Gastkommentar
Berlin sollte EU-Partnern neuen Vertrag anbieten

Der Direktor des Bruegel-Instituts in Brüssel, Jean Pisani-Ferry, schlägt einen neuen Vertrag für Europa vor: Ein System mit mehr Kontrollen - und mehr gegenseitigen Garantien.
  • 9

Eine ganze Reihe von Ereignissen hat in den letzten Wochen in Europa eine völlig neue Situation geschaffen. Erstens hat die Euro-Zone es nicht geschafft, das Ruder herumzureißen. Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hat zu Recht angemerkt, dass trotz zahlreicher Ministertreffen und dreier Gipfel die Entscheidungen vom Juli immer noch nicht umgesetzt sind.

Zweitens notieren inzwischen die Anleihen fast aller anderen Euro-Länder - auch als Folge der zögerlichen Krisenpolitik - mit einem Abschlag zu den deutschen Bundesanleihen. Es ist zwar gut, dass die Preise Risiken jetzt besser abbilden. Aber es ist kaum nachzuvollziehen, wieso die Niederlande gefährdeter sein sollen als Deutschland, obwohl ihre Verschuldung fast 20 Prozentpunkte niedriger ist. Außerdem haben sogar die Bundesanleihen in der letzten Woche unter der Nervosität der Märkte gelitten.

Drittens: Die Kapitalmärkte und mehr und mehr auch die „Realwirtschaft“ ziehen jetzt auch ein mögliches Auseinanderbrechen der Euro-Zone in ihre Berechnungen mit ein. Das ist zwar immer noch fast undenkbar und in seinen Details kaum auszumalen, aber kein vernünftiger Marktteilnehmer kann es mehr ausschließen. Wenn aber die Befürchtungen wachsen und sich immer mehr Player gegen eine Katastrophe schützen wollen, hat das Folgen, die nicht mehr zu beherrschen sind.

Viertens ist Deutschland nun ganz klar führend in der Euro-Zone. Obwohl Frankreich immer noch seine Rolle als Partner spielt, hat es an Gewicht und an Initiative verloren. Eine schwächere Wirtschaft und schlechtere öffentliche Finanzen, dazu die kommende Präsidentschaftswahl in Frankreich: das alles zusammen bringt die alte Partnerschaft aus dem Gleichgewicht. Und mit politischer Energie allein kann man das Gesetz der Schwerkraft nur begrenzt aushebeln.

Deutschland findet sich in einer ähnlichen Situation wieder wie in den späten 80ern, als die Bundesbank die Geldpolitik für den ganzen Kontinent gemacht hat. Damals war Kanzler Helmut Kohl weise genug einzusehen, dass diese Art von wirtschaftlicher Dominanz keine Stabilität versprach und dass es besser wäre, den Einfluss und das Gewicht Deutschlands zum Aufbau einer stabilen gemeinsamen geldpolitischen Ordnung zu nutzen.

Seite 1:

Berlin sollte EU-Partnern neuen Vertrag anbieten

Seite 2:

Solidarität in Form von Euro-Bonds

Kommentare zu " Gastkommentar: Berlin sollte EU-Partnern neuen Vertrag anbieten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Nein, wir brauchen einen Nord-Euro. Auch wenn Ihr nationalgesinntes Herz die DM gern wieder zurück hätte:

    Bei den veränderten globalen politischen Verhältnissen reicht Ihr deutscher Horizont nicht aus. Unsere deutsche Stimme braucht international Gewicht, gerade beim Thema Umweltschutz und Finanzwesen, und das erreichen wir besser, wenn wir einen nordeuropäischen Euroraum einführen.

  • Wieder ein allwissender aus Brüssel, der alles besser Weiß und kann.
    Vorsicht ist bei solchen Heilsbringern angebracht. Diese Typen haben weder das Wissen, noch ein Gewissen, sie sind wie eine Fahne im Wind.
    Solche Weissagungen sind mit allergrößter Vorsicht zu betrachten.
    Sie möchten ihre gut dotierten Posten nicht verlieren.
    Es gibt nur noch einen Vertrag den die BRD anbieten darf, und der heißt Ausstieg aus der EU, somit wird der Weg für Frankreich frei, die Führung in Europa zu erlangen.
    Danke

  • In dieser EU, die voll ist von Korruption und Lobbyismus, kann doch ein Vorgehen der Kontrolle nie funktionieren.
    Die ganzen Eurokraten, die sich "Finanzexperten" nennen, die alle Warnungen als "rechts" stigmatisierten, und die jahrelang zugesehen haben, wie Griechenland fälschte, wie die Schulden wuchsen, sind leider immer noch im Amt (Juncker).
    Solange nicht eine komplette Auswechslung der Versager kommt, kann ein neuer EU-Vertrag nicht funktionieren.
    Die Ursache Euro (nur wegen dem Euro bekamen die Südstaaten so niedrige Zinsen und konnten sich so immens verschulden, und nur wegen dem Euro ist eine Pleite nicht lokal)wird nicht angegangen, sondern übertüncht.
    Übrigens ist die deutsche Wirtschaft die am wenigsten mit der Eurozone verflochtene. Ein Ausstieg Deutschlands wäre langfristig gut für D, auch wenn es kurzfristig teuer wäre.
    Aber vor allem: die strukturellen Defizite der PIIGS wären durch Bonds - egal welcher Art nicht beseitigt, und das ist das Hauptproblem. Wieder nur Wurschteln, das am Ende noch teurer wird: der deutsche Steuerzahler soll weiterhin ausländische Banken retten. Der Euro ist eine Katastrofe.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%