Gastkommentar Die Mauern in Europa endgültig schleifen

Die Vision eines „gemeinsamen Hauses für alle Europäer“ schließt eine Union aus, die sich wie eine Festung gibt. Eine Einheit aus West-, Mittel- und Osteuropa könnte über eine wirtschaftliche Integration gelingen.
  • Horst Teltschik, Andrzej Olechowski, Vladislav Inozemtsev
15 Kommentare
Früher trennte die Berliner Mauer Ost und West. Heute stehen die Überreste auch symbolisch für das Ende des Kalten Krieges. Quelle: dapd

Früher trennte die Berliner Mauer Ost und West. Heute stehen die Überreste auch symbolisch für das Ende des Kalten Krieges.

(Foto: dapd)

Die Europäer befinden sich in einer Art Belagerungszustand. Sie werden bombardiert mit Ankündigungen von Sparmaßnahmen, mit Nachrichten über bedrohliche finanzielle Entwicklungen oder durch die Errichtung von Firewalls oder andere, für sie oft schwer verständliche Strategien und Maßnahmen. Die Menschen selbst konzentrieren sich dagegen auf ihre unmittelbare und zukünftige finanzielle Situation, die ihrer Familien und der eigenen Staaten. Darüber hinaus gibt es kaum ein Interesse, sich mit anderen Themen zu befassen.

Sollte jedoch das Schuldenfeuer endgültig gelöscht sein und wirtschaftliches Wachstum wieder in Gang kommen, könnte sich die politische Debatte sehr schnell wieder auf die Frage konzentrieren, wohin wir uns eigentlich bewegen. Dabei wird auch die Frage nach dem zukünftigen Kurs der europäischen Integration eine Rolle spielen. In den 90er- Jahren hatte die Vision eines „gemeinsamen Hauses für alle Europäer“ die politisch Verantwortlichen in Europa motiviert und angespornt.

Die Europäische Union hatte sorgfältig darauf geachtet, nicht in die Falle zu gehen und sich zu einer separaten „Festung“ zu entwickeln. Die Staaten, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und Russlands ihre Souveränität wiedergewonnen hatten, strebten ihrerseits danach, die Teilung zu überwinden, indem sie die Prinzipien der Menschenrechte, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit übernahmen.

Als Ergebnis wurde die EU erweitert, der Wirtschafts- und Handelsaustausch erhöhte sich erheblich, und die zwischenstaatlichen Beziehungen entwickelten sich pragmatisch und dicht. Für einen Kontinent, der durch zahlreiche Kriege verwüstet und mit dem Blut von Millionen Menschen getränkt ist, war das eine historische Errungenschaft. Aber es reichte nicht, um das „eine und geeinte Europa“ zu vollenden.

Auch heute sind die Aussichten für dieses wichtige Anliegen nicht ermutigend. Niemand scheint mehr an dem einen Europa interessiert zu sein. Keine Regierung verfolgt dieses Ziel oder versteht es als Voraussetzung für weiterführende Projekte. Die Euro-Zone entwickelt sich augenscheinlich zu einer Festung innerhalb der EU. Ihr beizutreten ist schwieriger denn je.

Großbritannien scheint entschlossen zu sein, sich weiter vom Kontinent zu entfernen. Russland versucht, den postsowjetischen Raum wieder zu integrieren; Weißrussland verfolgt einen antiwestlichen Kurs, und die Ukraine ist immer noch unfähig, sich eindeutig für einen Platz in Europa zu entscheiden.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Eine Freihandelszone für alle
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Gastkommentar - Die Mauern in Europa endgültig schleifen

15 Kommentare zu "Gastkommentar: Die Mauern in Europa endgültig schleifen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Und wenn dann, wie in NL, viele die Rechten gewaehlt haben, dann fragt die politische Elite sich, warum denn das! Ich spreche das Thema haeufig bei zufaelligen Begegnungen an, um einen Eindruck zu erhaschen, was meine Mitbuerger darueber denken. In NRW (ich wohne in der Grenzregion) sind viele fuer die Transferunion, in Rheinland-Pfalz fast jeder dagegen: "Ha, ha, ha, unsere Ersparnisse und Renten werden jetzt komplett verzockt. Sollen die im Sueden doch selber sehen, wie sie klarkommen!" bekam ich heute Mittag am Pfandautomaten zu hoeren. Nun denn: SPD, GRUENE, CDU o. FDP waehlt dieser Mann bestimmt nicht!

  • Ich war immer froh und glücklich, in der Bundesrespublik leben zu dürfen.

    Mir ist bis heute völlig unklar, warum ich über eine Machtverlagerung nach Brüssel oder nach Basel oder sonstwohin überhaupt nachdenken sollte.

    Zoll-Union - schön.
    Freizügigkeit der Arbeitnehmer - auch schön - und ginge total ohne Brüssel.

    Sogar stabilisierte Wechselkurse - wären schön - haben aber schon ihre Tücken.


    Alles weitere ist mir trotz Politik- und VWL-Diplom völlig unverständlich.

    Immer höre ich "ein Gegengewicht gegen die USA" musste geschaffen werden.

    Taiwan, Südkorea, Singapur und Israel - das sind alles Staaten die brauchbar funktionieren - ohne dass sie ein "Gegengewicht" gegen die USA gebildet hätten.

    Und US-Truppen sind immer noch in Deutschland - wo ist denn da das "Gegengewicht"?

    Ich brauche auch keine "Harmonisierung" des Rechts europaweit. Das Recht war doch wohl kompliziert genug - und nichts ist einfacher geworden durch die Harmonisierung - weder das AGB-Gesetz noch das EStG.

    Und exportieren kann man auch ohne EU.

    Und wenn ich es schon nicht verstehe --- der Nicht-Akademiker hat erst Recht kein Verständnis.
    Verkäufer, Bäcker, Autoschlosser - für die ist die Welt schon kompliziert genug - die sind froh, dass sie einen halbwegs sicheren Nationalstaat haben - und die erwarten dass der Staat sich zu aller erst um SIE kümmert. Die haben keinen Sinn für die Europäische Union.

    Vor diesem Hintergrund empfinde ich die Forderungen der EU-Verfechter inzwischen immer mehr als ärgerlich. Die sollten doch eher kleinlaut sein - oder?

    Und dann wird man noch als "Wutbürger" kategorisiert - als habitueller Nörgler und Streithammel - eigentlich fast als Hooligan.



  • Europas undemokratische Strukturen sind für mich das größte Problem.

    Seien wir doch mal ehrlich, der EU-Bürger darf abstimmen, aber seine Stimme hat keinen Einfluss.

    Wie meinte kürzlich Pat Condell:
    "Wir sind die erste Generation von Europäern, die niemals ihre Freiheit verteidigen mussten. Infolgedessen sehen wir heute unsere Freiheit als was selbstverständliches an. Selbst wenn wir zuschauen, wie sie uns vor unseren Augen weggenommen wird, wir wollen es einfach nicht wahrhaben."

    Der sowjetischen Dissidenten Vladimir Bukowsky meinte im Jahr 2006, dass die politische Struktur der Europäischen Union ähnlich der des Obersten Sowjet und des Politbüros ist, und dass diese Ähnlichkeit beabsichtigt ist.
    So gesehen passt Ungarn ganz gut in die EU.

    Mehr dazu im Video "Europe needs a Revolution":
    http://www.youtube.com/watch?v=s3u9LB32YYM

  • Ich bin dafür!
    Freihandelszone gemeinsam mit den Russen und den anderen; Frankreich geht zu den Südlingen.
    Wenn ich mit einem Russen oder mit einem Jugoslawen (Bosniak oder Srbe ist egal) zusammenomme, kann ich mich ohne viele Mühen verständigen. Von Mensch zu Mensch eben.
    Anders mit Amerikanern oder Engländern: Der Graben ist einfach zu tief zu den Piratenvölkern.
    Und aus der Freihandelszone kann mehr werden.
    Der Hauptfehler war (natürlich auf Druck der usa) Rußland nicht in die NATO aufzunehmen.

  • Ja, ein Weg der Gestaltung der unvermeidbaren Überwindung von "Kleinstaaterei", mit dem deren gewaltsame Auflösung vermieden werden könnte. Die Bildung einer solchen "Freihandelszone" setzt aber voraus und bedingt dafür eine (veränderte) Geldpolitik, welche die ("Real"-)Wirtschaft dieser "Freihandleszone" bedingt.

  • Der Polsprung hat angeklopft und die verblendeten Eliten werden in Kürze mit dem Kopf nach unten leben in eben dem Schulden- und Sozialsumpf, welchen sie durch ihre irrationalen sozialen Maßnahmen und Geldgeschäfte geschaffen haben. In Europa und schließlich der Welt wird das Chaos ausbrechen, die Unregierbarkeit.

    Ist der DAX futsch, und seine Todesglocke hat eben gebimmelt, fällt die EU zusammen wie ein Hefekuchen.

    Dann wird auch der Schlangenkopf sichtbar werden für die ganze Welt. Sofern uns nicht der Atomkrieg ereilt.

    Die Zukunft:

    Amazing Pictures, Pollution in China | ChinaHush

    http://www.chinahush.com/2009/10/21/amazing-pictures-pollution-in-china/

    http://www.epochtimes.de/kollaps-der-wirtschaft-in-china-vorausgesagt--905525.html

  • Gestern wurde in der Tschechei ein Politiker wegen Korruption verhaftet. Das Aussergeöhnliche daran ist nicht, dass es Korruption gibt, sondern dass er verhaftet wurde.

    Jedes Weltreich ist an der Korruption zugrundegegangen. Solange man eben genau diese Korruption nicht zurückdrängt, wird das nie etwas, weil es den Wettbewerb verzerrt. Dadurch haben ja auch so viele südländische Unternehmen nie ihre Wirtschaftskraft entwickeln können, wenn man seinen Posten bekommt, weil der Papa da noch jemand kennt. Meiner Meinung nach das Hauptproblem und mit das Grundübel. Wirtschaftliche Union, warum nicht, aber zuerst muss man die Voraussetzungen schaffen. eine Krise alleine als Grund zu nehmen und die alten Strukturen zu belassen, so dass die Pfründe bestehen bleiben, weil irgendein Ahne mal irgendetwas verdienstliches getan hat, wird nie zu einem produktiven Ergebnis führen. Erst muss eine gewisse Robustheit in der Wettbewerbsfäigkeit vorhanden sein.

  • @Rapid
    Volle Zustimmung !!
    Die USA werden ein vereintes Europa nicht gutheißen, da es eine deutlich stärkere Rolle als die USA in der Weltordnung spielen würde.
    Trotzdem, ein vereintes Europa fügt nur wieder zusammen, was vor 1900 schon Bestand und große Gemeinsamkeiten hatte.
    Russland und die Ukraine sind der Deutschen Kultur näher, als Griechenland und Spanien. Ich weiß wovon ich rede, da ich seit einigen Jahren in Osteuropa lebe und arbeite.
    Den bösen und trinkenden Russen gibt es hier nicht öfter, als es den Nazi-Deutschen in Deutschland gibt.
    Ich treffe hier in erster Linie freundliche, intelligente und weltoffene Menschen, die mir (einen Ausländer) helfen und mich bei meiner täglichen Arbeit unterstützen. Ich fühle mich hier wohl und bin noch nie bedroht worden.
    Aber ich schäme mich dafür, wie wir diese Menschen mit Visazwang und ständiger übler Nachrede behandeln.

    Selten habe ich mich über einen Zeitungsbeitrag gefreut, wie über diesen.
    Die Chance die Krise zu überwinden und eine leistungsstarke und stabile Region zu schaffen bietet ein vereintes Europa und sonst nichts.
    Menschen die Europa in Frage stellen sehnen sich nach einer Kleinstaaterei zurück, die vergleichbar ist, mit dem Deutschland vor 300 Jahren. Dies ist doch wohl dumm und nicht zielführend.

  • "Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut."
    Na, Schlaumeier, von wem ist dieses Zitat.

  • "Die Menschen selbst konzentrieren sich dagegen auf ihre unmittelbare und zukünftige finanzielle Situation, die ihrer Familien und der eigenen Staaten. Darüber hinaus gibt es kaum ein Interesse, sich mit anderen Themen zu befassen."

    Mir ist nicht klar, von welchen Menschen Sie reden.
    Leute die mir persönlich bekannt sind, beschäftigen sich auch sehr intensiv mit dem Lügenpack, das sich angeblich um die Rettung des Euro bemüht und bekunden auf vielfältige Art ihre Ablehnung gegen ESM-Ermächtigungsgesetz, Banken- und Schuldenunion.

    Gerade Sie sollten wissen, dass unter demokratischen Prozessen etwas anderes verstanden wird, als die Menschen vorsätzlich in Armut zu stürzen und ihrer Lebensleistung zu berauben!

    "Sollte jedoch das Schuldenfeuer endgültig gelöscht sein und wirtschaftliches Wachstum wieder in Gang kommen, könnte sich die politische Debatte sehr schnell wieder auf die Frage konzentrieren, wohin wir uns eigentlich bewegen."

    Noch ein kleiner Tipp am Rande:
    Suchen Sie doch einen Arzt Ihres Vertrauens auf, der sich auf Wahrnehmungsstörungen spezialisiert hat.
    "Schuldenfeuer" können weder mit Benzin noch mit dummdreisten Sonntagsreden gelöscht werden!

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%