Gastkommentar: Die neue Sprachlosigkeit zwischen Politik und Wirtschaft

Gastkommentar
Die neue Sprachlosigkeit zwischen Politik und Wirtschaft

Kaum jemand kennt sich mit der Kommunikation zwischen Politik und Wirtschaft besser aus als John Kornblum. Und im Moment sieht der frühere amerikanische Botschafter in Deutschland erhebliche Defizite. Ein Gastkommentar.
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DüsseldorfDie Finanzkrise hat eine der wichtigsten Entwicklungen der letzten zehn Jahre in den Hintergrund gedrängt. Die westlichen Gesellschaften befinden sich in einem dramatischen wirtschaftlichen Umbruch, der nicht von Händlern oder Ratingagenturen hervorgerufen worden ist, sondern von unserem eigenen Einfallsreichtum. Unterhalb der Wahrnehmungsgrenze von Regierungen und Regulierern haben Wissenschaftler und Manager international ein System von Hochgeschwindigkeitstechnik für den Informationsaustausch aufgebaut.

Unser globalisiertes Wirtschafts- und Finanzsystem arbeitet zunehmend in einer "Wolke" sich überlagernder Märkte und von Entscheidungen, die in Sekundenbruchteilen fallen. Manager und Händler umgehen zunehmend die schwerfälligen Entscheidungen der EU oder des US-Kongresses, einfach weil sie für ihre Belange nicht mehr wichtig sind.

Das berühmte "Merkozy"-Duo weiß nicht, wie es mit dieser neuen Herausforderung umgehen soll. Entscheidungen über den Euro, die viele Länder betreffen, werden schnell und in kleinen Gruppen getroffen, in der Hoffnung, mit dem wachsenden Druck der Märkte Schritt zu halten. Das ist gescheitert, hauptsächlich weil sie einen kleinen europäischen Landstrich zu stützen versuchen, der von den weltweit agierenden Händlern einfach ignoriert wird.

Entscheidungen werden heute rund um den Globus rund um die Uhr getroffen. Angestellte und Manager leben in einem nahtlosen Netz gegenseitiger Einflüsse, die keinen Bezug zu Ländern oder Nationen haben. Güter werden weltweit verschickt, und dabei kommt es kaum noch auf Herkunft und Bestimmungsort an. Studenten mit iPhones stürzen Regierungen.

Ein Beispiel für die neue Generation globaler Manager ist Andrew Liveris, der Chef von Dow Chemical. Er ist Australier griechischer Abstammung. Sein Arbeitsleben hat er bei Dow verbracht - an einem Dutzend Wohnorten. Er ist der vierte Dow-Chef, der nicht in den USA geboren worden ist. "Wir können den Regierungen unsere Welt nicht mehr verständlich machen - wir haben keinen gemeinsamen Wortschatz mehr", stellte Liveris kürzlich in Berlin fest. In einem Buch kritisiert er Politiker dafür, in kurzfristigen Wahlkampfkategorien zu denken und nicht in Strategien für längerfristiges Wachstum. Mehrere deutsche Vorstände, dazu befragt, stimmten zu. Sie sagten, das Tun der Regierung sei immer weniger wichtig für ihre Strategie.

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Wirtschaft und Technik müssen lernen zu kommunizieren

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  • Erstaunlich wie unlogisch ein US-amerikanischer Botschafter sein kann. Zum Beispiel läßt er in einem seiner Statements Manager sagen: "Mehrere deutsche Vorstände, dazu befragt, stimmten zu. Sie sagten, das Tun der Regierung sei immer weniger wichtig für ihre Strategie." Wenn dem so wäre, müßten diese Manager ja gar keine Standortentscheidungen mehr treffen, weil sie demgegenüber indifferent wären. Tatsache ist doch genau das Gegenteil der Fall; es wird im Beitrag immer wieder hervorgehoben. Entscheidungen von nationalen Parlamenten und Regierungen haben sogar erheblichen Einfluß auf strategische Entscheidungen von Unternehmen! Und sei es "nur" Steuerfragen oder "social contraints". Und noch ein Widerspruch: Einerseits wird Merkel geradezu gedrängt endlich (!) "mutig" auf die Euro-Krise zu reagieren und etwas zu "Tun", andererseits wird lapidar von Blumberg erwähnt: "Sie hat eh keinen Einfluß auf Unternehmensentscheidungen." Dabei weiß doch jeder: Währungsfragen wie jene jetzt hinsichtlich der Zukunft des Euros sind elementar (!!!) für die gesamte Wirtschaft. Blumberg sollte mal japanische, amerikanische und selbst chinesische Exporteure fragen. Ergebnis: Schwacher, oberflächlicher und vielfach unlogischer Artikel. Sorry!

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