Gastkommentar
„Deutschland gilt als kaltherzig und intolerant“

Fachkräfte sind weltweit heiß begehrt. Deutschland gilt bei diesem Wettbewerb längst nicht mehr als erste Wahl. Das muss sich ändern, sonst sind die Folgen fatal.
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DüsseldorfDeutschland erliegt der Illusion, ein Mekka für ausländische Fachkräfte zu sein. Dass dem nicht so ist, wissen wir spätestens seit der uneingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Mit weit geöffneten Armen warteten wir auf die gut ausgebildeten jungen Menschen aus den Nachbarländern. Die Realität war ernüchternd. Vielleicht hätten wir über Facebook einladen sollen. Deutschland steht im internationalen Wettbewerb um kluge Köpfe und verliert dabei Boden.

Seit der Jahrtausendwende verlassen mehr Menschen das Land, als hierher zuwandern. Aktuell beobachten wir zwar einen Anstieg der Zuwanderung, dieser dürfte aber aufgrund der Finanzkrise eher der Not gehorchend und nicht von einem tiefen inneren Wunsch getrieben sein. Migration ist wie ein Stimmungsbarometer. Attraktive Länder haben Einwanderer, weniger attraktive haben Auswanderer. Deutschland wird im Ausland immer noch als kaltherzig, bürokratisch oder intolerant wahrgenommen. Diejenigen, die Deutschland verlassen, sagen, es fehle ihnen an "Heimatgefühl". Tatsächliche oder gefühlte Ausgrenzung treibt sie aus dem Land.

Für die deutsche Wirtschaft ist die Situation fatal. Ohne qualifizierte Zuwanderung ist der Standort Deutschland in Gefahr. Nun haben wir in Deutschland keinen Erkenntnismangel, wohl aber ein Umsetzungsdefizit. Fest steht, wir brauchen eine Mentalitätsveränderung. Ein neues Leitbild, das alle Lebensbereiche durchdringt und Deutschland als offene und aufnahmebereite Gesellschaft ausweist. Weg von der Unkultur des Anwerbestopps, hin zur Einladung nach Deutschland. Wie kann Zuwanderung und Integration gelingen, ohne Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit zu wiederholen?

Sicherlich hat sich bereits viel bewegt, denkt man an die "Blue Card" oder das Anerkennungsgesetz. Wobei Letzteres in Gefahr gerät, in sechzehn Einzelregelungen zu zerfallen. Wir tragen die Mauern nur ein wenig ab, wir reißen sie nicht ein. Zuwanderung muss ein 100-Meter-Sprint und nicht ein Drei-Kilometer-Hindernislauf sein. Es gibt viele - auch kurzfristig umsetzbare - Maßnahmen, die dazu beitragen können.

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  • Wenn man sich so anguckt wieviele hunderte von Milliarden seit der Gründung der Bundesrepublik als Geschenke aus dem Lande geflossen sind, oder im Lande per Kindergeld und Sozialhilfe Migranten zufließen, dann scheint es mir als ob Deutschland bei weitem nicht ausreichend "kaltherzig und intolerant" ist.

    Einwanderer sind absolut das letzte was Deutschland braucht.

    Es sei denn, man mag Kriminalität, hohe Sozialkosten und Steuern.

    Die Ausbildung - und zuerst Bildung - der eigenen Bevölkerung könnte alle "Facharbeitermängel" beheben. Dazu muß man natürlich erst die 68-er Dünnbrettlehrer aus ihren Ämtern jagen, damit vernünftige Bildung wieder möglich wird an unseren Schulen.

    Deutschland ist kein "Standort" sondern die Heimat der Deutschen.

  • Dieser Artikel ist an Heuchelei kaum zu übertreffen. Wenn der Preis hoch genug wäre, würden sich die Fachkräfte aus aller Welt auf dem Weg nach Deutschland machen. Dem ist jedoch bei weitem nicht so. Was hier versucht wird ist mal wieder die Menschen für'n ein Appel und'n Ei nach Deutschland zu locken. Wenn ich nach meiner Stadt Berlin beurteilen soll, dann klappt es schon mit dem Anlocken - Franzosen, Spanier, Italiener und unzählige Osteuropäer sind in den letzten 5 Jahren hergekommen, wahrscheinlich ca 100 Tusend - leider kaum Fachkräfte, sondern eher Leute ("Kreative") die irgendwie von der großzügigen Berliner öffentlichen Hand leben. Das kann nur den wundern der nicht weiß, dass viele promovierte Wissenschaftler an einer Forschungseinrichtung weniger als 2000 EUR / Monat netto verdienen. Gehen sie nach Amerika, verdoppelt sich ihr Nettoverdienst, bei teilweise geringeren Lebenshaltungskosten - das erklärt auch warum nicht nur mancher deutsch-stämmige Nobelpreisträger in Amerika tätig war.

    Gleiches gilt für die im Artikel erwähnten internationalen Unternehmen, die ihre Angestellten angeblich nicht nach Deutschland entsenden können: wenn diese Firmen die betroffenen Menschen mit einem deutschen Arbeitsvertrag beschäftigen würden, dann gäbe es kein Problem. Das wollen sie aber nicht, es geht darum den polnischen / indischen / etc. Angestellten in D. zu den Löhnen des Heimatlandes zu beschäftigen, was sämtliche Tariflöhne untergraben würde.

  • Alles was Peter_G geschrieben hat, kann ich nur bestätigen.
    Es ist bezeichnend, daß die USA immer noch - und stetig steigend DAS gesuchte Einwanderungsland ist, namentlich für Leistungsträger, die einen weiten u. flexiblen Rahmen für Ihre Entfaltung brauchen. Dies obwohl die USA ob ihrer angeblich desolaten Verschuldung und weitgehenden Deindustrialisierung in der hiesigen Presse permanent an den Pranger gestellt wird.

    Der Artikel analysiert ausführlich und (wohl) zutreffend die Situation in all ihren Facetten, die Lösungsansätze kommen dagegen viel zu kurz. Mit dem Beschwören eines Mentalitätswechsels und der Forderung nach ein paar "Verwaltungsprozeß"-Erleichterungen ist es wohl nicht getan.
    In meiner Wahrnehmung ist der deutsche "Arbeiter" als Leistungsträger in einem Maß auf Effizienz getrimmt, welches wohl allenfalls noch von den Deutschen selbst ertragen werden kann. Und auch da funktioniert es kaum noch (siehe dramatisch steigende Raten an psych. Problemen, Medikamentenabusus, auseinanderbrechende Familien- und Sozialbindungen etc.) Zur Verdeutlichung des Wahnsinns empfehle ich den deutschen Film "Work hard, play hard".

    Außerdem fehlt mir in dem Artikel eine klare Aussage dazu, wie sichergestellt werden kann, daß wir genau die Einwanderer, die wir brauchen, bekommen und nicht bloße Einwanderer in die Sozialsysteme. Das kanadische Punktesystem gilt hierzulande ja als Teufelszeug. Ein solcher oder vergleichbarer "Ausleseprozess" ist aber das notwendige Gegenstück zu dem geforderten Hürdenabbau.
    Der Artikel ist insoweit auch typisch deutsch: es steht viel (kluges) geschrieben, ohne daß etwas gesagt wird. Das ist der Konformismus, den Peter_G treffend beschreibt. Niemand traut sich, sich "aus dem Fenster zu lehnen".
    Würden Sie in so einem Land leben wollen???

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