, ich würde Bildzeitung lesen, verbitte ich mir.

    "Islamophobie" ist übrigens ein Begriff, den die iranischen Mullahs erfunden haben, um Regimekritiker zu verfolgen und zu ermorden. Dass Sie diesen polemischen Kampfbegriff hier verwenden, zeigt, wes Geistes Kind Sie sind.

  • Ich finde es hier müßig, die Fortschritte und Erfolge der Regierung Erdogan aufzuzählen. Nur soviel, bevor diese Regierung kam, gab es in der Türkei nicht mal ansatzweise einen Rechtsstaat, und dieser ist ja bekanntermaßen die Grundlage für Demokratie. Heute können diese Menschen (und ich meine damt nicht die randalierenden Möchtegern-Kommunisten) demonstrieren und Ihre Meinung äußern. Vor 15 Jahren wurden solche Proteste im Blut der Demonstranten erstickt, Morde durch den Staat waren an der Tagesordnung, es gab keinen Staatsanwalt, der Klage gegen Polizisten oder Paramilitärs erheben konnte weil er dann um sein eigenes (und das seiner Familie) Leben fürchten musste. Staatlich initiierte Morde an Intellektuellen und Presse waren alltäglich. Sie verfügen nicht über genug Wissen um die Regierung Erdogan bewerten zu können. Aber aus Ihrem Kommentar sehe ich, dass sie von Ihrer Islamophobie geleistet sind. " Der mit immer mehr Gesetzen den Menschen Islam-Moral und Islam-Lebensstil aufzwingen will" Das ist ein Land mit 97% Muslimen, was haben Sie denn für ein Problem damit, dass diese Menschen muslimisch leben wollen. Da wird nix aufgezwungen (weil es dem Islam widerspricht) werden. Und bitte verschonen Sie mich mit Stereotypen, die sie aus der Bild gelesen haben.
    Wenn die Mehrheit der Menschen diese Politik 3 mal gewählt hat, ist dieser Mann verpflichtet, die Erwartungen seiner Wähler zu erfüllen. Das er dabei die Rechte der anderes politisch orientierten nicht übergehen darf, da stimme ich Ihnen zu. Aber erst seit Erdogan, gibt es das zarte Pflänchzchen Religionsfreiheit in der Türkei. Kirchen und Synagogen werden WIEDERERÖFFNET, und mich als Muslim und AKP Befürworter freut es, dass Erdogan auch dieses Versprechen einhält. Sie sollten sich besser und differenzierter informieren um von Ihren Vorurteilen wegzukommen.

  • Ein interessantes Interview:
    www.citizentimes.eu/2013/06/13/if-you-criticize-islam-you-will-suffer-consequences/

    Tja, Multikulti ist soooo schöööön.

  • @ ObiwanKenobi

    "Für mich ist es ein fundamentales Menschenrecht, so leben zu dürfen, wie ich bin. Da darf keiner daherkommen, und meinen traditionellen Lebenswandel, oder Aussehen zum Grund nehmen, mich abzuwerten."

    Ja richtig ! Sehe ich auch so ! Und dann verteidigen Sie Erdogan, der genau DAS den Menschen wegnehmen will ??? Der mit immer mehr Gesetzen den Menschen Islam-Moral und Islam-Lebensstil aufzwingen will ???

    Absolut unlogisch. Und dann auch noch dieser Versuch, Erdogans Klientelpolitik damit zu rechtfertigen, dass es ja schon vor ihm so gewesen sei.

    Das ist nicht nur lächerlich - das ist unehrlich.

    Und seien Sie versichert: Menschenrechte spielen für mich die größte Rolle - und da denke ich besonders an das Demonstrationsrecht und das Recht auf Meinungsfreiheit. Beides wird von Erdogans Polizei gerade nieder geknüppelt.


  • Lieber Rheingold, ein gewisses Maß an Respekt sollte auch in Kommentaren eingehalten werden, ich will mich nicht lächerlich machen. Aber gerne kläre ich Sie auf: Diese Klientelpolitik, die Sie ansprechen, ist weltweit verbreitet. Das als Folge der Regierung Erdogan hinzustellen, ist lächerlich. In den Vorgängerregierungen in der Türkei hatte genau diese Klientelpolitik derart immense Maße angenommen, dass z.B. Unternehmer anderer politischer Auffassung nicht nur von Staat ausgegrenzt wurden, viele wurden unter fadenscheinigen Begründungen direkt geschlossen.
    Für mich ist es ein fundamentales Menschenrecht, so leben zu dürfen, wie ich bin. Da darf keiner daherkommen, und meinen traditionellen Lebenswandel, oder Aussehen zum Grund nehmen, mich abzuwerten. Für Sie mag es keine Rolle spielen, ob Menschenrechte eingehalten werden.

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