Gastbeitrag
Rote Linien für den Handels-Deal

Europa winkt durch eine Handelspartnerschaft mit den USA ein Wachstumsimpuls von weit mehr als 100 Milliarden Euro. Dennoch sollten den Vereinigten Staaten bei den Verhandlungen klare Bedingungen gestellt werden.
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In den ersten Nachkriegsjahren, als Deutschland sowohl wirtschaftlich als auch moralisch in Trümmern lag und die europäische Einigung noch eine ferne Zukunftsvision war, da waren es die USA, die unter Präsident Truman Soforthilfe leisteten. Mit dem Marshallplan initiierten sie ein beispielloses Wiederaufbauprogramm für das kriegszerstörte Europa, das der daniederliegenden europäischen Wirtschaft entscheidende Wachstumsimpulse brachte und gleichzeitig den USA wichtige Absatzmärkte sicherte. So steht der Marshallplan vorbildhaft für den Beginn der transatlantischen Partnerschaft nach dem Krieg, die bald eine neue Blüte erlebte – zum Nutzen beider Seiten.

Heute werden über den Atlantik täglich Waren und Dienstleistungen im Gesamtwert von etwa zwei Milliarden Euro ausgetauscht. Die ehemaligen europäischen Empfänger amerikanischer Hilfsleistungen sind Wirtschafts- und Handelspartner auf Augenhöhe geworden. Der Bestand an gegenseitigen Direktinvestitionen ist auf 2,8 Billionen Euro angewachsen – rund ein Fünftel aller Investitionen weltweit. USA und EU stehen gemeinsam für etwa 45 Prozent des Welt-Bruttoinlandsprodukts (BIP). Rund 30 Prozent des Welthandels laufen über amerikanische und europäische Häfen und Flughäfen. Ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Prosperität und den Wohlstand in beiden Wirtschaftsräumen sind die engen gegenseitigen Handelsbeziehungen.

Fast genau 65 Jahre nach Verabschiedung des Marshallplans im US-Kongress zeichnet sich nun erneut eine historische Chance für die transatlantischen Beziehungen ab. Bis Mitte 2015 soll eine gemeinsame Freihandelszone geschaffen werden - mit rund 800 Millionen Menschen, die in ihr leben und arbeiten, die größte der Welt.

Die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) würde ein neues Zeitalter der wirtschaftlichen Verflechtung über den Atlantik einläuten. Schätzungen gehen von einem jährlichen Wachstumsimpuls von 119 Milliarden Euro auf europäischer und 95 Milliarden Euro auf amerikanischer Seite sowie einem zusätzlichen Wachstumsimpuls für das europäische BIP von etwa einem halben Prozentpunkt aus.

Bis zu 400.000 neue Arbeitsplätze können in Europa geschaffen werden. Es entstände der weltweit größte öffentliche Beschaffungsmarkt: Europäische Unternehmen könnten sich künftig an den US-Ausschreibungen in Gesamtwert von 560 Milliarden Euro beteiligen. Durch die Beseitigung bestehender nichttarifärer Handelshemmnisse, wie z.B. unterschiedlicher Regulierungsvorschriften und Standards in den Bereichen Chemie, Fahrzeugbau, pharmazeutische Industrie oder bei medizinischen Geräten, könnten erhebliche Effizienzgewinne erzielt werden. Kalkulationen gehen davon aus, dass die EU jährlich etwa zwölf Milliarden Euro allein durch vereinheitlichte Sicherheitsstandards und Zertifikate einsparen würde.

Auch wenn viele Effekte eines solchen EU-USA-Abkommens derzeit nur geschätzt werden können, so steht für mich fest: Das geplante TTIP wird nicht nur den transatlantischen Beziehungen einen wichtigen Schub geben, sondern auch der Debatte zur Schaffung eines globalen Freihandelsregimes neuen Aufwind verschaffen. Es liegt daher in unserem ureigensten Interesse, ein möglichst umfassendes Abkommen mit der US-amerikanischen Seite abzuschließen.

Kommentare zu " Gastbeitrag: Rote Linien für den Handels-Deal"

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  • Ich habe da auch schon ganz andere Sachen gelesen.
    Eine solche Freihandelszone nach amerikan. Vorstellung hätte Auswirkugnen auf unseren Mittelstand und könnte ihnen ca. 30% Umsatzeinbußen bescheren
    Und Merkel mit ihrer US-Hörigkeit wird allen Forderugnend er USA zustimmen, das ist das Problem

  • "Wertegemeinschaft" ist doch nur ein Euphemismus für
    "Dollarimperialismus".

  • Wir haben nicht nur amerikanische Freunde, sondern auch chinesische und russische. Inbesondere die russischen Freunde haben viel für uns getan und die Wiedervereinigung Deutschlands initiert und möglich gemacht.
    Das Freihandelsabkommen wird eine europäische Integration inklusive aller Staaten in Osteueropa unmöglich machen. Dies ist das alleinige Ziel der USA, um damit ihre Rolle als Weltführer zu manifestieren.
    Die USA will die Welternährung mit genmanipulierten Pflanzen und Patenten beherrschen (Monsanto). Mit dem NSA-Rechenzentrum greifen sie meine Bürgerrechte an und spionieren die deutsche Wirtschaft und Politik aus. Über welche Freunde reden Sie hier eigentlich?

    Das Freihandelsabkommen muß um jeden Preis verhindert werden. Nach den Attacken der USA auf unsere Währung ist dies nun die zweite Stufe, uns in die vollständige Abhängigkeit zu bringen und unsere inneren Werte zu zerstören. Für eine Hand voll Dollars wird die gesamte EU amerikanisiert und unsere Werte und Normen aufgegeben.

    Schade dass einige Politiker sich dafür hergeben. Ob die Bevölkerung sich wieder blenden läßt...schaun wir mal

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