Gastbeitrag zur Bildungspolitik Tablets in der Schule sind nicht genug

In den Koalitionsverhandlungen stehen prestigeträchtige Milliardenprojekte im Vordergrund, die Bildungspolitik steht hinten an. Das ist gefährlich: Damit digitale Bildung erfolgreich wird, müssen wir die Gesetze ändern.
  • Stefan Heumann und David Deißner
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Grundschulkinder mit einem Tablet: Die reine Anschaffung der Geräte ist nicht genug. Quelle: Reuters

Grundschulkinder mit einem Tablet: Die reine Anschaffung der Geräte ist nicht genug.

(Foto: Reuters)

Nun also Handys und Tablets für Schüler. Digitale Bildung für alle, und dann auch noch staatlich finanziert? Wem der Kulturpessimismus an der Seele nagt, wird die Ergebnisse der Koalitionsgespräche mit Schrecken zur Kenntnis genommen haben. Strotzt das Papier der Unterarbeitsgruppe „Digitale Agenda“ doch – zumindest rhetorisch – vor Zukunftslust und Innovationsfreue: Neben der heiter betitelten Initiative „Ein Netz für Kinder“ fordern die Autoren die „digitale Lehrmittelfreiheit“, eine umfassende Digitalisierung von Lehrinhalten und ein „Europaweites Gründungs- und Innovationsnetzwerk“ für Schulen und Hochschulen. „In einem kooperativen Miteinander von Bund und Ländern“ soll der digitale Bildungsstand praxisorientiert gestärkt werden.

Bei allem Zwist und Säbelrasseln der Koalitionsverhandlungen ist dieser Fahrplan immerhin ein Lichtblick. Denn im Bereich der digitalen Bildung steht Deutschland vor enormen Herausforderungen. Noch sind wir meilenweit davon entfernt, das Potential digitaler Bildungsangebote auszuschöpfen. Nicht die Technik macht Bildung gerechter, aber deren intelligenter Einsatz. Er kann Benachteiligten besseren Zugang eröffnen, individuelle Förderung und die Qualität der Bildungsangebote steigern.

Dr. Stefan Heumann ist stellvertretender Programmleiter bei der „stiftung neue verantwortung“. Quelle: Pressefoto

Dr. Stefan Heumann ist stellvertretender Programmleiter bei der „stiftung neue verantwortung“.

(Foto: Pressefoto)

Während hierzulande Handy- und Facebook-Verbot die Debatte bestimmen, entstand etwa in New York mit Hilfe von privaten und nationalen Fördermitteln in den letzten Jahre eine „Innovationszone“ des digitalen Lernens, gefördert mit privaten Spenden und 60 Millionen US-Dollar aus dem nationalen Programm „Race to the Top“. Mit Hilfe lernfähiger, adaptiver Software, die sich an die individuelle Lerngeschwindigkeit anpasst, optimieren dort die Lehrkräfte die individuelle Förderung. Hierzulande dominiert dagegen zumeist die Angst vor Konzentrationsverlust, Vereinsamung und anonymer Massenlehre. Auch die deutschen Hochschulen rüsten sich nur langsam für den unabwendbaren globalen Wettbewerb im digitalen Raum.

Die Politik hat offenbar erkannt, dass in einem Land, in dem viele Eltern und Lehrer Tablets in der Schule noch immer als Menetekel massenhafter digitaler Demenz begreifen, einiges nachgeholt werden muss. Dennoch hätte man sich von den Netzpolitikern von CDU and SPD mehr Mut zur Konkretion gewünscht, insbesondere da das Papier noch die große Runde der Verhandlungsführer beider Parteien passieren muss und dort sicherlich weiter zusammengestutzt wird.

Weitgehend offen bleibt neben der Finanzierung vor allem die Frage, welche legislativen Weichenstellungen auf dem Weg zu einer erfolgreichen Digitalisierung der Schul- und Hochschulbildung vorgenommen werden müssen. Fakt ist: In Deutschland wirkt vor allem das Recht, oder vielmehr dessen Graubereiche, als Innovationsbremse.

Die wichtigsten Baustellen der nächsten Legislaturperiode
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8 Kommentare zu "Gastbeitrag zur Bildungspolitik: Tablets in der Schule sind nicht genug"

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  • [Beitrag aufgrund von Zeichenbegrenzung in mehrere Teile aufgeteilt; Teil 4/4]
    Gruss BBiwy

    P.S.: Und mit dem Geschriebenen entlarve ich, dieses Vorhaben als nicht durchdacht. Auch wurde das nun Vorliegende bereits im Juni (teilweise) veröffentlicht [14].
    P.S.S.: Öffnungszeiten für Kommentare?! o rly?! oO (deswegen erst heute und nicht bereits am ersten Tag der Meldung...)
    Referenzen:
    [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Schultr%C3%A4ger
    [2] https://www.mannheim.de/sites/default/files/page/43107/haushaltsplan_entwurf_2014-2015.pdf (PDF-Version: S. 419)
    [3] http://pastebin.com/19rGquRM
    [4] https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/BildungForschungKultur/Schulen/Tabellen/AllgemeinBildendeBeruflicheSchulenSchulartenSchueler.html
    [5] https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/BildungForschungKultur/Schulen/Tabellen/AllgemeinBildendeBeruflicheSchulenSchularten.html
    [6] https://de.wikipedia.org/wiki/Schulnetzwerk_%28EDV%29
    [7] https://de.wikipedia.org/wiki/Linux-Musterl%C3%B6sung
    [8] https://de.wikipedia.org/wiki/logoDIDACT
    [9] http://lmgtfy.com/?q=Technische+Ausstattung+an+Schulen
    [10] https://ww1.heidelberg.de/buergerinfo/vo0050.asp?__kvonr=16431&voselect=3629
    [11] http://waldschulpads.wordpress.com/2012/01/15/interessante-studie-uber-den-einsatz-des-ipads-im-grundschulunterricht/
    [12] https://de.wikipedia.org/wiki/LINBO
    [13] https://de.wikipedia.org/wiki/PaedML#Entwicklung
    [14] http://www.heise.de/newsticker/meldung/CDU-setzt-sich-fuer-Schule-2-0-ein-1875238.html

  • [Beitrag aufgrund von Zeichenbegrenzung in mehrere Teile aufgeteilt; Teil 3/4]
    Im Schulalltag kommen dann noch weitere Probleme:
    Du hast ein Tablet mit drei Apps (“Algebra“, “Taschenrechner”, “Trigonometrie”) für den Matheunterricht (1. Std.), nun kommt der Physiklehrer (2. Std.) und möchte seine “Physik” App auch auf dem Tablet. Beim PC wird mit Hilfe des SHEILA-Prinzips[12,13] ein Image mit den oben genannten Programmen erstellt und verteilt. Tablets haben diese Funktion (mangels LAN-Anschluss) nicht, d.h. der Netzwerkbetreuer (ein Lehrer mit insgesamt 2-3 Deputatsstunden zur technischen Vor-Ort-Betreuung) hat einen enormen Aufwand alle einzelnen Tablets (in einem Klassensatz: <30 Stk.) zu konfigurieren.
    Daneben muss geklärt sein, z.B. wer für die kostenpflichtigen Apps zahlt, die gegebenenfalls benötigt werden.
    Und, wenn mal ein anderer Schüler das Tablet hat, sind die Daten des Vorgängers, weg. Denn der neue Schüler braucht Speicherplatz zum Abspeichern seiner Dokumente.

    So ein Tablet ist also nicht gerade einfach ;-). Und mit dem Geschriebenen entlarve ich, dieses Vorhaben als nicht durchdacht. Auch wurde das nun Vorliegende bereits im Juni (teilweise) veröffentlicht[14].
    [...]

  • [Beitrag aufgrund von Zeichenbegrenzung in mehrere Teile aufgeteilt; Teil 3/4]
    Im Schulalltag kommen dann noch weitere Probleme:
    Du hast ein Tablet mit drei Apps (“Algebra“, “Taschenrechner”, “Trigonometrie”) für den Matheunterricht (1. Std.), nun kommt der Physiklehrer (2. Std.) und möchte seine “Physik” App auch auf dem Tablet. Beim PC wird mit Hilfe des SHEILA-Prinzips[12,13] ein Image mit den oben genannten Programmen erstellt und verteilt. Tablets haben diese Funktion (mangels LAN-Anschluss) nicht, d.h. der Netzwerkbetreuer (ein Lehrer mit insgesamt 2-3 Deputatsstunden zur technischen Vor-Ort-Betreuung) hat einen enormen Aufwand alle einzelnen Tablets (in einem Klassensatz: <30 Stk.) zu konfigurieren.
    Daneben muss geklärt sein, z.B. wer für die kostenpflichtigen Apps zahlt, die gegebenenfalls benötigt werden.
    Und, wenn mal ein anderer Schüler das Tablet hat, sind die Daten des Vorgängers, weg. Denn der neue Schüler braucht Speicherplatz zum Abspeichern seiner Dokumente.

    So ein Tablet ist also nicht gerade einfach ;-). Und mit dem Geschriebenen entlarve ich, dieses Vorhaben als nicht durchdacht. Auch wurde das nun Vorliegende bereits im Juni (teilweise) veröffentlicht[14].
    [...]

  • [Beitrag aufgrund von Zeichenbegrenzung in mehrere Teile aufgeteilt; Teil 2/4]
    Wer möchte kann ja mal nach „Technische Ausstattung an Schulen“ googlen[9] um nach Konzepten zu suchen; auch interessant ist eine Informationsvorlage zu der Anfrage über die „Technische Ausstattung an Heidelberger Schulen“[10] der SPD-Gemeinderatsfraktion.

    So und nun kommt die Pädagogik:
    - In welchen Fächern beziehungsweise Fächerverbünden sollen die Medien eingesetzt werden? In welchen Klassenstufen? Wie sollen sie in das “Schulcurriculum” integriert werden?
    - In welchen Fächern und mit welcher Unterrichtsorganisation sollen die informationstechnischen Kompetenzen für die Nutzung der Medien vermittelt werden (Computer als Lerngegenstand)? Welche sollen in den Fächern mit Hilfe von Medien vermittelt werden (Schwerpunkte)? Welche Schlüsselqualifikationen (zum Beispiel Methodenkompetenzen) sollen durch den Medieneinsatz unterstützt werden?
    - In welchen Unterrichtsformen (Methoden, Sozialformen, Unterrichtsorganisation) sollen die Medien eingesetzt werden (zum Beispiel Gruppenarbeit, Arbeit im Klassenverband, Projektunterricht)?
    - Sollen die Medien auch bei den Hausaufgaben genutzt werden können?
    - Sollen die Medien bei Prüfungen benutzt werden können?
    - Sollen die Medien in die Unterstützungs- und Förderangebote der Schule integriert werden?
    - Gibt es Fortbildungsbedarf im Kollegium hinsichtlich Medienkompetenzen, medienpädagogischer Kompetenzen und Fachdidaktik und Medien?

    (Lesenswert in dem Zusammenhang ist auch die „Möglichkeiten [des iPads] und Grenzen für die didaktische Nutzung im Grundschulunterricht“[11])
    [...]

  • [Beitrag aufgrund von Zeichenbegrenzung in mehrere Teile aufgeteilt; Teil 1/4]
    Mal angenommen (Bemerkungen [3a-g] siehe[3]):
    Schülerzahl (2010/2011,[4]): 8.678.196;[3a]
    Allgemeinbildende Schulen (2010/2011,[5]): 34.528;[3b]
    Tablet: Win8 Pro (z. B. Samsung ATIV Smart PC XE500T1C A03 ohne Zubehör): ~750 €
    WLAN-Infrastruktur (inkl. Baukosten): 155.000 € (pro Schule)

    Also gibt sie pro Schüler rund:
    - 231,21 Euro aus (2 Mrd. / 8.649.959).
    Ein Tablet kostet jedoch 750 Euro, also braucht man rund ~6,4 Mrd.[3c] Euro. Mit diesen 231,21 Euro pro Schüler sind aber nur die Tablets “bezahlt”, benötigt werden aber 750 Euro.

    Nun muss das Tablet in das pädagogische Netzwerk [6] integriert werden, mit einer WLAN-Infrastruktur. Für die WLAN-Infrastruktur benötigen wir pro Schule rund 155.000 Euro, also braucht man rund ~5,1 Mrd. [3d] Euro.

    Die Gesamtkosten betragen rund ~11,6 Mrd.[3e] Euro.

    Auf ein Tablet pro Schüler gerechnet sind das rund 1.343,63[3f] Euro, bestehend aus 750 Euro für das Tablet und 593,63 für die Infrastruktur.

    Also fehlen rund 1.112,41 Euro[3g] pro Tablet bzw. rund ~9,6 Mrd.[3h] Euro für eine entsprechende Integration in die schulische IT-Landschaft.

    Das Tablet (ohne Schutzhülle) mit Win 8 Pro wurde aus Gründen der einfachen Integration in ein bestehendes Netzwerk mit einem Linux-Server (paedML Linux/Linuxmuster.net aka Linux-Musterlösung[7]/logoDIDACT[8]) gewählt.
    Wird ein günstigeres Tablet (Apple/Android) gewählt, so sind hier noch weitere Kosten für die Infrastruktur (WLAN-fähige Drucker, “Cloud” etc.) oder Zubehör zu berücksichtigen.

    Das waren jetzt nur die infrastrukturellen Grundlagen für die Integration von mobilen Endgeräten in ein bestehendes Netz für die allgemeinbildenden(!) Schulen; berufliche Schulen, die eine ähnliche ggf. benötigen, sind darin noch nicht enthalten.
    [...]

  • "Fakt ist: In Deutschland wirkt vor allem das Recht, oder vielmehr dessen Graubereiche, als Innovationsbremse."

    Jep, und diese Graubereiche werden immer besser versteckt, kommen zum Vorschein wenn man tatsächlich mal eine gute Lernsoftware entwickeln, und vor allem vermarkten will.
    Das könnte eine ganze Lehrbuchlandschaft revolutionieren, um Gottes Willen, blos sowas nicht.
    So wird der tatsächliche praktische Nutzen digitalisierter Lernhilfen ad absurdum geführt.

    Der Computer ist eine Maschine, da kommt nur raus was man auch reintut und über die Leitungen schickt.
    Und diese Kontrolle muss perfekt sein, darum geht es.
    Dei Kontrolle muß so perfekt sein, das sogar die Kinder schon begreifen, du sollst nicht so lernen das der Buchpreis gefährdet ist, du sollst nicht so lernen wie es dir am nächsten kommt den Stoff zu kapieren, du sollst lernen was und wie es dir vorgesetzt wird, basta.

  • Kurz gesagt: Computer haben in der Schule nichts zu suchen !

  • Wann wird die Welt begreifen, daß Rechner lediglich Maschinen sind, die man nutzt, genauso, wie ein Auto oder Telefon. Dafür braucht man keine Schule.
    In der Schule sollen Fähigkeiten entwickelt werden, und was die mit Digitaltechnik vergeudete Zeit anrichtet, das sieht man allerorten. Allerdings sehen das nur die Leute, die diese Fähigkeiten noch besitzen. Die anderen verstehen gar nicht, wo das Problem liegen soll.

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