Gastkommentar
Deutschland gibt Enthaltsamkeit auf

Lange Zeit kaum denkbar - mittlerweile kein Tabu mehr: In Deutschland steigen Löhne und Preise. Damit holt die Bundesrepublik eine längst überfällige Entwicklung nach - und bringt Europa wieder ins Gleichgewicht.
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Deutschland bewegt sich. Noch vor wenigen Jahren machte sich scheinbar lächerlich, wer behauptete, dass eine schwache Lohnentwicklung mehr Schaden als Nutzen für die Volkswirtschaft stiften würde. Es wurde argumentiert, dass die Lohnsteigerungen hinter dem Zuwachs an Produktivität und den Lohnsteigerungen in anderen Ländern zurückbleiben müssten, damit die globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands steige. Heute, nur wenige Jahre und zwei aufeinanderfolgende Krisen später, findet es selbst der Bundesfinanzminister in Ordnung, wenn die Löhne in Deutschland stärker steigen als im übrigen Euro-Raum.

Geradezu sensationell klingt in manchen Ohren die Aussage der Bundesbank, es sei hinnehmbar, wenn die Inflationsrate in Deutschland zeitweilig über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von knapp zwei Prozent liege. Dies bedeutet nichts anderes, als dass auch die Lohnsteigerungen entsprechend höher ausfallen können. Auch die EU-Kommission stimmt ein. Woher kommt dieser markante Sinneswandel?

Es ist die harte Realität, deren Lehren sich hier entfalten. Schon in der Finanzkrise 2008 und 2009 wurde nach den Maßstäben des Sachverständigenrates keine Lohnzurückhaltung mehr geübt. Trotz einer massiven Krisenentwicklung blieben die Gehälter der Beschäftigten bei zum Teil drastisch verkürzter Arbeitszeit weitgehend konstant. Das führte dazu, dass in Deutschland im Unterschied zu den meisten anderen Volkswirtschaften die Einkommen der privaten Haushalte und damit deren Ausgaben für Konsum weitgehend stabil blieben. Dies ist eine der wesentlichen Quellen für die überaus kräftige Erholung der Wirtschaft in Deutschland. Zum ersten Mal seit langem war Deutschland bei Wachstum und Beschäftigung erfolgreicher als die meisten anderen Volkswirtschaften - und das ganz ohne schwächelnde Löhne.

Wie wir mittlerweile wissen, sind die Krisen aber noch nicht zu Ende. Der Finanzmarktkrise folgte die Krise des Euro-Raums. In dieser kommt eine Hypothek zum Tragen, die sich seit Beginn der Währungsunion aufgebaut hat. Es ist die Hypothek über Jahre hinweg stabilitätswidriger Preissteigerungen. Die jetzigen Krisenländer wie Griechenland, Spanien und Portugal überschritten - wie oft zu Recht beklagt - das EZB-Inflationsziel deutlich. Das verminderte ihre Wettbewerbsfähigkeit immer mehr und führte zu erheblichen Leistungsbilanzdefiziten. Mit anderen Worten, ihre Verschuldung im Euro-Raum - privat und öffentlich - nahm ständig zu. In einer Zeit, in der die Finanzkrise die Unsicherheit ohnehin massiv erhöht hatte, führte dies zu einem teilweise massiven Verlust des Vertrauens in die Bonität der Schuldner. Die Schuldenspirale nahm ihren Lauf.

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Exportüberschüsse finanzieren die Verschuldung anderer

Kommentare zu " Gastkommentar: Deutschland gibt Enthaltsamkeit auf"

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  • Liebe Leute,
    tut doch nicht so, als könnten wir uns aussuchen, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Entweder wir verringern sie in einem geordneten Prozess freiwillig und verlagern langsam Arbeitsplätze im Export in die Binnenwirtschaft, oder unsere Wettbewerbsfähigkeit bricht durch ein Zusammenfall des Euros über Nacht in sich zusammen. Ihr könnt aussuchen, was euch besser gefällt, aber ein anderes Szenario gibt es nicht. Deutschland kann nicht dauerhaft unter seinen Verhältnissen leben und gegen Inflationsziele verstoßen!

  • Das bringt Europa wieder ins Gleichgewicht stimmt. Wir nähern uns den Fußkranken an und machen schön auf Erhöhung der Arbeitslosigkeit, damit wir hier mit der anstehenden Rezession zu den anderen aufschließen. Die Lohnerhöhung ist deutlich über dem Poduktivitätsfortschritt und kann kostenmäßig nicht überwälzt werden. Endlich kriegt der Musterschüler an den Weltmärkten ordentlich ein`s übergebraten. Und wenn dann alle nicht mehr konkurrenzfähig sind bauen wir Spaßbäder, um uns in der freigesetzten Arbeitszeit zu bespaßen. Allein schon um die Kürzung der Sozialleistungen zu verdauen, die bei einem Konjunktureinbruch kommt. Gewerkschaft wir danken dir !

  • Horn und Sachverstand?

    Man setzte sich mit der Vita und den Ansichten auseinander, dann weiss man woher der Wind weht.

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