Gastbeitrag zur Frauenquote: Warum ich meine Meinung zur Quote geändert habe

Gastbeitrag zur Frauenquote
Warum ich meine Meinung zur Quote geändert habe

Statt immer nur bekannte Argumente auszutauschen, brauchen wir einen Schritt nach vorn, einen Systemwechsel für mehr Frauen auf den Führungsebenen. Der frühere Roland-Berger-Chef begründet seine Meinungsänderung.
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MünchenEs gibt gute Gründe gegen die Frauenquote – weil wir weniger statt mehr Regulierung brauchen, weil sich der Staat nicht in ureigene Belange unserer Unternehmen einmischen soll, weil gut geführte Unternehmen ohnehin Frauen fördern. Und vor allem: weil „Quotenfrau“ das Potential für ein Stigma hat, das beliebig unfair argumentiert werden kann – Positionen werden nicht mit den Besten besetzt, sondern nach Geschlechterproporz. Wer möchte schon damit konfrontiert werden?

Deswegen sind viele gute Frauen gegen die Quote, und auch ich habe mich lange Zeit dagegen ausgesprochen. Aber ich habe meine Meinung geändert: „Wir brauchen die Quote, weil der Systemwechsel sonst nicht gelingt“, war die Headline zu einem dpa-Interview, das häufig zitiert worden ist.

Allein das hat mich schon überrascht – es ist zu diesem Thema doch schon alles gesagt worden (nur noch nicht von jedem, um Karl Valentin vollständig zu zitieren) – und die Vielfalt der Reaktionen darauf hat mich in meinem Sinneswandel nur bestärkt. Fünf Punkte, die aus meiner Sicht eindeutig für die Quote sprechen:

  • Erstens: Dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen, ist unbestreitbar, denn schon die demografische Entwicklung (Stichwort Führungskräftemangel) lässt keinen Zweifel daran zu, dass wir das Potential an Frauen (und der Frauen) intensiver nutzen müssen, wenn wir die Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes sichern wollen.

  • Zweitens: Für die Weiterentwicklung unserer Unternehmen ist zudem der richtige Mix im Management wesentlich, denn die Volatilität der globalisierten Welt und die damit verbundenen immer ungewisseren Entwicklungen haben die Anforderungen an Führung erheblich verändert. Umso wichtiger ist es, mehr Vielfalt in die Führungsebenen der Unternehmen zu bringen; der richtige Mix hilft, besser zu reflektieren und klüger zu entscheiden. Dabei geht es übrigens auch, aber nicht nur um „mehr Frauen“; Vielfalt bedeutet vielmehr einen breit angelegten Strauß von Persönlichkeiten – unterschiedliche Geschlechter, unterschiedliche Nationalitäten, unterschiedliche Disziplinen, unterschiedliche Fähigkeiten, unterschiedliche Lebenswelten. Kurz: Es geht um Menschen mit Ecken und Kanten und klaren Standpunkten.

  • Drittens: Unbestreitbar ist auch, dass sich in unseren Unternehmen schon einiges bewegt hat, denn der Frauenanteil in den Aufsichtsräten liegt immerhin schon bei knapp 20 Prozent. Aber: Nur sechs Prozent der Vorstände sind weiblich und in fast 20 Prozent unserer größten börsennotierten Unternehmen gibt es überhaupt noch keine Frauen auf den Führungsebenen. Und vor allem: Diese wenig beeindruckenden Zahlen sind seid einiger Zeit erschreckend stabil. Deswegen meine ich: Statt immer wieder die bekannten Argumente auszutauschen (wie auch ich hier), brauchen wir einen systematischen Schritt nach vorne; statt einzelne Unternehmen dafür zu feiern, wenn sie eine weibliche Führungskraft berufen (und andere öffentlich abzustrafen, wenn sie eine weibliche Führungskraft abberufen – auch das gehört dazu), brauchen wir eine breite und verbindliche Bewegung, die uns nach vorne bringt: die Quote.

Die gute Nachricht zum Schluss

  • Viertens: Für mich führt eine verbindliche Quote zu einem Systemwechsel, weil sie eine klare Orientierung gibt und auch den damit verbundenen Zwang, für die richtigen Rahmenbedingungen zu sorgen. Auf Unternehmensebene durch gezielten Kulturwandel, durch gute Führung und gezielte Aus- und Weiterbildung – Qualifizierung ist möglich! Und seitens der öffentlichen Hand durch die richtige Infrastruktur: durch Ganztagskindergärten, Ganztagsschulen, verbindliche Öffnungszeiten, geförderte Haushaltshilfen. Denn natürlich sind andere Länder nicht nur durch die Quote weiter als wir, sondern vor allem, weil sie seit langem dafür sorgen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch möglich ist. Ein weiteres gehört dazu: Frauen und Männer müssen für die gleiche Arbeit gleich bezahlt werden. Weil alles andere ungerecht ist und weil finanzielle Argumente für das Zurückstecken von Frauen bei der Entscheidung zwischen Beruf und Familie keine Rolle spielen dürfen.
  • Fünftens, als gute Nachricht zum Schluss: Die Zeit ist jetzt reif für die Quote, weil wir sie jetzt richtig nutzen können. Denn die vielen guten Initiativen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Qualifizierungsmaßnahmen, die Mint-Programme, die Förderung in den Schulen und die jetzt anlaufende Verbesserung der Infrastruktur schaffen die Plattform, die die Quote als Initialzündung braucht, um den entscheidenden Schritt zu mehr Fairness, mehr Vielfalt, mehr Potential und mehr Wettbewerb zu ermöglichen.

Mehr Wettbewerb ist für mich ein wichtiges letztes Stichwort, denn ich werde häufig von jungen Männern darauf angesprochen, dass ihre Generation bei der Suche nach guten Jobs oder beim nächsten Karriereschritt benachteiligt sei, weil Frauen heute bevorzugt würden. Das mag im Einzelfall so sein und vielleicht auch für eine begrenzte Übergangszeit. Aber mich stört daran das „heute“, denn es impliziert, dass es „früher“ umgekehrt war. Und genau darum geht es doch – um mehr Fairness und die Chance, das bessere Talent zu finden und zu fördern, ob männlich oder weiblich.

Über den Autor: Burkhard Schwenker, der ehemalige Chef von Roland Berger Strategy Consultants, ist das Urgestein der deutschen Beratung. Im Juli 2014 wechselte er in den Aufsichtsrat. Der 56-jährige Schwenker stand mit Unterbrechungen insgesamt acht Jahre an der Spitze von Roland Berger.

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  • Von mir aus zu 100% Frauen in den Führungsetagen, aber nur durch Qualifikation und Eignung !!!

    Ist ein Nachteil für Frauen, die durch die o.g. Voraussetzungen es verdient geschafft haben, ohne Quote !

  • Ich frage mich wirklich, ob der Artikel ernst gemeint ist.
    Fehlende Wettbewerbsfähigkeit durch die Quote verhindern ?
    Als BWL weiß es Herr Schwenker definitiv besser.
    Demografischer Wandel, Vielfalt und Strukturwandel sind Argumente gegen die Quote und werden hier als Argument für die Quote aufgeführt.

  • Seinen wichtigsten Punkt versäumt Herr Schwenker zu erwähnen: Die Berater machen sehr viel Geld mit der Gendermasche.

    Wenn die Quote doch so toll und dringend notwendig ist: Wieso hat Roland Berger keine Frauen? Aufsichtsrat: 0,0 Prozent Frauen, auf Vorstandsebene ebenso 0,0 Prozent. Mehr muss man dazu nicht sagen. Spricht nicht für eine seriöse Beratungsfirma.

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