Gastkommentar
Das schnelle Ende eines Traums

Die jüngsten Prognosen zum Wachstum der vier Bric-Länder - Brasilien, Russland, Indien und China - im kommenden Jahr zeigen erfreulichen, aber auch erstaunlichen Optimismus.

Die jüngsten Prognosen zum Wachstum der vier Bric-Länder - Brasilien, Russland, Indien und China - im kommenden Jahr zeigen erfreulichen, aber auch erstaunlichen Optimismus. So hat die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) das chinesische Wachstum für 2009 unwesentlich von 9,8 Prozent auf 9,5 Prozent revidiert. Brasiliens Wachstum soll laut Latin America EconoMonitor nur um weniger als einen halben Prozentpunkt im kommenden Jahr auf vier Prozent zurückgehen. Ähnliches gilt für Russland (sieben Prozent). Lediglich für Indien hat die ADB ihre Prognose für 2009 (8,5 Prozent) deutlicher auf sieben Prozent korrigiert, da sie die Kombination von Energieabhängigkeit, Abwertung, fiskalischen Problemen und internen Infrastrukturengpässen für gravierend hält.

Der Optimismus ist mutig, denn es gibt andere, düsterere Ausblicke. Jüngste Prognosen gehen für das laufende und das kommende Jahr insgesamt von einem Nullwachstum der US-Einfuhren aus, nach durchschnittlich sechs Prozent Wachstum in den Jahren 2005 und 2006. Dies würde, gemessen am Anteil der US-Einfuhren am Welthandel, dem Rest der Welt einen Rückgang seiner Exporte um etwa 1,5 Prozent bescheren.

Die direkte negative Wirkung fällt umso höher bei Ländern aus, deren Exporte überdurchschnittlich auf den US-Markt gerichtet sind, insbesondere bei den beiden Nafta-Nachbarn Kanada und Mexiko, aber auch China, das ein Fünftel seiner gesamten Exporte auf den amerikanischen Markt schickt und dabei vor allem auf den jetzt nach der Immobilien- und Bankenkrise besonders anfälligen Fertigwarenbereich. Von Einbußen im Exportwachstum Chinas würden die südostasiatischen Asean-Länder leiden. Sie liefern in erster Linie die Vor- und Zwischengüter für die Exportindustrie Chinas und erst in zweiter Linie Güter für den heimischen Verbrauch in China.

Dies könnte bedeuten, dass der negative Effekt einer amerikanischen Nachfrageabschwächung für die asiatischen Länder nicht vollständig durch eine Belebung der chinesischen Inlandsnachfrage kompensiert wird. Er könnte auch nicht durch eine im Vergleich zu den USA stabilere Nachfrage in den europäischen Ländern ausgeglichen werden. Diese wird zurzeit alles andere als robust eingeschätzt. Im Gefolge einer möglichen Stagnation in der Euro-Zone im Jahre 2009 würde sich auch die Importnachfrage im Euro-Raum deutlich abschwächen, in einigen Ländern sogar sinken.

Die Möglichkeiten, einen Ausfall der Exportnachfrage durch rasch wirksame binnenwirtschaftliche Maßnahmen auszugleichen, sind in allen Bric-Ländern begrenzt. So besteht in China die begründete Vermutung, dass angesichts einer seit Ende der 90er-Jahre zu beobachtenden Investitionsquote von über 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zusätzliche Infrastrukturinvestitionen deutlich weniger Wirkung auf die Produktivität haben würden als die bereits getätigten Investitionen - mit Ausnahme der Investitionen, die für den Wiederaufbau der durch das Erdbeben in Sichuan zerstörten Infrastruktur erforderlich sind. Für die chinesische Regierung sind zurzeit die Bekämpfung von Inflationserwartungen durch eine restriktive Kreditpolitik und Umverteilungsmaßnahmen zugunsten der von Inflation und anderen Faktoren besonders betroffenen Bezieher niedriger Einkommen wichtiger als weitere große Investitionsprogramme. Alle Schwellenländer möchten zudem jüngste Erfolge bei der Eindämmung des Anstiegs der Staatsschulden nicht aufs Spiel setzen, zumal sie befürchten müssen, dass hohe Energiepreise bei fortgesetzter Subventionierung des Energieverbrauchs in ihren Ländern ihre Spielräume für Ausgaben einschränken.

Ein starkes Signal für eine stärkere Binnenorientierung käme von institutionellen Reformen wie dem Einstieg in soziale Sicherungssysteme. Sie würden auf lange Zeit das Ausgabeverhalten von privaten und öffentlichen Haushalten verändern. Ein derartiges Signal ist in den Ländern zurzeit allerdings nicht erkennbar.

Über die negativen Wirkungen eines engen Konjunkturverbundes zwischen den USA und der EU hinaus gibt es für die einzelnen Länder negative Sonderfaktoren. Für Brasilien, dessen Exportstruktur in den letzten Jahren stärker durch Rohstoffe geprägt wurde, läuft die unmittelbare Ansteckungsgefahr weniger über ein Ende des Booms bei den Rohstoffpreisen. Die Rückkehr zu "normalen" Preisveränderungen war abzusehen. Vielmehr droht Ansteckung über die kurzfristig gestiegene Volatilität der Preise, die damit verbundene Unsicherheit an den dortigen Börsen, die Abhängigkeit des Staatshaushalts von den Rohstofferlösen und die engen Handels-und Kapitalverflechtungen mit den USA. Es sieht nicht danach aus, als dass sich Brasilien zum ersten Mal immun gegenüber einer amerikanischen Krise zeigen könnte.

Russland wird die Folgen der Schwäche der OECD-Länder und der Krise der Finanzmärkte deshalb zu spüren bekommen, weil politische Spannungen vor seiner Haustür, hohe Auslandsverbindlichkeiten von heimischen Unternehmen und Banken zur Finanzierung von erwarteten sehr rentablen, aber jetzt neu zu bewertenden Anlagen im eigenen Land und das wahrscheinliche Ende des Gas- und Ölpreisbooms ausländische Investoren abschrecken und viele inländische Investitionen in die Verlustzone treiben können.

Indiens Wirtschaft wird das Schrumpfen der internationalen Finanzgeschäfte zu schaffen machen. Ein Großteil der indischen Exporte moderner Unternehmensdienstleistungen über das Internet verdankt seine Existenz der Expansion der Finanzmärkte. Es scheint, als sei der Traum vom Abkoppeln der Schwellenländer von den OECD-Staaten einstweilen ausgeträumt.

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