Gastkommentar
Die Euro-Krise bleibt gefährlich

Trotz des gigantischen 800 Milliarden Euro starken Rettungsschirms: Die Eurokrise ist noch lange nicht überwunden. Weitgehende Transfers in wirtschaftlich schwache Euroländer sind jetzt dringend erforderlich.
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DüsseldorfMit der Einigung auf einen 800 Milliarden Euro umfassenden Rettungsschirm Ende März war die Hoffnung verbunden, dass die Euro-Krise überwunden sein könnte. Die seit Mitte April stark steigenden Zinsen für spanische Staatsanleihen und der sinkende Wert des Euros verdeutlichen jedoch: Die europäische Staatsschuldenkrise ist noch längst nicht überwunden.

Während die Weltbevölkerung in den nächsten vier Jahrzehnten von sieben Milliarden auf über neun Milliarden anwachsen wird, geht die Einwohnerzahl Europas zurück. Zudem altern die europäischen Gesellschaften schneller als der Rest der Welt. Die jungen, aufstrebenden Schwellenländer werden daher auch ökonomisch erheblich schneller wachsen als die entwickelten Volkswirtschaften. In den nächsten fünf Jahren wird beispielsweise für Indien und China ein reales Wirtschaftswachstum von acht bis neun Prozent pro Jahr erwartet. Für die Euro-Zone ist hingegen nur mit 1,5 bis 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum zu rechnen. Zudem ist die Staatsverschuldung in den meisten Schwellenländern wesentlich geringer, was größere politische Handlungsspielräume zur Folge hat, z. B. in den Bereichen Bildung, Forschung und Entwicklung. In diesem Umfeld ist jede einzelne europäische Volkswirtschaft auf ein wirtschaftlich starkes Europa angewiesen.

Für ein starkes Europa ist die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit jedes Mitgliedstaates notwendig, weil es in einer Währungsunion für die einzelnen Länder nicht mehr die Möglichkeit gibt, die internationale Wettbewerbsfähigkeit durch eine eigene Geldpolitik zu verbessern. Um sich in einer Währungsunion wettbewerbsfähig zu machen, bleiben den schwachen Volkswirtschaften deshalb nur zwei Möglichkeiten: Produktivitätssteigerungen oder Lohnsenkungen.

Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass beides machbar ist. So ist die Arbeitsproduktivität zwischen 1995 und 2010 in den Niederlanden jedes Jahr um ein Prozent gestiegen und in Portugal und Griechenland sogar um 1,5 Prozent. Und dass Lohnzurückhaltungen möglich sind, zeigt Deutschland: Die realen Löhne und Gehälter sind zwischen 2000 und 2009 um 4,5 Prozent zurückgegangen. Produktivitätssteigerungen und Lohnsenkungen sind notwendige und wichtige Instrumente, aber sie werden nicht ausreichen. Selbst wenn die schwachen Volkswirtschaften ihre Produktivität steigern, werden sie nicht das Niveau der hochentwickelten Volkswirtschaften erreichen. Denn auch diese müssen permanent ihre Produktivität steigern, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Dass die Löhne korrigiert werden müssen, wenn sie zu stark gestiegen sind, ist klar. In Spanien stiegen die realen Löhne zwischen 2000 und 2009 um 7,5 Prozent. Aber ein „race to the bottom“ bei den Arbeitskosten führt zu sozialen Spannungen und schwächt die wirtschaftliche Nachfrage.

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  • Nachtrag: Solange aber die sogenannte Systempresse fast ausnahmlos immer noch den "Europa- und Euro - Zauber" zu verkaufen versucht und viel zu wenig kritisch dazu berichtet, wird sich die breite Bevölkerung immer wieder und weiter einlullen lassen - solange bis es knallt und es zu spät ist.

  • Auf den Punkt getroffen! Es wird Zeit diesen gigantischen, historische Fehler (Kohl /Euro - Wiedervereinigung)und das sture, uneinsichtige Politikgehabe in Berlin, Brüssel, etc. zu beenden bevor es zu spät ist.

  • Und drei der Länder sind keine ausgesprochenen Sozialstaaten wie es Deutschland gewesen ist und Österreich noch ist. Woher die dann wohl die Schulden haben?

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