Gastbeitrag zur Türkei
Erdogans Verhalten ist ein Ausdruck des Scheiterns

Kritik an der türkischen Politik gegenüber dem IS ist berechtigt, wenn auch aus anderen Gründen als häufig angeführt. Günter Seufert über die gefährliche Politik der Türkei, mit der sie sich außenpolitisch isoliert.
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In der europäischen Öffentlichkeit hat die Türkei zurzeit den Schwarzen Peter. In der Libération und dem New Republican schreibt der französische Philosoph Bernard-Henry Levy, dass über die künftige Mitgliedschaft der Türkei in der Nato nachgedacht werden müsse, wenn sie nicht in der vom „Islamischen Staat“ (IS) belagerten syrisch-kurdischen Stadt Kobane eingreife. Levy vergisst dabei, dass es keine Politik der Nato, keine Entscheidung und keine Strategie des Bündnisses zum Kampf gegen den IS gibt. Doch was den Unmut über Ankara angeht, ist Levys Haltung nur die Spitze des Eisbergs. In Europa und den USA können viele nicht verstehen, dass 10.000 türkische Soldaten und Hunderte Panzer an der syrischen Grenze stehen, doch den bedrängten Kurden nicht zur Hilfe eilen.

Staffan de Mistura, UN-Sonderbeauftragter für Syrien, bringt das Nichteingreifen der Türkei in Kobane gar mit der passiven Haltung jener holländischen Uno-Soldaten in Verbindung, die 1995 die Enklave von Srebrenica den bosnischen Serben überließen und so mitschuldig am Tod von 8.000 muslimischen Männern wurden. Doch anders als damals die holländische Truppe hat die Türkei kein Mandat zum Schutz der belagerten Stadt. Nicht nur die Türkei, auch kein anderer Staat hat sich bereiterklärt, in Syrien Bodentruppen einzusetzen, und – wichtiger noch – die Kurden selbst wollen keine türkischen Truppen in ihrer Stadt. Sie fürchten das Ende der politischen Autonomie in den drei kurdischen Kantonen, die sie unter Führung der Partei der Demokratischen Union (PYD) erst vor zehn Monaten errichtet haben.

Wieso also wird die Türkei in aller Regel so negativ beurteilt? Gibt es sie tatsächlich, die internationale Verschwörung gegen die Türkei, wie der frühere Minister- und jetzige Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan heute genauso unermüdlich behauptet wie im Sommer 2013, als brutale Polizeieinsätze gegen Demonstranten das Image der Türkei als Land auf dem Weg nach Europa schwer beschädigt haben? Nein, Erdoğan muss vor der eigenen Schwelle kehren und einsehen, dass seine jetzige Politik sowohl im Inneren der Türkei als auch im Ausland nur auf Unverständnis und Ablehnung stoßen kann.

Als Bedingung für eine Beteiligung am Kampf gegen den Terrorstaat pocht die Türkei darauf, dass eine Flugverbots- und eine Pufferzone etabliert werden. Da der IS keine Flugzeuge hat, würde sich ein Flugverbot jedoch nicht gegen den „Islamischen Staat“, sondern gegen das Regime von Baschar al-Assad richten. Und auch eine Pufferzone an der türkischen Grenze wäre kein Schlag gegen den IS. Sie würde es vielmehr ermöglichen, syrische Flüchtlinge in der Türkei zur Rückkehr zu drängen und der Autonomie der kurdischen Kantone ein Ende zu setzen. Damit zeigt Ankara, dass ihm nicht die Verhinderung eines Genozids durch den „Islamischen Staat“ am Herzen liegt, sondern seine eigene Agenda. Eine solche Politik ist schlicht zynisch.

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Erdoğans Pfeifen in der Dunkelheit

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  • Die Hoffnungen auf einen Frieden mit der PKK sind weitgehend verflogen. Der eineinhalb Jahre währende Waffenstillstand mit der PKK ist zu Ende. In der Türkei ist der Bürgerkrieg zurück

    Noch schlimmer würde es für Erdogan, wenn die türkischen Panzer Kobane helfen würden. Er sitzt in mindestens 2 Zwickmühlen. Dann hätte er den nicht unerheblichen Anteil an türkischen Salafisten heftig gegen sich.
    Wie er es macht, er macht es falsch.

    Schönen Tag noch.

  • "Meiner Meinung nach ist der Islam der einzig wahre Weg."
    In mir tobt eine seltsame Mischung aus Hass, Belustigung, Trauer und Unverständnis.
    Keine Religion ist der einzig wahre Weg, meiner Meinung nach ist Religion der größe Sch***, und zwar weil die Menschen die Religion für ihre niederen Beweggründe missbrauchen. Was wurde nicht schon alles an Leid im Namen von Religionen verübt? Egal welche, es gibt keine Religion die nicht missbraucht wurde.

    Und eine Ausbreitung des Islams möchte ich nun wirklich nicht. Mir reicht, was wir hier im Heimatland bereits haben (viel zu viel).
    Lasst die Nazikeule im Koffer, ich habe nichts gegen Ausländer, nur gegen jene die sich hier nicht benehmen und auf unsere Erde spucken und "Scheiß Deutsche" rufen. Gibt es in meiner Umgebung sehr sehr viele von.

  • Ich stimme Ihnen nicht zu ! Der Islam ist für mich definitiv kein Weg und ich wünsche mir auch keine weitere Ausbreitung in der Welt, insbesondere nicht der Wahabiten, Salafisten und allen anderen Radikalen.
    Wer seinen Islam in seinen eigenen vier Wänden leben möchte, soll das gerne können. Keinesfalls jedoch auch nur annähernd in der Form wie im nahen Osten.

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