Gastkommentar: Der Cyberwar hat begonnen

Gastkommentar
Der Cyberwar hat begonnen

Inzwischen ist bestätigt, was alle vermutet haben: Die USA haben eine iranische Atomanlage mit einem Computer-Wurm sabotiert. Dies könnte der offizielle Auftakt zum weltweiten Cyberwar gewesen sein.
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Stuxnets wahrer Name war also Operation „Olympic Games". Die Meldung bestätigt, was aufgrund von Indizien und Gerüchten lange gemutmaßt wurde. Der Angriff gegen die iranische Atomanlage kam aus Amerika. Erfunden wurde er vom Strategic Command, entwickelt vom Geheimdienst NSA (National Security Agency), von Bush initiiert und von Obama durchgeführt.

Der strategische Hack sollte Zeit für Diplomatie schaffen und einen israelischen Militärschlag abwenden. War die Operation ein Erfolg? Die unmittelbaren Ziele wurden erreicht. Für geringe Kosten im unteren Millionenbereich gab es einen messbaren Effekt. Zudem konnte man neue militärische Fähigkeiten und Konzepte testen, erhielt wertvolles Feedback.

Aber das ist nur die enge, die operative Sicht. Aus größerer Perspektive stellen sich die Wirkungen von Stuxnet komplexer und problematischer dar. Zum Nachteil der USA. Entscheidend ist, dass erst der Wurm selbst und jetzt der Urheber versehentlich bekannt geworden sind. Das ist ein ausschlaggebendes Detail. Wäre die gesamte Operation erfolgreich „covert" gewesen, wäre der strategische Gewinn direkt und sauber geblieben.

So aber sind Kollateralschäden entstanden. Einmal unmittelbar operativ. Der Iran weiß, dass er systematisch angegriffen wird. Statt einer Deeskalation wird eine Eskalation ausgelöst. Der Raum für Verhandlungen ist kleiner geworden statt größer. Der Vorteil der gewonnenen Zeit wird sich hier relativieren. Schlimmer aber als die unmittelbaren Folgen in Iran sind die größeren strategischen Nebenwirkungen weltweit.

Geburtshilfe für neue Art der Kriegsführung

Stuxnet stieß mitten in eine verstärkte theoretische Beschäftigung mit dem Thema Cyberkrieg. Das Erscheinen des Angriffs war für die Community so etwas wie die Landung eines Ufos für Ufologen. Eine echte Sensation. Ein Blick in eine Welt, die im Geheimen lag und über die sonst nur spekuliert werden konnte. Das war eine wichtige Wende.

Die Veröffentlichung des Wurms lieferte den Beweis: Diese Form der Kriegsführung existiert - schon jetzt und nicht erst in irgendeiner diffusen Zukunft. Das gibt den Diskussionen Gewicht, bringt sie in die Weltöffentlichkeit und in die Weltpolitik. Die Weltpolitik stellte schnell zwei Dinge fest.

Einmal, dass die Verteidigung gegen solche Angriffe schwer ist. Und im Umkehrschluss, dass Offensivfähigkeiten außerordentlich interessant sind. Denn Stuxnet bewies nicht nur, dass solche Aktivitäten möglich sind. Sie sind auch kostengünstig und effektiv. Dieses weltweite Interesse an der Offensive ist eine erste große strategische Nebenwirkung. Obama sei sich dieser Gefahr bewusst gewesen, wird berichtet.

Er habe geahnt, dass man einer neuen Form der Kriegsführung Geburtshilfe leisten könne. Aber dabei wird er nur an die üblichen Spiele mit den üblichen Spielern gedacht haben. Zu kurz gedacht. Wie bei den echten Olympischen Spielen wollen und können hier alle Staaten mitspielen. Und die Zahl der möglichen Spiele ist groß.

Die Optionen für Spionage und Sabotage sind ungewöhnlich reichhaltig, ermöglichen den Ruin ganzer Wirtschaften und breit gefächerte politische Einmischung. Dies erweitert das Spektrum der üblichen Aktivitäten äußerst stark. Außerdem droht eine Machtumkehr. Denn die hochtechnisierten Industrieländer - ganz vorne die USA - haben im Cyberkrieg große Nachteile. Sie haben überall verwundbare und vernetzte IT verbaut.

Katastrophe für das Silicon Valley

Schwellen- und Entwicklungsländer sehen offensive Cyberkriegskapazitäten daher als „strategic equalizer", mit dem sie den jahrhundertelang überlegenen Westen endlich in Schach halten können. Wenn er sie zukünftig bedrohen sollte, drohen sie einfach mit Fernsteuerungen für seine technischen Substrate. Der größte langfristige Schaden könnte der amerikanischen Wirtschaft entstehen.

Denn zwei Basiserkenntnisse der Defensive lauten, dass großer, komplexer Software nicht getraut werden darf, da sie zu viele Optionen für versteckte Sabotage und Spionage enthält, und dass andere Staaten IT-Produkte bereits bei der Produktion manipulieren können.

Der Schluss vieler Staaten: man brauche für alle staatlichen, infrastrukturellen und essenziellen wirtschaftlichen Systeme eine neuartige, möglichst national produzierte Informationstechnik. Für das Silicon Valley ist das eine Katastrophe. Es wird partiell den Zusammenbruch des internationalen Geschäfts bedeuten.

Einige der langfristigen Nebenwirkungen von Stuxnet: strategische Schwächung der hochtechnisierten Industrienationen, teilweiser Kollaps der großen IT-Geschäftsmodelle und Verlust des Vertrauens in die Informationsgesellschaft insgesamt. Das kann kaum Teil der amerikanischen Interessen gewesen sein.

Wäre Stuxnet nicht bekannt geworden, wäre dies nicht so schnell geschehen. Theoretische Risiken sind stets weniger aufregend als reale. Jetzt ist es zu spät. Die Büchse ist geöffnet, die Übel sind entfleucht. Diese Kollateralschäden werden die USA Jahrzehnte beschäftigen.

Kommentare zu " Gastkommentar: Der Cyberwar hat begonnen"

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  • Bitte info ob un was lesbar

    http://dynip.name/moerderbande.jpg

  • Ist das nicht nach eigener, US-amerikanischer Definition eine Kriegshandlung? Darf der Iran nun (niederschwellig) zurückschlagen? Zumal der Iran als Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrages grundsätzlich das Recht auf ein ziviles Nuklearprogramm hat.

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