Gastkommentar
Das Ende des Shareholder Value als Führungsprinzip

Diese Weltwirtschaftskrise hat Konsequenzen für Deutschlands Führungsetagen. Einseitiges Shareholder Value Denken, das durch den Einfluss internationaler Investoren auch in Deutschland vielfach zum Führungsprinzip wurde, ist eine der Ursachen, warum zahlreiche Unternehmen derzeit in große Schwierigkeiten geraten.
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Diese Weltwirtschaftskrise hat Konsequenzen für Deutschlands Führungsetagen. Einseitiges Shareholder Value Denken, das durch den Einfluss internationaler Investoren auch in Deutschland vielfach zum Führungsprinzip wurde, ist eine der Ursachen, warum zahlreiche Unternehmen derzeit in große Schwierigkeiten geraten. Mit hohen Wachstums- und Renditeversprechen, hartem Kostenmanagement und "Financial Engineering" wurde bei Investoren immer mehr Geld eingesammelt, um sich durch fremdfinanziertes Wachstum zum Global Player entwickeln zu können. Die Abhängigkeit vieler Unternehmen vom Kapitalmarkt stieg dadurch im Verlauf der Jahre dramatisch an. Das Organisationsverhalten orientierte sich häufig einseitig an den Bedürfnissen der Investoren.

Unternehmerprinzipien zu Gunsten kurzfristiger Renditen verletzt

Zentrale unternehmerische Prinzipien wie Nachhaltigkeit, Risikovorsorge oder gesellschaftliche Verankerung sind in der Vergangenheit im Glauben an stetiges weltwirtschaftliches Wachstum schlicht verdrängt worden. Wie soll denn auch eine Unternehmensführung den Kriterien des reinen Shareholder Value, der auf kurzfristiger Renditemaximierung und wachstumsabhängiger Finanzierung basiert, entsprechen und gleichzeitig den Bedürfnissen der übrigen gesellschaftlichen Anspruchsgruppen gerecht werden können? Ein klassischer Paradigmenkonflikt.

Mit dem Fast-Zusammenbruch der Finanzmärkte sind jetzt sogar einige Blue Chips zu potenziellen Übernahmekandidaten geschrumpft. Vor allem die Nicht-Wahrnehmung der Interessen wichtiger Anspruchsgruppen führt in die Krise, denn deren Unterstützung fehlt, weil sie jahrelang nicht ausreichend in den Dialog mit den Unternehmen eingebunden waren. Dies gilt insbesondere für die politischen Entscheider. Teile unserer Wirtschaft drohen nun in Regulierung, staatlicher Beteiligung und öffentlicher Kontrolle zu versinken. Die soziale Akzeptanz unserer Wirtschaftseliten ist auf dem Tiefpunkt angekommen.

Moderne Interpretation der Sozialen Marktwirtschaft erfordert Stakeholder Dialog

Nach dieser Wirtschaftskrise werden andere Erfolgsparameter gelten müssen, sonst ist "nach der Krise vor der Krise". Derzeit wird zu Recht die Forderung nach einer modernen Interpretation der Sozialen Marktwirtschaft laut.

Die Neuorientierung an den Werten, die für die Funktion unserer Gesellschaft unabdingbar sind, und das Interesse an langfristig prosperierenden Märkten unter Mitwirkung aller Beteiligten einschließlich der Akteure im Kapitalmarkt setzt allerdings eine veränderte Perspektive voraus: Im Zentrum der Zieldefinition und strategischen Unternehmensführung müssen in Zukunft alle wichtigen Anspruchsgruppen (Stakeholder) stehen, Aktionäre und Politik inklusive. Denn Märkte sind nur dann gesund, wenn alle Marktteilnehmer und-regulative in ihren Bedürfnissen erkannt und berücksichtigt werden - analog zu den als selbstverständlich betrachteten Investor Relations.

Stakeholder Value ersetzt Shareholder Value

Ein solches Stakeholder Value Prinzip setzt zunächst voraus, dass Unternehmen die Bedürfnisse ihrer Stakeholder kennen. Entsprechende Stakeholder Analysen sind heute aber noch nicht an der Tagesordnung. Während im klassischen Produktmarketing die Einstellungen der Anspruchsgruppe Kunden zu den Werten einer Marke mit hohen Investitionen in Markt- und Meinungsforschung im Detail erforscht werden, ist die Analyse anderer Anspruchsgruppen vielfach noch ein Stiefkind der Unternehmensstrategie. Oft genug ist selbst das Wissen um die Einstellungen der eigenen Mitarbeiterschaft schwach und von Einzelmeinungen geprägt.

Welcher Vorstand weiß im Detail, was zum Beispiel potenzielle Mitarbeiter, Standortkommunen, Gewerkschaften, Geschäftspartner und Lieferanten, politische Entscheidungsträger, Oppositionsparteien, Non-Governmental Organizations (NGOs), Meinungsmacher und Medien in den wichtigsten Absatzmärkten wirklich wissen, denken, fühlen, erwarten? Wie hoch ist hier der Rückhalt der Unternehmen? Die Einstellungen der Anspruchsgruppen werden aber immer stärker die Reputation beeinflussen und damit auch langfristig das Standing im Kapitalmarkt determinieren.

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