Gastkommentar
Der Kater nach dem Abwrack-Rausch

Durch die Abwrackprämie steigen die Absatzzahlen für Kleinwagen – Politiker und Autohändler jubeln. Das „German Miracle“ ist in der Krise längst zum Exportschlager geworden. Doch wenn die Abwrackprämie ausläuft, kommen harte Zeiten auf die Autoindustrie zu.
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Die Abwrackprämie hat einen unerwarteten Boom ausgelöst. Statt für wie geplant 600 000 werden vermutlich für gut zwei Millionen Pkw Prämienanträge gestellt und knapp fünf Milliarden Euro eingesetzt werden. Über die Abwrack-Sonderkonjunktur jubeln Politiker und Autohändler. Und im Ausland wird die deutsche Abwrackprämie zusehends Exportschlager. Nach Frankreich, Österreich, Italien, Spanien plant jetzt sogar England die Einführung des „German Miracle“. Ist die Abwrackprämie eine „never ending success story“?

Bei den Autobauern ist das Bild differenzierter. Ende März entfielen nach Angabe der BAFA 36 Prozent der Prämienanträge auf deutsche Marken, während in „normalen“ Zeiten deren Marktanteil bei 62 Prozent liegt. Die Importeure gewinnen aufgrund des prämienverzerrten Marktes 26 Prozentpunkte. Die 2 500-Euro-Prämie wirkt also wie ein staatliches Dumping für Importfahrzeuge. Selbst VW verliert durch die Prämie. Einem Anteil von 14 Prozent bei den Prämienanträgen steht ein normaler Marktanteil von 20 Prozent gegenüber. Weit brenzliger ist die Lage für die Premiumanbieter. So steht etwa bei Mercedes ein Prämienanteil von 1,5 Prozent einem normalen Marktanteil von über zehn Prozent gegenüber.

Weit brisanter ist der Effekt auf das Preisgefüge. Da durch die Prämie ein Sog zu Klein- und Importwagen entsteht, müssen die deutschen Anbieter mit Zusatzrabatten nachziehen. So wird etwa der Golf mit 2 500 Euro VW-Umweltprämie angeboten. Auch Audi, BMW, Mercedes bieten offen eigene Prämien in dieser Höhe an. In der Spitze betragen die Rabatte bei Einrechnung der Prämie 48,5 Prozent.

Die Abwrackprämie hat eine Rabattspirale in Gang gesetzt, die nachhaltig die Margen im deutschen Automarkt schädigt. Wer heute einen Golf mit 30 Prozent Rabatt kauft, ist beim nächsten nicht mit fünf Prozent zufrieden. Neben dem Neuwagenmarkt hat die Prämie das Preisgefüge im Gebrauchtwagenmarkt zerstört. Gebrauchte Firmenfahrzeuge können nur mit hohen Preisabschlägen Käufer finden. Dieser Verfall der Restwerte sorgt bei den deutschen Autobauern für höhere Leasingraten bei Neuwagen – schädigt also doppelt.

Dabei stand von Anfang an fest, dass der Beschäftigungseffekt der Abwrackprämie kaum Bedeutung hat. Gut 75 Prozent der in Deutschland produzierten Autos gehen in den Export und nur knapp 40 Prozent der von den deutschen Autobauern verkauften Pkw gehen zu Privatkäufern. In Summe werden damit zehn Prozent der deutschen Produktionskapazitäten von der Prämie tangiert. Der theoretische Beschäftigungseffekt der Prämie war damit sehr begrenzt. Da mit Ausnahme des Opel Corsa und Ford Fiesta Kleinwagen im Ausland gebaut werden und bei den Fahrzeugen ab der Mittelklasse die Prämie Nachfrage weglenkt, wiegen die zusätzlichen Sonderschichten bei Opel und Ford die Verluste an den Bändern von Audi, BMW und Mercedes nicht auf.

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