Gastkommentar: Die Flucht aus dem Franc

Gastkommentar
Frankreich fehlt die Zeit für Experimente

Die Flucht aus dem Franc

Die Linke hielt das damals für eine von der französischen Notenbank organisierte Aktion. Im Jahr 1936 kam es dann unter Léon Blum zur „Volksfront“ zwischen Kommunisten und Sozialisten. Sie drückte Lohnerhöhungen und kürzere Arbeitszeiten durch. Wieder brach eine Franc-Krise aus - und nach zwei Jahren waren wieder die Rechten an der Macht. Allerdings hatten die Linken zuvor die Notenbank verstaatlicht.

Der bisher jüngste Akt in diesem Langzeit-Drama begann mit dem Wahlsieg des Sozialisten François Mitterand im Jahr 1981. Dieser Präsident experimentierte zwei Jahre lang mit einer sozialistischen Wirtschaft, auch, um die kommunistische Wählerschaft zu umwerben. Banken wurden verstaatlicht und Löhne erhöht - und wieder gab es mehrfach eine Flucht aus dem Franc.

Die Regierung musste harte Kapitalverkehrskontrollen einführen. Sogar die Summen, die Franzosen als Touristen mit ins Ausland nehmen durften, wurden begrenzt. Doch nach zwei Jahren stand Mitterand vor einer dramatischen Entscheidung. Sollte Frankreich weiter den Weg des „Sozialismus in einem Land“ gehen? Oder erforderte die europäische Integration eine Kehrtwende?

Der damalige gemäßigte Finanzminister Jacques Delors, ein überzeugter Europäer, schaffte die Wende. Er brachte Frankreich zurück nach Europa - und zum starken Franc. Voraussetzung dieser Kehrtwende waren allerdings tiefgehende Veränderungen in Europa.

Die Europäische Kommission befürchtete, die Franzosen würden das Währungssystem ablehnen. Um die Sozialisten in Paris zu überzeugen, musste Frankreich daher größeren Einfluss auf die deutsche Geldpolitik bekommen. Die Notenbanker in Frankfurt waren entsetzt.

Die Kommission erklärte ihnen jedoch, ihr Kampf für Stabilität sei zu erfolgreich gewesen - und daher politisch nicht durchzuhalten. So kam ein Pakt zustande: Die deutsche Sparpolitik sollte abgemildert werden, und Frankreich sich dafür mit Haushaltsregeln befassen.

Die Obergrenze für Defizite von drei Prozent des Bruttoinlandprodukts, die etwas willkürlich erscheint, war auch eine Folge des Traumas von Mitterands Experiment. Delors kalkulierte diesen Prozentsatz 1983 als Obergrenze, um die Währung stabil zu halten - 1990 wurde er dann einfach ins europäische Regelwerk übernommen. Kommt diesmal auch eine Wende, oder geht der Weg in eine Sackgasse? Die Finanzmärkte sind heute viel aggressiver als 1981. Für zwei Jahre Experimente bleibt keine Zeit.

Der Autor ist Historiker, er lehrt in Princeton und Florenz.

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