Gastkommentar
Die Zentralbank als vorläufiger Retter

Die Europäische Union steckt tief in der Krise. Doch politischen Entscheidungen und Maßnahmen brauchen oft zu viel Zeit. Deshalb braucht es gerade jetzt die Europäische Zentralbank.
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Die beste Metapher für die Euro-Krise ist ein Auto auf einer vereisten Straße, dessen Antriebsräder sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten drehen. Ein Rad, der politische Fortschritt, dreht sich ganz langsam. Es treibt an, aber schmerzlich langsam, vor allem bei der Rekapitalisierung der Banken, den europäischen Projekt-Bonds, bei der gemeinsamen Einlagensicherung und vielleicht auch bei der Entscheidung, den Regierungen drei statt zwei Jahre für das Erreichen ihrer Sparziele einzuräumen.

Das andere Rad, die Krise selbst, dreht sich immer schneller. Und jeder weiß, dass ein Auto, dessen Räder sich in zwei verschiedenen Geschwindigkeiten drehen, bald ins Schleudern gerät. Genauso geht es Europa. Jeder, der dies ignoriert, schaut in den Rückspiegel und nicht durch die Windschutzscheibe. Die Wahrheit ist, dass es kaum Hoffnung für einen schnelleren politischen Prozess gibt.

Die Deutschen verlangen Beweise dafür, dass sich die griechische Bevölkerung zu den Reformen bekennt, bevor sie weitere Hilfe leisten wollen. Berlin will auch mehr Belege dafür, dass die Regierungen sich zum Schuldenabbau bekennen, bevor dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) eine Banklizenz erteilt wird. Deutschland pocht außerdem darauf, dass der neue Fiskalpakt umgesetzt wird, bevor es über Euro-Bonds überhaupt nachdenken will. Das alles wird eine Weile dauern.

Der einzige Weg, einen Unfall zu vermeiden, ist deshalb, das andere Rad, die Krise selbst, zu bremsen. Und die einzige Institution, die dazu in der Lage wäre, ist die Europäische Zentralbank (EZB). Was soll die EZB tun? Die Leitzinsen um einen weiteren halben Prozentpunkt herabzusetzen wäre der naheliegende Schritt. Doch die Zinsen sind bereits sehr niedrig. Eine Geschäftsbank zahlt für sehr kurzfristige Ausleihungen über Nacht nur ein Viertelprozent.

Die Banken weiten ihre Kredite an die Wirtschaft jedoch nicht aus, weil ihre Bilanzen zu schwach sind. Zinssignale sind dennoch wichtig. Sie zeigen an, dass weitere Hilfe auf dem Weg ist. Die EZB sollte einer Zinssenkung mit weiteren unkonventionellen Schritten folgen. Insbesondere sollte sie ihr Ankaufprogramm für Staatsanleihen wieder aufnehmen. Das würde die Zinsbelastungen für die Regierungen verringern und in geringerem Maße auch die allgemeinen Kreditkosten drücken.

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  • Die EZB ist ihrem Anspruch nicht gerecht geworden.

    Wir müssen erkennen, dass wir 10 Jahre nach der Einführung des Euros alle um dessen Wert zittern. Der EZB einen guten Job zu bescheinigen, ist wohl anhand der Fakten nicht angemessen.

    Wir brauchen einen Neuanfang!

    Die Deutsche Bundesbank hatte in der Zeit davor mehrfach Kompetenz bewiesen, hatte international hohes Ansehen. Was liegt näher sie zu reaktivieren? Sie sollte für Deutschland diese Aufgabe wieder wahrnehmen. Auch andere Länder sollten sich auf freiwilliger Basis bei ihr "unterzuschlüpfen" dürfen. Aber bitte ohne politische Mitsprache seitens der hiesigen Regierung.

    Zudem sollte es untersagt sein, Ämter mit Parteigängern zu besetzen. Die Bereinigung hat umgehend zu beginnen.

  • Sehe ich auch so. Europa geht den falschen Weg und Banken regieren die Welt.

  • Falscher Rat aus Amerika!

    Was der Amerikaner sagt ist doch nichts anderes als die Notenpresse anzuwerfen und die Märkte mit Geld zu fluten, also das amerikanische Beispiel. Was Greenspan und Bernanke in Amerika gemacht haben, einfach auf den Euro-Raum zu übertragen. Und,hat es was in den USA gebracht? Die US-Wirtschaft dümpelt dahin, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die wirtschaftlichen strukturellen Probleme sind enorm und die nächste Spekulationswelle auf Grund des hohen Geldumlaufs steht vor der Tür. Ganz zu schweigen von den weiterhin bestehenden enormen sozialen Problemen. Dafür kassieren die Banker schon wieder dicke Boni. Und das soll die europäische Zukunft werden? Vielen Dank für solche Ratschläge. Kehrt erst mal vor eurer eigene Tür, bevor ihr ungefragt uns beraten wollt. Oder haben die USA Angst, dass sie einige Milliarden verlieren werden, die ihre gierigen Banker in hoch verzinslichen Anleihen aus den PIIGS-Ländern investiert haben? Und deshalb der Ratschlag, damit dann Deutschland auch dafür bürgt und dann natürlich auch zahlen muss.

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