Gastbeiträge

_

Gastbeitrag: Wer die Wahrheit will, braucht Zeit

Die Falschmeldung über den Amokläufer von Winnenden zeigt eines ganz deutlich: Soziale Plattformen im Internet werden auch als Medium für schnelle Informationen zwar immer wichtiger. Verlässlich sind sie deshalb aber noch lange nicht - auch wenn das Netz für jüngere Internetnutzer glaubwürdiger wirkt als die traditionellen Medien.

Jo Groebel ist Präsident des Deutschen Digital-Instituts Berlin. Quelle: EIM
Jo Groebel ist Präsident des Deutschen Digital-Instituts Berlin. Quelle: EIM

Dass bei der verzweifelten Suche nach Erklärungen des Winnenden-Amoks jeder Strohhalm ergriffen wird, liegt auf der Hand. Dass erst recht das Web als nahe liegende Fundgrube gilt, ergibt sich aus der - berechtigten - Annahme großer Nähe fast jedes männlichen Jugendlichen, also auch des Täters, zu Chats und Spielen. Insofern nährte die Internet-"Ankündigung" nur die Mischung aus Ergebnisdruck und Vorabhypothesen. Und könnte entsprechend von einem potenziellen Fälscher, so es sich denn um eine Fälschung gehandelt haben sollte, geschickt platziert worden sein.

Anzeige

Die Unsicherheit über die Echtheit der Amok-Drohung illustriert zugleich den schwankenden Boden, auf dem man sich bei der Wahrheitsfindung im Netz bewegt. Ob Twitter, Blogs oder Chatbotschaften: Die Authentizität ist vermeintlich größer, doch um den Preis der Aufhebung der Distanz zwischen dem Kommunizierenden und dem Kommunizierten. Das Ego des Senders rückt in den Vordergrund, seine Gefühle, Meinungen, schlimmstenfalls finsteren Absichten. Und zwar zunächst meist ohne professionellen, und manchmal auch ohne ethischen Anspruch. Selbst die Vervielfachung einzelner Nachrichten macht den Wahrheitsgehalt nicht zwangsläufig größer.

Eine Außenkontrolle oder Balancierung des Gesagten findet im Moment der Äußerung zunächst nicht statt, das ist der Charme, aber das ist auch die Gefahr der schnellen Web-Botschaft. Und so erleben wir in der Fülle der Betroffenheitsbekundungen, Wichtigtuereien, Fälschungen, auch Fakten, eine kurzfristig nicht mehr zu bewältigende Kakophonie. Genau dies aber ist die Aufgabe, heute vor allem der Ermittlungsbehörden, immer aber von Journalisten und dem sozialen Netzwerk selbst, Fakten von Fälschungen durch Doppelcheck und, leider, zeitaufwändigerem Nachfassen zu trennen.

Damit ergibt sich aber, dass das Zeit-Qualitäts-Dilemma auch im Netz nicht gelöst werden kann: Wer schnell ist, kriegt die Aufmerksamkeit, wer die Wahrheit will, braucht Zeit. Damit liegt der Wert von Twitter, Blog und Chat meist nicht in der Faktenbeschaffung, sondern in der Möglichkeit zu und Beobachtung von Befindlichkeitsbekundungen und Gemeinschaftsbildung. Schlimmstenfalls Fälschung und Anmaßung. Wir haben in unseren Studien festgestellt: Die jüngere Generation halt das digitale soziale Netzwerk für glaubwürdiger als die traditionellen Medien. Aber: Authentischer mag das Web sein. Glaubwürdiger ist es nicht. Erst recht nicht bei spektakulären Ereignissen.

*Medienwissenschaftler Jo Groebel ist
Präsident des Deutschen Digital Instituts Berlin

  • Kommentare
EEG-Ökostromumlage: Beobachten Sie jetzt genau Ihren Stromanbieter!

Beobachten Sie jetzt genau Ihren Stromanbieter!

Die Ökostromumlage sinkt im nächsten Jahr. Auch wenn es sich nur um einen Mini-Betrag handelt, sollte Ihr Stromanbieter den an Sie weitergeben. Wenn nicht, wechseln Sie. Er tut ihnen nichts Gutes.

Kommentar zur EU-Kommission: Junckers Bauernopfer

Junckers Bauernopfer

Hilfst Du mir, helf' ich Dir, so ist das in der Politik– auch in Brüssel. Dass das Parlament Vize-Chefin Bratusek als EU-Kommissarin ablehnte, hat viel mit taktischen Spielchen im Poker um politische Macht zu tun.

  • Kolumnen
Der Transformer: IT-Gipfel – ein Klassentreffen mit Kanzlerin

IT-Gipfel – ein Klassentreffen mit Kanzlerin

Einmal im Jahr trifft sich die IT-Branche zum Treffen mit der Kanzlerin. Doch was als Gipfel gepriesen wird, ist eigentlich nicht mehr als ein jährliches Ritual – mit mauen Ergebnissen.

Was vom Tage bleibt: IT-Gipfel – Wer schützt unsere Geheimnisse?

IT-Gipfel – Wer schützt unsere Geheimnisse?

Der Innenminister reklamiert ein Recht auf Geheimniskrämerei: Hat er Recht? Adidas könnte Reebok verkaufen, aber kaum unter Hainer. Und: Auch beim Verheiratetsein zählt das richtige Maß. Wieso, lesen Sie im Tagesbericht.

Der Medien-Kommissar: Echternacher Springprozession von ARD und ZDF

Echternacher Springprozession von ARD und ZDF

Die Öffentlich-Rechtlichen dürfen für viel Geld einen Jugendsender im Internet starten, der schlichtweg überflüssig ist. Der neue Kanal soll jetzt doch noch kommen, obwohl ihn niemand so recht braucht.

  • Gastbeiträge
Gastbeitrag zur Bankenunion: Die Bankenunion kommt zu früh

Die Bankenunion kommt zu früh

Im November tritt die Bankenunion in Kraft. Verfrüht, findet Ognian Hishow: Weil viele Banken nicht genug Kapital aufweisen, wird die EZB als Bankenaufseherin Maßnahmen ergreifen, die die Geldwertstabilität gefährden.

Gastbeitrag zur Türkei: Erdogans Verhalten ist ein Ausdruck des Scheiterns

Erdogans Verhalten ist ein Ausdruck des Scheiterns

Kritik an der türkischen Politik gegenüber dem IS ist berechtigt, wenn auch aus anderen Gründen als häufig angeführt. Günter Seufert über die gefährliche Politik der Türkei, mit der sie sich außenpolitisch isoliert.

Gastbeitrag zum EZB-Anleihen-Programm: Eine spannende Verhandlung

Eine spannende Verhandlung

Der Europäische Gerichtshof muss die Frage klären, ob das OMT-Programm der EZB zum Ankauf von Staatsanleihen rechtens ist. Das Urteil wird mit Spannung erwartet. Aber ist es entscheidend? Denkbar sind drei Szenarien.

  • Presseschau
Presseschau: Frankreich als Bittsteller in Berlin

Frankreich als Bittsteller in Berlin

Wenn es nach Paris geht, soll Deutschland den gleichen Betrag investieren, den Frankreich einspart. Viele finden das unverschämt und die Presse meint: Die deutsch-französische Freundschaft muss neu definiert werden.