Gastkommentar: Die Revolution lebt!

Gastkommentar
Die Revolution lebt!

Die ägyptische Revolution ist weder ein einfacher noch ein reibungsloser Prozess. Aber viel ist schon erreicht und die kollektive Entschlossenheit der Ägypter wird dafür sorgen, dass sie vollendet wird.
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Vor einem Jahr sind Ägypter jeder Altersgruppe und aller Religionen auf die Straße gegangen und haben ein Regime gestürzt, von dem sie 30 Jahre lang mit eiserner Hand regiert worden sind. Getragen von einer beeindruckenden, wenn auch führungslosen Bewegung aus weitgehend jungen Leuten, haben die Bürger des Landes Jahrzehnte der Angst überwunden, um sich das Mitspracherecht über ihre Zukunft zurückzuerobern. Es ist zwar viel erreicht worden seit diesen euphorischen Zeiten, doch leider ist die Revolution in Ägypten heute unvollendet und unvollkommen – so sehr, dass einige inzwischen zweifeln, ob sie vollends gelingen wird. Ich glaube, die Skeptiker werden eines Besseren belehrt werden.

Im Lauf des vergangenen Jahres haben die Ägypter ihre Stimme bei den ersten freien und fairen Parlamentswahlen abgegeben. Sie haben die freie Meinungsäußerung auf eine Art und Weise entdeckt und genutzt, die vor nicht allzu langer Zeit noch als unvorstellbar galt. Die Beteiligung an staatsbürgerlichen Aktivitäten nimmt zu. Und die Ägypter bringen viel darüber in Erfahrung, wer sie als Gesellschaft sind und was sie gemeinsam erreichen können.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten haben Millionen von Ägyptern heute das Gefühl, dass ihnen ihr Land „gehört“ und dass sie unmittelbar für sein Wohlergehen und das zukünftiger Generationen verantwortlich sind. Das ist ein unschätzbarer Erfolg für ein Land, das sein Potenzial über so viele Jahre an so vielen Fronten nicht ausgenutzt hat, dabei sein Selbstvertrauen verlor.

Aber stärkere Eigenverantwortlichkeit überträgt sich nicht in volle Zufriedenheit. Die Unzufriedenheit dieser Tage ist hoch und nimmt weiter zu, und das ist verständlich. Institutionen gelingt es nicht, sich schnell genug anzupassen. Dem Justizsystem mangelt es an ausreichender Legitimität und Handlungsfähigkeit. Die alltägliche Sicherheit verbessert sich, ist aber bei weitem nicht ausreichend. Es ist nicht verwunderlich, dass die Wirtschaft lahmt und die Situation in den kommenden Monaten wahrscheinlich noch schlechter werden wird. Das Wachstum ist schleppend und verstärkt die alarmierend hohe Jugendarbeitslosigkeit. Bei einigen Waren kommt es inzwischen zu Engpässen, und das Land hat den Internationalen Währungsfonds und andere Gläubiger um Hilfskredite ersucht.

Kommentare zu " Gastkommentar: Die Revolution lebt!"

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  • "die Tragweite dieser Entwicklung wir hierzulande von den wenigsten erkannt"

    Es läuft ja der Dschungelcamp im Fernsehen. Auf unseren "Medien" ist Verlas!

  • Tja liebe Frauen, für Euch ist leider keine Freiheit vorgesehen. Weil Eure Situation interessiert weder die linksliberale Elite des Westens noch die neuen Machthaber in Ägypten.

    Aber man hätte es kommen sehen können. Bereits 2007 forderte die Muslimbruderschaft in Ägypten in einem Verfassungsentwurf eine drastisch gestärkte Stellung des Islams im Land. Frauen und Nicht-Muslime sollen demnach weder Präsident noch Regierungschef werden dürfen, Parlament und Regierung sollen von einem religiösen Beirat islamischer Kleriker kontrolliert werden, ähnlich wie im Iran.

    Aber mir scheint, die Tragweite dieser Entwicklung wir hierzulande von den wenigsten erkannt.
    Ich habe längere Zeit in einem islamischen Land gelebt und schon damals die Entwicklung mit Sorge betrachtet, dass sich der politische Islam wie eine Art neuer Faschismus in der arabischen Welt verbreitet und auch bei den jungen Muslimen in Europa nicht Halt macht.

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