Gastbeitrag zu Gregor Gysi: Für den Polit-Star der Linken wird die Luft dünner

Gastbeitrag zu Gregor Gysi
Für den Polit-Star der Linken wird die Luft dünner

Die Stasi-Debatten um Gysi haben der Linken nicht geschadet. Angriffe von außen schweißen die Genossen zusammen. Doch die neuen Vorwürfe könnten zum Bumerang für den Polit-Star und seine Partei werden.
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„Kriegen sie ihn jetzt endlich zu fassen? Die Schlinge um Gregor Gysi zieht sich langsam zu.“ So frohlockte – fast enthemmt –  der „Bayernkurier“. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hatte  wegen des Verdachts ermittelt, Gysi könnte eine falsche eidesstattliche Erklärung abgegeben haben. Der Bundestag hob Gysis Immunität auf. Im Zusammenhang mit einem ZDF-Film gab Gysi eine eidesstattliche Erklärung ab, er habe „zu keinem Zeitpunkt über Mandanten oder sonst jemanden wissentlich und willentlich an die Staatssicherheit berichtet.“ Vor knapp einem Jahr wurde allerdings ein Vermerk des MfS bekannt, wonach er der Stasi ein Interview, das zwei „Spiegel“-Redakteure mit ihm im Februar 1989 geführt hatten, berichtet habe. Das wird nun von Kritikern als Beispiel angeführt, er habe unter Eid gelogen.

Gregor Gysis Staat war die DDR. Er hat noch in der letzten Volkskammersitzung Lothar de Maizière gegenüber zum Ausdruck gebracht, er, Gysi, kenne nur die DDR, niemanden im Westen. Er entstammt  aus einer kommunistischen intellektuellen Familie.  Die Verteidigung der DDR war  ihm nicht nur eine politische, sondern auch eine persönliche Angelegenheit.  Er gehörte als Vorsitzender des Kolloquiums der Rechtsanwälte in der DDR zur Nomenklatura, war also nicht Oppositioneller, sondern ein Spitzenfunktionär, der das SED-Regime für das Überlegenere hielt. Gysi hat es aber verstanden, den DDR-Mief in Talkshows vergessen zu machen, ohne ihn stünde die Linkspartei nicht dort, wo sie ist, geschwächt zwar im Westen, konsolidiert im Osten.

Gysi ist eine schillernde Persönlichkeit. Es ist sicherlich nicht ganz gerecht, wenn man ihn auf eine Zuträgerfunktion zur Stasi reduzieren würde. Sicher gab es ebenso Hinweise von Institutionen, der Fraktionschef im Bundestag könnte mit der DDR-Staatssicherheit zusammengearbeitet haben. Es hat sich sogar der Immunitätsausschuss mit Gysi auseinandergesetzt. Der kam im Sommer 1994 zu der Ansicht, eine Zuträgertätigkeit von Gysi könne „nicht als erwiesen festgestellt“ werden. Das Landgericht Hamburg untersagte Bärbel Bohley im selben Jahr, Gysi einen „Stasi-Spitzel“ zu nennen.

Die Bürgerrechtlerin Vera Lensgfeld und spätere CDU-Politikerin, einst SED-Mitglied und von ihrem eigenen Mann zu DDR-Zeiten bespitzelt, schloss sich dem Antrag der Hamburger Staatsanwalt an. Lengsfeld war Anfang 1988 unfreiwillig zu einer Mandantin von Gysi geworden. Auf dem Weg zur Luxemburg-Liebknecht-Demonstration war sie festgenommen worden. In ihrer Anzeige heißt es: „Da Herr Dr. Gysi – ohne von mir dazu ermächtigt worden zu sein – während meiner Inhaftierung im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen an meiner Abschiebung in den Westen mitwirkte, gewann ich schon damals den Eindruck, dass er mit dem Staatssicherheitsdienst gesprochen hatte und auch zusammenarbeitete.“

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  • „Da Herr Dr. Gysi – ohne von mir dazu ermächtigt worden zu sein – während meiner Inhaftierung im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen an meiner Abschiebung in den Westen mitwirkte, gewann ich schon damals den Eindruck, dass er mit dem Staatssicherheitsdienst gesprochen hatte und auch zusammenarbeitete.“
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    Da vergißt Frau Lengsfeld nur, dass auch der Anwalt Vogel, der ständig die Austausche am Checkpoint Charly gemacht hat, auch mit der Stasi arbeiten mußte. Sonst hätte er so manchen Gefangenen nicht frei bekommen
    Man muß, um jemandem zu helfen, auch mal mit dem Gegner kungeln, das war im Dritten Reich nicht anders

  • Niedlich, wie sich hier ein Ex-CDU Mitglied auslässt. Habe heute die Diskussion über die Aufarbeitung der SED Diktatur gesehen. Ein Schandstück höchster Güte, welcher Verlogenheit und Heuchelei da bei CDU/CSU/FDP/Grünen lief. Einzig die SPD widmete sich tatsächlich dem Thema.

    Die Krönung war, dass ein CDU Politiker forderte, Frau Dr. Wagenknecht möge sich doch zur SED Diktatur äußern. Die Frau war zur Wende fast noch ein Kind hätte in der SED nicht einmal studieren dürfen - im Gegensatz zu unserem Bundespräsidenten und der Kanzlerin.

    Was Gysi hier vorgeworfen wird ist ein schlechter Witz. Meineid, weil er u.a. sich selbst an die Stasi verraten hat? Denn was anderes hätte er in dem Fall schließlich kaum tun können. Wie heute ein Politiker der Linken schön sagte: Gerade CDU und FDP sollten Anfang, ihre Schaden aufzuarbeiten, wo wie das die PDS einst tat. Denn die Blockflöten (und so mancher SED- und Stasi Mitarbeiter) wurden schließlich gerne und mit Kusshand aufgenommen.

    Eine Schande, diese Parteien, die ja auch beständig unsere Verfassung mit Füßen treten und zwar seit Anbeginn der BRD.

  • Liebes Handelsblatt,
    an Professor Langguths Gastbeitrag lässt sich sicherlich einiges kritisieren, aber ich möchte mich hier nur auf das Offensichtlichste konzentrieren. Es ist schlichtweg unwahr, dass Dr. Gregor Gysi gesagt haben soll, dass er „niemals eine eidesstattliche Versicherung abgegeben habe“. Richtig ist jedoch, dass Herr Gysi bekundete keine 'falsche' eidesstattliche Versicherung verfasst zu haben.
    Solch ein grober inhaltlicher Fehler, welcher "eigentlich" nur durch Schludrigkeit zu erklären ist, sollte doch dem hohen journalistischen Anspruch des Handelsblattes nicht genügen und auch dem publizistischen Selbsverständnis Prof. Dr. Gerd Langguths widerstreben.

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