Gastkommentar
Deutschland hat zu viel Angst

Die Bilanz der Europäischen Zentralbank macht den Deutschen große Sorgen. Lorenzo Bini Smaghi hält die Risiken allerdings für beherrschbar. Dafür muss vor allem der Geldmarkt wiederbelebt werden.
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FrankfurtDie Deutschen machen sich Sorgen um die Zukunft des Euros. Sie sehen vor allem das exponentielle Wachstum der Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB) und fürchten, dass sie als größte Anteilseigner den höchsten Preis zahlen müssen, wenn etwas schiefgeht. Doch trotz aller Risiken, die durchaus beachtet werden müssen, darf man auch nicht die Sicherungsmechanismen übersehen.

Schauen wir also die verschiedenen Risiken für die Bilanz des Euro-Systems an. Das größte Risiko stellen die Banken der Euro-Zone dar. Wenn eine von ihnen zusammenbricht und die Sicherheiten für ihre Kredite zu stark an Wert verloren haben, reißt das ein Loch in die EZB-Bilanz. Das ist seit dem Start des Euros noch nie passiert – mit einer Ausnahme: Als am 15. September 2008 Lehman Brothers zusammenbrach und die deutsche Finanzaufsicht „vergaß“, die deutsche Tochter zu schützen. Damals waren die Sicherheiten bei der Bundesbank nicht ausreichend. Die Verluste mussten mit allen anderen Zentralbanken – also den Steuerzahlern der anderen Länder – geteilt werden.

Am besten verhindert man das, indem die Finanzaufsicht substanziell gestärkt und so eng wie möglich an die EZB gebunden wird. Das würde für gleichmäßige Bedingungen sorgen und dem Euro-System ermöglichen, gezielt die Banken zu finanzieren, die es wirklich für überlebensfähig hält, statt auf das Urteil der nationalen Aufseher angewiesen zu sein. Aber gerade die deutsche Regierung wollte die nationale Finanzaufsicht, die Bafin, unter ihrer Kontrolle behalten, statt sie unabhängig agieren zu lassen, wie es den internationalen Standards entspricht, die das Baseler Komitee aufgestellt hat.

Ein weiteres Risiko entsteht, wenn die Sicherheiten nicht gut genug sind. Die Sicherheiten werden kontinuierlich bewertet und mit einem Abschlag hereingenommen. Wenn die Märkte fallen, muss die Zentralbank also mehr Sicherheiten verlangen. Zu einem Verlust kommt es dann nur, wenn im Schadensfall die Sicherheiten trotz Abschlag nicht ausreichen. Die Liste möglicher Sicherheiten wurde kürzlich ausgeweitet. Sie umfasst jetzt auch einzelne Bankkredite, allerdings mit einem höheren Abschlag. Das folgt der alten deutschen Tradition, dass private Wertpapiere bei der Refinanzierung des Bankensystems gegenüber Staatsanleihen nicht benachteiligt werden sollten. Und hier gilt auch: Wenn man Klarheit über den Wert der Sicherheiten bekommen will, sollte die EZB möglichst tief in die Finanzaufsicht eingeschaltet werden.

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Der Geldmarkt muss wiederbelebt werden

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  • Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt und Währungen sind niemals statische also unveränderliche Größen.

    Das mehr an Europa das zur Zeit in DE als Strategie angeführt wird ist ohne Fiskalunion hyperaktive Augenwischerei.

    Wie wäre es mal mit: Zum Wohle des deutschen Volkes.

  • Werter Herr Smaghi,

    natürlich sehen wir die "Sicherheitsmechanismen", nur mit anderen Augen. Wir hatten (haben) mal den ultimativen Sicherheitsmechanismis gehabt. Der war nicht in Juristen- oder Beamtensprache, sondern sehr klar und eindeutig mit
    NO BAIL OUT
    gefaßt. Ich zumindestens habe gesehen, was dieser Sicherheitsmechanismus wert war, nämlich wie der Euro nur ein Stück Papier.
    Ich habe auch gesehen, wie abhängig die EZB von der Politik ist. Darf sie eigentlich nicht.
    Ich habe auch gesehen, wie die EZB Staatsanleihen kauft. Darf sie eigentlich nicht.
    Ich habe auch gesehen, wie die EZB die Sicherheiten für Kredite auf Ramschniveau absenkt. Darf sie eigentlich nicht.
    Ich habe auch gesehen, daß die EZB trotz einer Inflationsrate über mehrere Quartale von mehr als 2% die Zinsen senkt. Darf sie eigentlich nicht.
    Ich habe auch gesehen, wie die EZB die Bilanzsumme aufpustet, so daß ein Verhältnis zwischen Risiko / Eigenmittel von über 36 entsteht. Bei einen derartigen Verhältnis bekommen selbst Zockerbanken kalte Füße. Aufgrund der Sicherung der Stabilität darf sie das eigentlich nicht.
    Ich habe auch gesehen, wie rückwirkend Recht "umgewandelt" wird, und die EZB in einer Nacht und Nebel Aktion ihre griechischen Staatsanleihen in Neue umgetauscht hat, da sie sonst pleite wäre. Darf sie eigentlich nicht.

    Ja, Herr Smaghi ich habe genug gesehen von den Sicherungsmechanismen.

  • Was kann denn passieren?
    Dass Deutschland pleite geht. Dann muss sich eben die EU neue Geldgeber suchen. Muss sie eben noch ein bisschen mehr pokern. Alles beherrschbar.

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