Gastkommentar Gefahr aus der Euro-Zone

Rezession in Europa, kaum Wachstum in den USA, Abschwung in den Schwellenländern: Der Ausblick von Ökonom Nouriel Roubini auf die Weltwirtschaft im Jahr 2012 ist pessimistisch - die Regierungen hätten vieles versäumt.
  • Nouriel Roubini
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Nouriel Roubini gibt einen pessimistische Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung. Quelle: ap

Nouriel Roubini gibt einen pessimistische Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung.

(Foto: ap)

Die Aussichten für die weltwirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2012 sind klar, aber alles andere als schön: Rezession in Europa, bestenfalls anämisches Wachstum in den USA und ein steiler Abschwung in China und den meisten Schwellenländern. Den asiatischen Volkswirtschaften droht Gefahr aus China. Lateinamerika droht Gefahr durch niedrigere Rohstoffpreise. Mittel- und Osteuropa droht Gefahr aus der Euro-Zone.

Eine Rezession in der Euro-Zone ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt sicher. Die anhaltende Kreditverknappung, die staatlichen Schuldenprobleme, der Mangel an Wettbewerbsfähigkeit und die Sparpakete deuten auf einen ernsten Abschwung hin. Der US-Wirtschaft drohen beträchtliche Risiken aus der Krise in der Euro-Zone. Sie muss zudem eine erhebliche kalte Progression, die anhaltende Entschuldung der privaten Haushalte, zunehmende Ungleichheit und politischen Stillstand bewältigen.

Was die übrigen großen, hochentwickelten Volkswirtschaften angeht, so steckt Großbritannien in einer W-förmigen Rezession, da frühzeitige Haushaltskonsolidierung und von der Euro-Zone ausgehende Gefahren das dortige Wachstum untergraben. In Japan verpufft der Aufschwung, da die schwachen Regierungen des Landes versäumen, Strukturreformen umzusetzen. Zugleich werden die Fehler in Chinas Wachstumsmodell deutlich. Fallende Immobilienpreise lösen eine Kettenreaktion aus, die negative Auswirkungen auf Bauträger, Investitionen und Staatseinnahmen haben wird. Zunächst war die chinesische Führung bemüht, die galoppierende Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt zu bremsen, doch nun wird sie Mühe haben, das Wachstum wieder in Gang zu kriegen.

Es geht ihr dabei nicht allein so. Auch in den USA, Europa und Japan hat die Politik schwierige Wirtschafts-, Fiskal- und Finanzreformen hinausgeschoben. Der Schuldenabbau im privaten und im öffentlichen Sektor hat in den Industrieländern gerade erst begonnen, die Bilanzsituation der Haushalte, Banken und Finanzinstitute, Kommunen, Regional- und Zentralregierungen ist nach wie vor angespannt. Nur für Spitzenunternehmen hat sich die Lage verbessert. Doch angesichts so vieler Risiken und globaler Unsicherheiten sowie hoher Kapazitätsüberschüsse halten sich diese Unternehmen mit Anlageinvestitionen und Neueinstellungen zurück.

Die wachsende Ungleichheit verringert die Gesamtnachfrage weiter, weil die Haushalte, ärmeren Bürger und Bezieher von Arbeitseinkommen tendenziell mehr Geld ausgeben als Unternehmen, reichere Haushalte und Bezieher von Kapitaleinkünften. Zudem könnte ein zusätzliches Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung von gesellschaftlicher und politischer Instabilität ausgehen, da die Ungleichheit weltweit öffentliche Proteste anheizt.

Währungsschlachten an mehreren Fronten

Zugleich bleiben die wichtigen Leistungsbilanzungleichgewichte groß. Eine geordnete Anpassung erfordert eine Absenkung der Binnennachfrage in den zu ausgabefreudigen Ländern mit ihren großen Zahlungsbilanzdefiziten und eine Reduzierung der Handelsüberschüsse in den Ländern, in denen zu viel gespart wird, durch eine nominale und reale Währungsaufwertung. Aber diese Anpassung der relativen Preise ist zum Stillstand gekommen, weil die Überschussländer sich einer Aufwertung widersetzen und stattdessen den Defizitländern eine rezessionäre Deflation aufzwingen. Die daraus folgenden Währungsschlachten werden an mehreren Fronten geschlagen: durch Wechselkursintervention, quantitative Lockerung und Kapitalkontrollen für Mittelzuflüsse. Angesichts der Abschwächung des weltwirtschaftlichen Wachstums 2012 könnten sich diese Schlachten zu Handelskriegen ausweiten.

Der Politik gehen die Alternativen aus. Die Währungsabwertung ist ein Nullsummenspiel, weil nicht alle Länder gleichzeitig abwerten und ihre Nettoexporte steigern können. Die Geldpolitik wird, wenn die Inflation in den hochentwickelten Ländern zur Nebensächlichkeit wird, eine Lockerung erfahren. Aber die Geldpolitik verliert zunehmend an Effektivität. Zugleich sind der Fiskalpolitik durch steigende Defizite und Schulden, Bond-Bürgerwehr und neue fiskalische Regeln in Europa Grenzen gesetzt. Infolgedessen könnte der derzeitige Umgang mit bestehenden Ungleichgewichten, bei dem Solvenzprobleme durch Kredite und Bereitstellung von Liquidität kaschiert werden, irgendwann schmerzlichen und möglicherweise ungeordneten Restrukturierungen Platz machen.

Die Wiederherstellung eines robusten Wachstums ist schon ohne das allgegenwärtige Gespenst des Schuldenabbaus und eines schweren Mangels an politischer Munition schwierig genug. Dies jedoch ist die Herausforderung, vor der eine fragile und aus dem Gleichgewicht geratene Weltwirtschaft 2012 steht.


Der Autor ist Professor an der Stern School of Business der New York University.

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  • Was will der Autor uns damit sagen ?

    Etwas neues vielleicht ? Oder wissen wir das schon ?

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