Gastbeitrag zu Lohnungleichheit: „Niemand schießt ein Tor, wenn der andere keines hat“

Gastbeitrag zu Lohnungleichheit
„Niemand schießt ein Tor, wenn der andere keines hat“

Die durchschnittliche deutsche Frau arbeitet im Schnitt über zwei Monate ohne Bezahlung. Was passieren muss, damit Frauen endlich genauso viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen.
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BerlinEs lässt sich weder wegdenken, noch schönreden. Fragen zur Rolle der Geschlechter im globalen Gender Gap Report vom World Economic Forum sind dringlicher als je zuvor, und sie werden entsprechend kontrovers behandelt. Oft wird behauptet, Frauen hätten im Berufsleben keinen Humor. Doch, haben wir! Lachen Sie doch einfach mal auf unsere Kosten bei diesen zwei anschaulichen Beispielen mit, die auch perfekt in einer Satiresendung zu verwerten wären:

1. Auf dem letzten World Economic Forum in Davos wurde die Frauenquote sehr „originell“ ausgetrickst: Einige Delegationen wurden absichtlich mit nur vier, anstatt fünf Personen besetzt – nur um keine Frau mitzunehmen. (Anm.: Die Organisatoren haben vor zwei Jahren ein Quotensystem eingeführt. Es verlangt, dass die 100 wichtigsten Partner in einer Delegation von fünf Personen mindestens eine Frau haben müssen.)

2. Während Frauen von Januar bis zum 21. März im dunkelblauen Business-Hosenanzug im Büro schwitzen und „für lau“ arbeiten, könnte bis dahin der männliche Kollege theoretisch in Badehose im Rentnerparadies Mallorca sitzen um braungebrannt und gut gelaunt erst am 21. März mit seiner Arbeit zu beginnen.

Letzteres ist keine neue Gleichstellungsformel, sondern ein rein sachliches Rechenbeispiel: Wenn Männer in diesem Jahr dasselbe Durchschnittseinkommen erzielen wollen wie Frauen, würde der 21. März als Arbeitsbeginn reichen. Nochmal: Wenn wir als Vergleichsgröße das Jahreseinkommen nehmen, müssen Männer für dasselbe Einkommen 80 Tage weniger arbeiten und könnten locker bis zum 21. März Pause machen.

In den Wochen vor dem Equal Pay Day, (Anm.: Tag für gleiche Bezahlung, der seit 2008 in Deutschland veranstaltet wird) laufen die Debatten um die Berechnung und Interpretation des Datums erfahrungsgemäß besonders heiß, vorwiegend angeheizt von Männern und Mathematikern, wo bleibt hier der Humor? Dabei betonen wir immer wieder, dass es sich um ein symbolisches Datum handelt – welches die tatsächlich bestehende Entgeltlücke veranschaulichen und ihr ein Datum im Kalender zuweisen soll.

Genau so wird auch auf europäischer Ebene gerechnet. Die aktuellen Zahlen der Europäischen Kommission zeigen auf: Frauen in Europa arbeiten immer noch 59 Tage „unentgeltlich“. Das geschlechtsspezifische Lohngefälle – der Unterschied beim durchschnittlichen Stundenlohn von Frauen und Männern in allen Wirtschaftszweigen – hat sich in den letzten Jahren kaum verändert und stagniert bei rund 16 Prozent. Der Europäische Tag der Lohngleichheit fand zum zweiten Mal in Folge am 28. Februar statt. Das Datum bestimmte sich auch hier nach der Anzahl von Tagen, die Frauen zusätzlich arbeiten müssten, um in puncto Lohn mit den Männern gleichzuziehen. Im Klartext heißt dies: Bis zum 28. Februar arbeiten Frauen „unentgeltlich“.

28. Februar und 21. März? Wetten, dass Sie gar nicht wissen wollen, was diese Zeitspanne signalisiert? Nämlich: in Deutschland müssen Frauen nochmal 21 Tage länger für „lau“ arbeiten. In der Europäischen Statistik  rangiert Deutschland damit auf den hintersten Plätzen (vor Österreich und Estland). Darauf braucht niemand stolz zu sein. Sind unsere langjährigen Aktionen rund um den Equal Pay Day vergebliche Liebesmüh’? Nein, Nein und nochmals Nein.

Kommentare zu " Gastbeitrag zu Lohnungleichheit: „Niemand schießt ein Tor, wenn der andere keines hat“"

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  • Kommentator Ron777 ist beizupflichten. Darüberhinaus geht mondahu davon aus daß die Lohnfindung in Gewerbe und Industrie schon längst wirtschaftlichen Gesichtspunkten folgt und nicht mehr unqualifiziert geschlechtsspezifisch ist. Soll heißen, daß im großen und ganzen für gleiche Leistung auch gleicher Lohn bezahlt wird. Allerdings fließen in die Lohnfindung dort, wo Unterschiede bestehen, noch weitere wirtschaftliche Gesichtspunkte ein, die zu häufig übersehen oder beiseite gewischt werden. Solche sind beispielsweise die tatsächliche Präsenz am Arbeitsplatz und deren Zuverlässigkeit im Jahresverauf oder die tatsächliche Arbeitsleistung per Lohneinheit im längerfristigen Durchschnitt.
    Beides gilt natürlich auch im Vergleich zwischen männlichen Arbeitskräften, nur wird es da als gerechtfertigt akzeptiert und nicht in der Gender-Debatte ausgeschlachtet.
    Da, wo Leistung nicht in Stückzahlen oder Metern meßbar ist, also in den oberen Etagen der Firmenhierarchie, gelten dann neben der Zuverlässigkeit der Präsenz nicht so einfach meßbare Qualitäten (statt Quantitäten) wie strategischer Überblick, taktische Rafinesse, Verhandlungsgeschick und –härte, blitzschnelle Entscheidungsstärke und Vernetzung. Und letzten Endes Aufopferungswille, d.h. für ein Ziel unter Umständen auch Gesundheit und Karriere aufs Spiel zu setzen. Wie da eine Frauenquote von 40% in DAX-Vorständen zustande kommen soll, bleibt ein Rätsel.
    mondahu muß hier anfügen, daß ihm dieses Thema von Geburt an vertraut ist. Seine Mutter und vier seiner Tanten hatten Universitätsabschluß in ‘harten‘ Fächern wie Technik und Chemie zu einer Zeit, als es noch nicht einmal regulären Zugang zum Abitur für Mädchen gab, und sind beruflich aktiv gewesen. Seine erste Frau(+) war selbständige Handwerksmeisterin, seine Töchter haben ebenfalls höchst selbständig ‘harte‘ Studien wie Mathematik gewählt und abgeschlossen. Er weiß aber deshalb auch, daß Frauen anders ticken als Männer, nicht schlechter, nicht besser, einfach anders.

  • "2. Während Frauen von Januar bis zum 21. März im dunkelblauen Business-Hosenanzug im Büro schwitzen und „für lau“ arbeiten"
    Nein, tun sie nicht. Während dieser Zeit nehmen sie ihre Teilzeit.

  • Durch Wiederholung von Falschaussagen werden diese nicht richtiger. Die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen sind bei vergleichbaren Berufen und Positionen laut diversen Studien gerade mal 3 Prozent. Die hier lautstark und zu Unrecht polemisch geäußerte angebliche Benachteiligung basiert im Wesentlichen auf der Tatsache, dass Mädchen sich auch weiterhin mehrheitlich für Berufsfelder interessieren, die schlechter entlohnt werden. Studiengänge wie Kulturmanagement, Theaterwissenschaften, Journalistik usw. werden in aller Regel schlechter bezahlt als männerdominierte Studiengänge wie Ingenieur oder BWL. Zudem entscheiden sich nicht wenige Frauen freiwillig zu Gunsten von gewünschten Kindern für ein beschränktes berufliches Engagement.

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