Gastkommentar
Bilanzen müssen die langfristige Perspektive zeigen

Die Rechnungslegung nach aktuellen Marktpreisen widerspricht einem gesunden Risikomanagement: Ohne eine Bewertung mit Blick auf den gesamten Zyklus sind die Gewinne in guten Zeiten zu hoch. Dies verleitet die Banken dazu, Kredite, Dividenden und Bonuszahlungen für die Mitarbeiter zu stark auszuweiten.
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Bilanzierungsregeln sollten die Transparenz und das Risikomanagement verbessern. Sie müssen daher eine "wahre" Bewertung widerspiegeln, nicht einfach die aktuellen Marktpreise.

In Boomzeiten steigen die Preise von Vermögenswerten. Und im Gleichschritt damit wachsen, unter dem Einfluss der heutigen Bilanzierungsregeln, auch die Gewinne der Finanzkonzerne. Das ist schlecht. Die Klugheit gebietet, diese Preise zu hinterfragen und sich klarzumachen, dass der wirtschaftliche Zyklus in der Zukunft ohne Zweifel die Marktbewertungen auch wieder nach unten drücken wird.

Aus diesem Grund sollte, um Transparenz und eine ordentliche Buchführung zu ermöglichen, das Vermögen im "Bankbuch", das längerfristig angelegt ist, mit einer entsprechend ausgedehnten Perspektive bewertet werden, die sich über den gesamten Zyklus erstreckt. Lediglich die kurzfristigen Anlagen im "Handelsbuch" der Bank, die jederzeit verkauft werden können, sollten zu aktuellen Marktpreisen bilanziert werden.

Ohne eine Bewertung mit Blick auf den gesamten Zyklus sind die Gewinne in guten Zeiten zu hoch. Sie verleiten die Banken dann dazu, ihre Kredite, Dividenden und Bonuszahlungen für die Mitarbeiter zu stark auszuweiten und die schlechten Nachrichten, die unausweichlich im nächsten Abschwung kommen werden, einfach auszublenden. Wir müssen aber, wenn wir eine Kultur des Risikomanagements fördern wollen, die extremen Schwankungen der ausgewiesenen Gewinne vermeiden, die aus der Bewertung nach aktuellen Marktwerten herrühren.

Das "Bankbuch" spiegelt die vielfältigen Aktivitäten der Bank wider. Dabei muss die sogenannte Fristentransformation, ohne die es kein Bankgeschäft gibt, ständig sehr genau überwacht und kontrolliert werden. Es handelt sich hierbei um das Verfahren, mittel- und langfristige Anlagen mit kurzfristigen Einlagen zu finanzieren. Aber diese Kontrolle kann nur unter zwei Voraussetzungen funktionieren: Die Bank muss den "wahren" Wert ihres Vermögens kennen, und sie muss wissen, welche Zahlungsüberschüsse es in seiner Laufzeit erzeugen kann. Die Bank muss daher bei der Bilanzierung eine Methode anwenden, der die Bewertung der künftigen Zahlungsströme zugrunde liegt. So kann sie den Aktionären und anderen Kapitalgebern ein realistisches Bild des langfristigen Ertragspotenzials geben.

Wenn dagegen die Bewertung rein nach aktuellen Marktpreisen erfolgt, wachsen und schrumpfen die Erträge (oder Verluste) mit dem wirtschaftlichen Zyklus. So wird die Öffentlichkeit irregeleitet und das Management verführt, im Aufschwung zu viel Risiko einzugehen.

Das alles ist nicht nur eine technische Frage. Die Erfahrung zeigt, dass Bilanzierungsregeln großen Einfluss auf die Risikofreude der Banken haben. Eine gesunde Risikokultur und ein entsprechendes Management werden aber durch Schnappschüsse, die in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung nur einen Moment abbilden, nicht gefördert.

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