Gastkommentar
Asien muss sich auf den Ernstfall vorbereiten

In Asien spüren die Länder erste negative Auswirkungen der Euro-Krise. Falls sich die Bedingungen in Europa noch weiter verschlechtern, könnte es besonders für China und Indien ungemütlich werden. Die Lösung: Reformen.
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Die asiatischen Schwellenländer sollten auf ihre ökonomische Robustheit stolz sein. Dabei entfallen auf China und Indien unter Berücksichtigung der Kaufkraftparität nahezu 60 Prozent des gesamten BIP des Kontinents. Außerdem haben wirtschaftspolitische Änderungen und Strukturreformen, die nach der Asienkrise 1997/98 vorgenommen wurden, die Anfälligkeit der Region für Finanzschocks in den letzten zehn Jahren bedeutend verringert. Doch darf sich Asien nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Sollten sich die Bedingungen in der Euro-Zone weiter verschlechtern, könnte Asien größeren Schaden nehmen. Bereits jetzt fordern externe Effekte, die sich über den Handel und die Finanzbranche übertragen, ihren Tribut. Chinas BIP-Wachstumsrate im zweiten Quartal 2012 kam durchschnittlich auf 7,6 Prozent, was eine erhebliche Verlangsamung bedeutet, und Indiens Wachstumsrate wird wohl in diesem Jahr um etwa sechs Prozentpunkte sinken.

Chinas potenziell starke Binnennachfrage und der große Spielraum für politische Manöver können ihm zu einer sanften Landung verhelfen. Es hat bereits die Währungspolitik aggressiv gelockert und kann weitere Konjunkturprogramme auflegen. Indien aber hat, eingeschränkt von einem hohen Haushaltsdefizit und anhaltendem Inflationsdruck, weniger Spielraum.

Aufgrund der engeren wirtschaftlichen Integration wird das schwache Wachstum in China und Indien die Beschäftigungsmöglichkeiten verringern und die Armutsbekämpfung überall in der Region bremsen. Angesichts der schwachen Nachfrage in den Industrieländern arbeiten die asiatischen Nationen nun daran, ihre Wachstumsquellen neu auszutarieren, indem sie auf inländische und regionale Märkte umschwenken. Infolgedessen hat das Wachstum des intraregionalen Handels das Wachstum des Gesamthandels überholt, so dass der Handel innerhalb Asiens jetzt über die Hälfte des Gesamthandelsumsatzes ausmacht.

Die Herausforderung besteht darin, die Stabilität des Finanzsystems vor externen Schocks zu schützen. Eine politische Reform sollte darauf zielen, die Transparenz des Marktes zu fördern, das Risikomanagement zu verbessern und sowohl die Vorschriften als auch die effektive Überwachung zu stärken. Zweitens müssen die Schwellenländer einen erfolgreicheren makroökonomischen Rahmen schaffen, dazu zählen eine bessere makroprudentielle Aufsicht und ein erweitertes währungspolitisches System, das die Preise von Vermögenswerten und die Finanzmarktstabilität berücksichtigt. Eine große Spanne an offiziellen Maßnahmen könnte angewandt werden, um die Binnennachfrage zu unterstützen, während die Nachhaltigkeit des Haushalts mittelfristig geschützt wird. Zudem sollten die Länder, um auf schwankende Kapitalflüsse einzugehen, ihre Wechselkursflexibilität steigern, angemessene internationale Reserven halten und vorsichtig gestaltete Kapitalverkehrskontrollen umsetzen.

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Finanzkooperation verbessern – global und regional

Kommentare zu " Gastkommentar: Asien muss sich auf den Ernstfall vorbereiten"

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  • Das Deutschland längst von China Entwicklungshilfe bekommt, und nicht umgekehrt, ist Ihnen scheinbar nicht bekannt?

  • Zitat: "Bereits jetzt fordern externe Effekte, die sich über den Handel und die Finanzbranche übertragen, ihren Tribut. Chinas BIP-Wachstumsrate im zweiten Quartal 2012 kam durchschnittlich auf 7,6 Prozent, was eine erhebliche Verlangsamung bedeutet,..."

    Ist diese Aussage aus Halbwissen geboren, oder bewusste Verzerrung von Tatsachen? Im Frühjahr 2011 billigte Chinas Volkskongress einen neuen 5-Jahrsplan, der u.a. eine Drosselung des Wirschaftswachstums auf rund 7% beinhaltet. Demnach liegt China mit 7,6% lediglich im eigenen Plan und von Auswirkungen der Euro-Krise auf das BIP Chinas kann keine Rede sein.

    Ein Artikel auf Welt-Online dazu: http://www.welt.de/politik/ausland/article12809467/China-will-freiwillig-auf-die-Wachstums-Bremse-treten.html

    IIRC berichtete damals auch Handelsblatt Online darüber. Leider finde ich den Artikel auf die Schnelle nicht.

    Im Übrigen werde ich das Gefühl nicht los, dass die Euro-Krise zu einem nicht unerheblichen Teil von Spekulanten im eigenen Interesse heißer gekocht wird, als die Situation tatsächlich ist. Es ist schwer, aus der Ferne Panikmache von Realität zu unterschieden....

    MfG,
    Martina Jacobs

  • Und wenn man sich dann mal vorstellt, dass solche Länder auch noch Entwicklungshilfe bekommen. Da packt einen nur noch der Zorn

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