Gastbeitrag zu Merkels Euro-Politik
Über den Ausverkauf der deutschen Interessen

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„Kosten eines Euro-Zusammenbruchs wären nicht katastrophal“

Als der ehemalige BDI-Präsident Henkel unlängst bemerkte, es sei an der Zeit für eine deutsch-französische Scheidung, zeigte sich das rechtschaffene Deutschland bestürzt, dabei kann sich kaum ein Politiker wirklich in einer der beiden Landessprachen mit seinen französischen Kollegen austauschen. Die sogenannte deutsch-französische Freundschaft nährt sich aus Unkenntnis und Unverständnis beiderseits, deutschem Wunschdenken, und dem Umstand, dass der Begriff „nationales Interesse“ von der deutschen Politik aus dem deutschen Wortschatz gestrichen wurde.

In der Eurokrise gibt es schon lange keine kostenfreien Optionen mehr. Die Bundesrepublik kann auch jetzt noch die Euro-Zone verlassen und damit faktisch die ganze Veranstaltung absagen. Im Falle eines Euro-Endes verlöre Deutschland etwa 600 bis 800 Milliarden Euro an Target-Forderungen der Bundesbank an andere Eurosystem-Zentralbanken, gegen die Deutschland alle bisherigen Regierungshilfen über ESM, ESFS und die besonderen Hilfsprogramme wie für Griechenland aufrechnen könnte. Es blieben also rund 300 bis 500 Milliarden Euro, eine gewaltige aber nicht katastrophale Summe. Hinzu kämen allerdings auf einige Zeit Exporteinahmen-Ausfälle aus dem Handel mit den Euro-Krisenstaaten, der jedoch bereits seit Krisenbeginn rückläufig ist. Der Anteil der Euro-Zone an der deutschen Gesamtausfuhr, der bei Euro-Einführung noch rund 45 Prozent betrug, ist mittlerweile auf etwa ein gutes Drittel am Gesamtexport gefallen, Tendenz fallend.

Entgegen der offiziellen Regierungs- und EU-Meinung ist die Euro-Zone zwar ein wichtiger, aber kein Wachstumsmarkt für die deutsche Industrie. Die Kosten eines Euro-Zusammenbruchs wären beträchtlich, aber nicht katastrophal. Allerdings, die Kosten ließen sich weder verschleiern und fielen sofort an.

Im Alternativfall einer Euro-Rettung um jeden Preis hingegen, in dem Deutschland über Rettungsschirme, Schuldenschnitte, EZB-Anleihenkäufe, eine Bankenunion und am Ende auch Euro-Bonds nach und nach einer Haftungsunion zustimmen wird, lassen sich die Verluste für den deutschen Steuerzahler über Jahre ausdehnen, verschleiern und zu einem erheblichen Teil über Inflation und die von der EZB verordneten Niedrigstzinsen auf die Sparer abschieben. Die Kosten beliefen sich auf mindestens mehrere Dutzend Milliarden Euro zuzüglich der Entwertung der deutschen Sparguthaben und des deutschen Auslandsvermögens, aber sie erscheinen im Vergleich mit einem Euro-Austritt und sofortigen Abschreibungen erst einmal geringer, weil sie sich auf unabsehbare Zeit verteilen lassen und nicht sofort anfallen, und außerdem durch Geldentwertung, Kaufkraftverluste und damit verbundene Wachstumseinbußen zwar langfristig höher, zugleich aber nur schwer quantifizierbar sind.

Welch ein Segen, dass die Bertelsmann Stiftung die Kosten eines Euro-Zusammenbruchs dagegen bereits genau berechnete – auf der Basis willkürlicher Annahmen und mit dem Ergebnis einer hanebüchenen, aus der Luft gegriffenen Gesamtkostenzahl. Für westliche Regierungen erweisen sich in ihrer Gesamtheit niedrigere, doch sofortige Kosten fast immer als attraktiver als weit höhere, aber weniger transparente langfristige Kosten. Lang ist es her, dass in West-Europa noch langfristig gedacht werden konnte.

Kommentare zu " Gastbeitrag zu Merkels Euro-Politik: Über den Ausverkauf der deutschen Interessen"

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  • Es ist ein rhetorisches Kunststück ohnegleichen, das Draghi und anderen Goldman-Sachs-Lobbyisten gelungen ist, daß sie dem Mainstream-Publikum weismachen konnten, diese von ihnen forcierte gigantische Umverteilung von unten nach oben sei ein Akt der europäischen Solidarität. Durch die Aufgliederung des Euroraumes in homogenere Untergruppen würden tatsächlich vor allem die "Unten" gewinnen: In GR, E, I, P etc., weil sie wieder Arbeit fänden, in D, weil sie wieder eine sichere Altersvorsorge aufbauen könnten.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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