Gastkommentar
Der Druck auf die Forschung ist hoch

Nicht oft genug führen die Erkenntnisse der Forschung auch zu marktfähigen Produkten. Zu groß ist die Angst vor dem Risiko. Was es braucht, ist eine gemeinsame europäische Vision, um die Defizite zu beseitigen.
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Trotz der aktuellen Diskussion um die Zukunft des Euros hat die Wirtschaft Europas nach wie vor hohes Gewicht in der Welt. Unsere ökonomischen Erfolge basieren auf technologisch führenden Industrien. Dahinter steht eine herausragende Grundlagenforschung, die getragen wird von exzellenten Hochschulen, Instituten und innovativen Unternehmen.

Für nachhaltiges Wachstum in Europa ist jedoch die anwendungsorientierte Forschungs- und Entwicklungsarbeit (FuE) entscheidend – also die Umwandlung von Grundlagenwissen in marktfähige Produkte. Leider gelingt dies hier nicht so gut wie in Asien oder Amerika. Unsere Spitzenleistungen von heute fußen oft auf Errungenschaften der 70er- und 80er-Jahre, es fehlt in vielen Zukunftsmärkten, wie zum Beispiel der IT-Industrie, an klaren Alleinstellungsmerkmalen.

Warum gibt es in Europa bei der ergebnisorientierten FuE-Arbeit Defizite?

Im Zuge des wachsenden Wettbewerbs werden die Produktlebenszyklen kürzer, und die Entwicklung wird teurer. Deshalb muss das neue Produkt von Anfang an vor dem geistigen Auge der Entwickler schweben, um es dann zügig zur Marktreife zu bringen. Oft ist man in Europa jedoch mit dem reinen Erkenntnisgewinn zufrieden. Es fehlt bisweilen der Wille zur Umsetzung.

Schwierige Rahmenbedingungen verschärfen das Problem. Mit wachsendem Wohlstand nimmt die Einstellung ab, dass Neues Nutzen stiftet. Risiken rücken mehr in den Blick als Chancen. Damit erhöht sich der Druck auf die Forschung: Sie muss nicht nur Innovationen schaffen, sondern zugleich deren gesellschaftliche Akzeptanz berücksichtigen. Dieser Konflikt lässt sich nicht immer lösen, wie der Widerstand gegen neue überirdische Stromtrassen im Zuge der Energiewende zeigt.

Eine weitere Hürde auf dem Weg zu einer ergebnisorientierteren FuE-Arbeit ist eine zu starke Konzentration auf die nationale Technologiepolitik. Kein europäisches Land kann allein gegen die wachsende internationale Konkurrenz bestehen. Ich wundere mich daher sehr, warum es keine europäische Technologiepolitik mit klaren Zielen gibt. Die Schäden aus den vergebenen Vermarktungschancen in der Vergangenheit haben nicht klug gemacht. Man denke nur an den Fernseh-, Foto- oder Computerbereich.

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„Es geht nicht um Gehhilfen für lahmende Industrien“

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  • Die Forschungsförderung in Deutschland hat sich im Klein-Klein verzettelt. Mit der Gießkanne werden viele kleinteilige, anwendungsnahe Projekte über der gesamten Industrie verteilt. Die Spitzenclusterförderungen sind eine rühmliche Ausnahme, denn sie fokussieren die Stärken.
    Nicht verstanden hat man in Deutschland jedoch, dass es zu jeder Zeit ein paar wenige dominante Basistechnologien gibt, die der Schlüssel sind für Innovation und Produktivitätsfortschritte. Diese gilt es zu fördern, wie Herr Bauer zutreffend dargelegt hat. Übrigens ist der Wiederstand gegen Innovation in Deutschland nicht neu: im neunzehnten Jahrhundert wurde die Einführung der Dampfmaschine zunächst abgelehnt mit dem Hinweis, daß die Wasserkraft doch so billig sei.

  • Teil 2

    Jetzt noch einige Worte zur gemeinsammen, innovativen Interessenverfolgung in der EU.
    Es ist derzeit eine denkbar schlechte Zeit dafür.
    Zum Einen haben etliche deutsche Betiebe viel Lehrgeld mit einer chinesischen Kooperation gezahlt.
    Zum Anderen verfestigt sich die Abneigung zur Gemeinsamkeit wegen der Ideologie vom EU Fleißigen und dem EU Schmarotzer.
    Solche negativ Erfahrungen sprechen sich rum und hemmen gemeinsamme Investitionen.

    Schönen Tag noch.

  • Vielen Dank, daß sie dieses wichtige Thema beleuchten.
    Es ist gerade für die BRD als exportorientiertes Land wichtig auf Inovation zu setzen. Aber die Lösung ist erheblich schwieriger als man meint.
    Ich will es an den Autoherstellern erklären.
    Vor ca. 15 Jahren konnte man in der Bosch eigenen Zeitung lesen:

    Es wird einen ruinösen Kampf geben unter den KFZ Zuliefer Betrieben.

    Genauso und noch schlimmer ist es gekommen. Die KFZ Hersteller haben ihre Zulieferer stark im Preis gedrückt und ihnen die Margen vorgeschrieben. Die haben wiederum ihre Zulieferer im Preis gedrückt. Somit war die Herstellung eines Produktes noch gegeben, aber kein Geld mehr für die Forschung und Entwicklung neuer Produkte vorhanden. Wer nicht auf mehreren Beinen stand, fiel nach einigen Jahren von allein durchs Raster. Die Innovationskrise war und ist zum großen Teil hausgemacht.

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