Gastkommentar
Denn sie wissen, was sie tun

Henrik Enderlein, Professor für politische Ökonomie, glaubt an eine Rettung Griechenlands. Eine Einigung zwischen Troika und Athen werde gelingen. Doch das mache Hellas weder solventer, noch beende es die Euro-Krise.
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Es ist die makaberste Szene im Film „... denn sie wissen nicht, was sie tun“: Zwei Autos rasen auf die Klippe über dem Abgrund zu; in jedem ein pubertierender Jugendlicher. Wer zuerst aus seinem Auto springt, ist der Verlierer des Spiels. Dieses „Feiglingsspiel“, wie die Spieltheorie es nennt, beschreibt die Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern ziemlich passgenau.

Die griechischen Parteien wissen, dass für die Troika eine ungeordnete Insolvenz eine Katastrophe wäre, deshalb geben sie nicht nach. Die Troika weiß, dass eine ungeordnete Insolvenz für Griechenland eine Katastrophe wäre, deshalb gibt sie nicht nach. Beide Seiten diktieren zurzeit fast stündlich in die Protokolle, dass sie keine Angst vor dem Absturz haben. Erst Zentimeter vor dem Abgrund werden sie eine Einigung erzielen – es sei denn, sie wissen nicht, was sie tun …

Zum Glück verhandeln in Athen und Brüssel keine pubertierenden Jugendlichen. Deshalb wird die Einigung gelingen. Griechenland wird weitere Sparmaßnahmen und Einschnitte beim Mindestlohn anbieten, die Europäische Zentralbank wird auf ihre Gewinne aus dem Ankauf griechischer Anleihen verzichten und damit die griechische Schuldenlast um rund 12 Milliarden Euro reduzieren, die Euro-Gruppe und der Internationale Währungsfonds werden das zweite Griechenlandpaket verabschieden und 130 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. So weit, so gut.

Meine Sorge ist aber, dass in der Euphorie nach der Einigung die Herausforderungen aus der Umschuldung Griechenlands ins Vergessen geraten werden. Denn nur weil die Stunde null der griechischen Wirtschaft endlich erreicht ist, ist weder das Land solvent noch die Euro-Krise beendet.

Erstes Risiko: Der Deutsche Bundestag scheitert an der historischen Aufgabe, das zweite Rettungspaket für Griechenland mit einem politisch eindeutigen Signal zu verabschieden. Angesichts der latent vorhandenen „Griechenland-aus-dem-Euro“-Stimmung wäre eine Wackelmehrheit gefährlich. Jeder Investor würde sofort wieder die Frage stellen, wie weit die Bereitschaft Deutschlands, den Euro-Raum durch solidarische Kreditvergabe zu stabilisieren, im Ernstfall reicht.

Kommentare zu " Gastkommentar: Denn sie wissen, was sie tun"

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  • @ Handelsblatt

    Artikel-Titel: "Denn sie wissen, was sie tun"
    statt "Denn sie wissen, was sie tun"
    müsste es m. E. richtigerweise heissen: "Denn sie wissen N I C H T, was sie tun" (Die griechischen Parteien)

  • Sehr geehrter Professor Enderlein,
    ich kann Ihnen in den meisten Punkten zustimmen. Dennoch muß ich fragen: Zu welchem Griechenland stehen wir, zu einem betrügerischen, schmarotzenden Griechenland oder zu einem Griechenland, das ehrlich von einem maroden zu einem normalen Staat wird. Auf ersteres sollte Europa verzichten.
    Gruß
    walterengel

  • Unfassbar dünnes und intellektuelles Geschwafel. Das sind keine theoretischen Modelle, sondern gierige Politiker und Finanzeliten die ihre Pfründe erhalten wollen. Genau die gleichen, die den Karren durch Lug und Trug überhaupt so tief in den Dreck gefahren haben.
    Der Herrn Professor sollte sich mal abseits der Theorie fragen, ob er sein sicheres Gehalt auf sein Ergebnis setzen würde. Diese Theoretiker sind allesamt, wie auch die Politiker, von der realen Welt und leider der Ethik, entkoppelt

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