Gastbeitrag Ulrich Kater
Horroreffekte wollten einfach nicht zünden

Haushaltsbeschluss und Schuldengrenze fallen zusammen – welch Voraussetzung für ein großes Drama. Und doch gab es kaum Reaktionen des undankbaren Publikums. Im Gegenteil: Es war am Ende sogar genervt von der Aufführung.
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In Marktpreisen drücken sich Meinungen aus. Die Finanzmärkte zeigten sich von der Neuinszenierung des Fundamentalstreits über die US-Finanz- und Sozialpolitik in den vergangenen Wochen vollkommen unbeeindruckt, obwohl sich die Beteiligten alle Mühe gaben, realistische Drohkulissen auf die Bühne zu schieben. Bis auf die kurzfristigen Geldmarktsätze sowie einer leichten Dollarschwäche gab es allerdings keine Reaktionen des undankbaren Publikums. Dabei waren mit dem Zusammenfallen von Haushaltsbeschluss und Schuldengrenze ganz besondere Voraussetzungen für ein großes Drama bereitet. Aber am Schluss waren Markteilnehmer, Öffentlichkeit und anscheinend sogar einige Republikaner trotz aller Spannung ein wenig genervt gewesen von der Aufführung. Die Horroreffekte wollten einfach nicht zünden.

Verlierer sind eindeutig die Regisseure aus dem republikanischen Lager. Denn die Markterwartung, dass die US-Politik die Reputation der größten weltweiten Reservewährung – die der US-Volkswirtschaft und jeder US-Regierung ungeheure Vorteile verschafft – nicht aufs Spiel setzen würde, wurde wieder einmal voll erfüllt. Diese Erfahrung macht im nächsten Akt, der ja wohl im Dezember und in den ersten beiden Monaten des kommenden Jahres spielen wird, die Drohung mit dem Staatsbankrott noch stumpfer. Das heißt aber auch, dass die Verwendung des Instruments „Staatsverschuldung“ anscheinend nicht durch die Politik gestoppt werden kann. Es sind dann nur die Märkte, die an den Grenzen der Verschuldungsfähigkeit die Politik zu Korrekturen verpflichten können.

Eindrucksvoll ist, welche Privilegien diese Funktion der US-Währung erzeugt: Ein AAA-Schuldner, der mit dem Gedanken spielt, Anleihen, und sei es auch nur vorübergehend, nicht zu bedienen – und nichts geschieht. Stattdessen üben sich Marktteilnehmer und Kommentatoren in Beschwichtigungen. Ein Default sei ausgeschlossen – allenfalls technisch denkbar, nicht ökonomisch. Dann könne man einzelne Zinszahlungen auch ausfallen lassen und beim nächsten Zinstermin doppelt zahlen. Ein cross-default wäre aufgrund der Anleihebedingungen sowieso ausgeschlossen. Den Geldmarkt würde die Fed stützen und sowieso seien Geldmarktfonds besser vorbereitet als beim letzten Mal, ein Run könne ausgeschlossen werden. Dies alles sind Kennzeichen des grenzenlosen Vertrauens in die anscheinend einzig verbliebene risikolose Anlageform auf diesem Planeten, den US-Treasuries. Nein, hier muss man schon dickere Berthas auffahren, um das Vertrauen zu erschüttern.

Man sollte allerdings nicht vergessen, dass die US-Amerikaner sich dieses Privileg in einem langen Prozess erarbeitet haben. Eine Reservewährung setzt nicht nur eine hohe ökonomische Leistungskraft der hinter ihr stehenden Volkswirtschaft voraus. Sondern auch Institutionen, die als glaubwürdig angesehen werden: ein funktionierendes konstitutionielles Zusammenspiel der Gebietskörperschaften, die den Währungsraum bilden, ebenso wie funktionierende Währungsinstitutionen, angefangen von der Zentralbank über eine Regulierung, die aus Fehlern zu lernen versucht, bis hin zur Bankenunion mit glaubwürdigen Abwicklungsmechanismen. Ein Aufbau, für den die USA viele Jahrzehnte teilweise schmerzhafter Erfahrungen benötigt haben. Dies mag verdeutlichen, welche Vorteile mit der Bildung eines derart mächtigen Wahrungsraums verbunden sind. Die Schwierigkeiten, die der Euro-Raum hat, als solches stabiles Gebilde wahrgenommen zu werden, zeigt aber auch, wie schwierig und lang der Weg dahin ist. Aber es lohnt sich, wenn die Währung funktioniert.

Nur eines fehlt dem US-Dollar noch: die endgültige Abschaffung der Schuldengrenze. Aber bis dahin können wir wenigstens noch auf eine weitere Staffel im epischen Schuldenstreit hoffen, die mit neuen Special Effects vielleicht für etwas mehr Unterhaltung sorgt.

Kommentare zu " Gastbeitrag Ulrich Kater: Horroreffekte wollten einfach nicht zünden"

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  • "Nur eines fehlt dem US-Dollar noch: die endgültige Abschaffung der Schuldengrenze."
    Das klingt danach, dass das Spielchen dann in alle Ewigkeit weitergehen kann und wird.

    Und genau das glaube ich nicht !!

  • Dadurch, dass ständig von den enormen Schulden der USA gesprochen wird, geht völlig unter, dass die USA ein sehr sehr reiches Land sind, welches es seinen reichen Bürgern ermöglicht, immer mehr Geld aufzuhäufen.

    Auf der einen Seite steigt die Staatsverschuldung; auf der anderen Seite steigen die Privatvermögen. Warum bekommt es die Politik dort nicht hin, die Einnahmen (sprich Steuern) so zu gestalten, dass die Staatsausgaben gedeckt sind? Von außen betrachtet ist das ein Kinderspiel und die Reichen des Landes würden eine höhere Besteuerung überhaupt nicht wahrnehmen.

    Ich sehe hier die Schuld eindeutig bei der Tea-Party und den schwächlichen vernünftigen konservativen Kräften, die es nicht hinbekommen, die extremen Positionen der Tea-Party einzufangen. Solange es die Republikaner zulassen, dass einige ihrer Abgeordneten, für die
    - eine allgemeine Krankenversicherung der blanke Sozialismus ist
    - die Evolutionstheorie Darwins Mumpitz ist
    - die Klimaerwärmung eine Verschwörung der gesamten Klimaforschung der Erde darstellt
    - Sozialleistungen automatisch in der völligen Arbeitsunwilligkeit der gesamten Bevölkerung enden
    - Steuern ausschließlich erfunden wurden, um Neidern den Zugriff auf die Brieftasche reicher Menschen zu ermöglichen
    - Kompromiss ein Schimpfwort ist
    und darum ohne Rücksicht auf ihr Land ganz Amerika in Geiselhaft nehmen, um ihre weltfremden Vorstellungen durchzudrücken, wird es einerseits schwierig für die Demokraten bleiben, zu regieren und andererseits unmöglich für die Republikaner sein, eine Präsidentschaftswahl zu gewinnen.

    Und so wird uns die Starre in der amerikanischen Haushaltspolitik noch lange unterhalten.

  • Kater liegt erfahrungsgemäß zu 95% daneben. Darauf kann man sich zumindest verlassen.

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