Gastkommentar
Banken müssen sich neu erfinden

Risiken senken, strengere Auflagen erfüllen: Die Herausforderungen für die Geldhäuser sind gewaltig - auch, weil sie mit weniger Ertrag auskommen müssen. Ihre Reaktion auf die vertrackte Lage ist umso erstaunlicher.
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Auch wenn die Finanzmarktkrise kaum mehr Schlagzeilen macht, spüren wir ihre Auswirkungen allerorts. Sie begann 2006 mit dem Preiseinbruch bei amerikanischen Wohnimmobilien und erreichte zwei Jahre später mit dem Kollaps des Bankhauses Lehman globale Dimensionen. Verluste in der astronomischen Höhe von 2300 Milliarden Dollar waren die Folge. Nur dreistellige Milliardenpakete der Regierungen verhinderten den Zusammenbruch des Finanzsystems. Noch größere Summen mussten die Staaten ausgeben, um den Kollaps der Weltwirtschaft zu verhindern. Diese Pakete stabilisierten zwar Banken und Wirtschaft, säten aber Zweifel, ob die daraus resultierende hohe Staatsverschuldung tragbar sei. Die Basis für die Schuldenkrise 2010 war gelegt.

Seit Lehman haben die Banken beim Flicken ihrer Bilanzen und Kapitaldecken zwar große Fortschritte erzielt. Der Schock bei Bürgern und Investoren sitzt aber tief. Es wird radikale Änderungen der Geschäftsmodelle brauchen, um das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Die Initiative liegt heute weitgehend bei Politik und Aufsicht. Banken werden in Zukunft wesentlich mehr Kapital und liquide Mittel benötigen, der Bilanzhebel wird eingeschränkt, Derivate müssen über zentrale Clearingstellen abgewickelt, jede Kapitalmarkttransaktion zum „besten“ im Markt erzielbaren Preis abgeschlossen werden, und Eigenhandel wird untersagt.

Aber es bleibt noch viel zu tun. Die Schockwellen systemischer Risiken verbreiten sich über Zahlungs- und Abwicklungssysteme. Eine zusammenbrechende Bank kann immer noch das Zahlungsverkehrssystem einer ganzen Nation mit sich reißen. Dabei könnte das Problem durch den Transfer von Zahlungsverkehrsfunktionen in konkursgeschützte Tochtergesellschaften gelöst werden. Auch sind wir noch weit von einer Einlagenversicherung entfernt, die es den Kunden gestatten würde, auf geschützte Einlagen zuzugreifen, selbst wenn ihre Bank im Konkurs steht.

Die Offenlegungspflichten der Banken gilt es ebenfalls zu überarbeiten. Trotz Jahresberichten von bis zu 400 Seiten wurden sogar beste Finanzanalysten vom Zusammenbruch vieler Institute überrascht. Es ist kein Zufall, dass Banken mit einem „AA“-Kreditrating dieselbe Marge bezahlen wie ein schwacher „BBB“-Kreditnehmer. Schließlich ist auch die Insolvenzgesetzgebung zu ergänzen. Für Finanzinstitute braucht es einen Passus, der es dem Insolvenzrichter erlaubt, schnell die Passivseite einer Bank umzugestalten und zu sanieren. Mit Besserungsschein und übers Wochenende - falls notwendig.

Kommentare zu " Gastkommentar: Banken müssen sich neu erfinden"

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  • Das beste Geschäftsmodell haben die Banken. Man bekommt
    von der Notenbank Geld zu einem Prozent, verleiht es zu 4%
    an einen Bauherr, zu 7% an einen Kreditnehmer und bekommt
    noch von vielen Kunden Dispozinsen zu 13%(Wucher).
    Oder man kauft dafür Staatsanleihen. Nun wird mit Kundengeldern so richtig gezockt, bis die Bank in Schieflage
    gerät. Ist sie Systemrelevant dann kann nichts schief gehen,
    weil der Staat dahintersteht. Jedes gewerblich produzierendes
    Unternehmen würde froh sein wenn es ein solches solides
    Geschäftsmodell hätte. Dem ist leider nicht so. Harte Arbeit, hohes Risiko, hohe Steuerlasten, hohe Sozialabgaben und
    noch sehr viele andere Verpflichtungen. Will man ein Kredit, so
    muss man die U. . . .ho.e herunter lassen. Die Banken spekulieren
    munter im Eigenhandel mit dem mehrfachen des hinterlegten
    Eigenkapitals. Bravo Politiker! Am Ende gibts für die Bankmanager noch kräftig Bonis. Als Selbständiger müssen sie unter Umständen
    den Offenbarungseid leisten, sofern das Unternehmen schief
    geht. Wie sagt der Schwabe:" Fingerslang gehandelt ist besser
    als armslang gschafft."
    MfG
    Walter Schmid




  • Es geht nicht nur darum, sich als Bank neu zu erfinden. Schaut man sich die Sache um den Libor an, muss man leider konstatieren, in dem derzeitigen System der Banken steckt eine Menge krimineller Energie. Mit anderen Worten, Banken muessen sich nicht neu erfinden, sie muessen gesaeubert werden. Es sind nicht einzelne Mitarbeiter, es ist das System, das kriminell geworden ist. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her. Erst wenn die Chefs wegen krimineller Handlungen verurteilt werden, koennen die Banken sich positiv aendern, zur Realwirtschaft zurueckkehren.

  • Wir leben in einer Zeit massiver Dekadenz, in der nur noch die Gier den Takt angibt. Und die Politik, in ihrer Sorge und dem Bestreben auch die nur Geringste, längst überfällige Wertberichtigung (“die deutschen Spareinlagen sind sicher.....”, bla, bla) nicht zuzulassen, wird dieses morsche System weiter mit Geld (zu Lasten der Bevölkerung, die es in Form immer höherer Steuern finanzieren sollen ) versorgen. Es wird also immer weiter und immer mehr Geld gedruckt werden. Worauf dies hinaus läuft kennen wir aus der Geschichte.

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