Gastkommentar
Der Tunnelblick der „Wutökonomen“

Die Verfasser des Ökonomen-Aufrufs gegen die Bankenunion zeigen keine Alternativen auf, kritisiert der Bremer Ökonom Rudolf Hickel. Eine Bankenunion biete die Chance für eine umfassende Reform des Finanzsektors.
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„Liebe Mitbürger“, so beginnt das Pamphlet, das mit der Aufforderung endet „das Thema sehr ernst zu nehmen und es mit den Abgeordneten zu diskutieren“. Was zwischen den auffällig wenigen Zeilen angeboten wird, ist eine Mischung aus geschürten Ängsten, harter Anti-Euro-Ideologie und vor allem der Verzicht auf Alternativen.

Im Zentrum der über 200 Unterzeichner dieses Aufrufs um Hans-Werner Sinn steht die Ablehnung einer Bankenunion um jeden Preis. Beschworen wird die ansonsten nicht mehr zu bremsende Kollektivierung der Staatsschulden aus den Krisenländern in die „soliden Länder Europas“. Ohne den Zusammenhang herzustellen, wirkt die Behauptung einer dadurch erzeugten Megainflation wie ein Totschlägerargument.

Darüber hinaus werden die Profiteure der Rettungsprogramme in der City von London und an der Wallstreet agitatorisch den „hart arbeitenden Bürger anderer Ländern“ gegenübergestellt. Wer auch nur einen Hauch von Begründungen zu diesem bitteren Tobak sucht, der wird bitter enttäuscht. Deshalb entsteht der Vorwurf, dass die von der Sehnsucht nach der D-Mark getriebenen Stammtischparolen den Schriftsatz bestimmen. Dabei leisten sich die „Wutökonomen“ – zutreffend benannt von Olaf Storbeck vom „Handelsblatt“ - handwerkliche Fehler.

Der differenzierte Beschluss zur Zukunft der Bankenunion auf dem Euro-Gipfel Anfang Juli wird nicht berücksichtigt. Dort heißt es, dass nur unter harten Bedingungen den Banken Rettungsmittel zur Verfügung gestellt werden. Völlig unwissenschaftlich ist einerseits der Verzicht auf eine Alternative zum Ausbau der Eurowährung durch eine Bankenunion ist. Denn andererseits treibt das Verbot einer Bankenunion den Euro noch tiefer in die Krise. Am Ende bleibt nur noch die Flucht in renationalisierte Währungen.

Die ökonomischen, sozialen und fiskalischen Folgen und damit die „Lasten für künftige Generationen“ werden nicht dargelegt. Mittlerweile liegen Zusammenbruchszenarien des Sachverständigenrats vor, die aus deutscher Sicht von Forderungsausfällen gegenüber zahlungsunfähigen Staaten mit über 3,3 Billionen Euro ausgehen und einen nachhaltigen Zusammenbruch der „ökonomischen Stabilität“ voraussehen. In Folge einer Kettenreaktion wäre eine „währungspolitisches Auseinanderbrechen von Frankreich und Deutschland“ nicht mehr zu verhindern.

Einen Vorteil hat dieses Anti-Euro-Pamphlet: Es sind massive Proteste aus der Wirtschaftswissenschaft im In- und Ausland ausgelöst worden. Die Kritik ist angenehm eindeutig: Wer die Bankenunion als ein Zentrum der Weiterentwicklung des Eurosystems verhindern will, der kann nur dessen Zusammenbruch hinnehmen. Ein erstes Contra präsentierte eine Ökonomengruppe um Peter Bofinger und Gustav Horn mit der Schlüsselaussage: „Der Aufruf baut ein Schreckgespenst auf, schürt Furcht und verweigert einen Fachdiskurs“.

In einem zweiten Contra vor allem durch Banken- und Finanzmarktökonomen wird zuerst die systemische Eurokrise auf „fatale Konstruktionsfehler der Währungsunion“ im Maastrichter Gründungsvertrag durch Francois Mitterrand und Helmut Kohl zurückgeführt.

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Bankenunion als Chance für bessere Regulierung

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  • Na ja, ich habe den aufruf nicht so einseitig verstanden, wie hier dargestellt.
    Für mich war es vor allem ein aufruf doch bitte zu beantworten, wieso die Bedingungen im ESM überhaupt eingehalten würden.
    Zuviel Indizien sprechen dagegen. Und interessanterweise geht keiner der Kritiker der des Ökonomenaufrufs auch nur mit einem Wort darauf ein.
    Es mag sein, dass die Eurorettung die bessere Alternative ist. ich bin davon überzeugt, weil ich die Risken der forderungsausfälle ebenfalls für zu hoch erachte.
    Trotzdne teile ich die Kritik am ESM, es sit eben nicht zwingend notwendig bei der Rettung die Verfassung zu brechen. und ich will eine Antwort darauf, wie es weitergehen soll, wenn die Ökonomen Recht behalten. bisher fehlt es sogar auch nur an er glaubwürdigen Erläuterung, warum diesmal die Regeln nicht gebrochen würden.

    Und wenn die Gegner des Aufrufs der Meinung sind, dass selbst der mögliche Bruch der Regeln immer noch besser als ein austieg wäre, dann sollen sie es offen vertreten.

    So aber bleibt die Kritik an dne Ökonomen letztlich unglaubwürdig und der Verdacht der Interessenpolitik bleibt im Raume.

  • Mich würde einmal interessieren, wo die Leute, die hier diskutieren, ihr Geld angelegt haben. Anscheinend meinen Sie alle durch den Einlagenrettungsfond entschädigt zu werden, oder lagern Sie Ihr Geld unter der Matratze? Das betrifft schließlich auch deutsche Banken, die sich hier im großen Stil bereichert haben, mehr als 20% Rendite kommt nicht von ungefähr.

  • Bair
    Hickl hätte auch gut in Honeckers Politbüro gepaßt, so stramm links wie der ist

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