Gastkommentar

Griechenlands letzte Chance

Die neue Regierung in Athen darf nicht nur auf europäische Hilfen vertrauen. Sie muss längst überfällige Reformen im eigenen Land endlich anpacken. Nur so kann das Land hoffen, die Krise irgendwann hinter sich zu lassen.
  • Loukas Tsoukalis
12 Kommentare

Die neue Regierung Griechenlands, die von Mitte-rechts bis Mitte-links reicht, wird sehr große Anstrengungen unternehmen müssen, um Vertrauen und Stabilität wiederherzustellen. Griechenland lebt seit mehr als zwei Jahren in Agonie, in der die Gesellschaft verzweifelt ist angesichts einer ständig steigenden Arbeitslosigkeit von mittlerweile 22 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent.

Loukas Tsoukalis ist Präsident des griechischen Think-Tanks Eliamep. Quelle: picture alliance/dpa

Loukas Tsoukalis ist Präsident des griechischen Think-Tanks Eliamep.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die internationale Finanzkrise hat die Schwächen des griechischen Wirtschaftsmodells offenbart: nicht konkurrenzfähige wirtschaftliche Basis, untragbar hohes, durch Kredite finanziertes Konsumniveau und zutiefst reformbedürftige staatliche Strukturen. Wichtige Veränderungen haben stattgefunden, die vor kurzem noch undenkbar schienen. Der Staatshaushalt wurde bei einem ständig sinkenden Bruttosozialprodukt um 6,5 Prozent gekürzt - härtere Kürzungen als jedes andere OECD-Mitglied seit Jahrzehnten erreichen konnte. Die öffentlichen Gehälter wurden kräftig reduziert, gleichfalls die Renten. Die sogenannte interne Abwertung findet auch statt: Die nominellen Arbeitskosten wurden in den letzten zwei Jahren um rund 15 Prozent gesenkt und haben etwas der verlorenen Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft wiederhergestellt.

Was nicht stattgefunden hat, zumindest nicht in genügendem Maße, sind strukturelle Reformen, vor allem im aufgeblähten und ineffizienten öffentlichen Sektor. Das bleibt das größte Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung. Die neue Regierung muss sich ein Reformprogramm zu eigen machen, das Privatisierungen, Bürokratieabbau sowie effektive Maßnahmen gegen Steuerflucht umfasst. Dies ist die vielleicht letzte Chance für die alte politische Klasse, sich zu reformieren und den Boden für durchgreifende politische Erneuerungen vorzubereiten.

Strukturelle Reformen und Haushaltskonsolidierung sind unabdingbar. Aber strukturelle Maßnahmen brauchen Zeit, bis sie wirken, und sind in der Rezession politisch schwierig. Gleichzeitige harte Sparmaßnahmen untergraben in vielen Ländern die wirtschaftliche Entwicklung. Genau das erleben wir jetzt in Europa. Wir brauchen wachstumsfördernde Maßnahmen, eine schnelle Rekapitalisierung der Banken und mehr Liquidität in der Wirtschaft sowie eine symmetrische Justierung zwischen Defizit- und Überschussländern. Um Griechenland zu retten (und den Euro), müssen wir die nationale Verantwortung für die Reformen mit mutigen europäischen Lösungen kombinieren.

Der Autor ist erreichbar unter: gastautor@handelsblatt.com

Startseite

Mehr zu: Gastkommentar - Griechenlands letzte Chance

12 Kommentare zu "Gastkommentar: Griechenlands letzte Chance"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Wir brauchen wachstumsfördernde Maßnahmen, eine schnelle Rekapitalisierung der Banken und mehr Liquidität in der Wirtschaft sowie eine symmetrische Justierung zwischen Defizit- und Überschussländern."

    Und da ist es auch schon das große ABER. "Symmetrische Justierung", das hab ich auch noch nicht gehört als Synonym für neue Schulden. In Europa hat leider niemand mehr Geld, es können nur noch wenige noch mehr Schulden machen. Die wachstumsfördernden Maßnahmen liegen im ordnungspolitischen Bereich, nicht im geldpolitischen. Außerdem ist das geschicktes Auslassen von Tatsachen!

    Die GR bekommen doch Kredit für 1 % von der EZB! Da können die Märkte einfach nicht mithalten. Und wie uns die Target2 Salden offenbaren, machen sie von diesem Angebot auch regen Gebrauch.

    Deutschland hat mittlerweile die 2 Bio Schuldenmarke geknackt. Wir haben so gut wie fertig! Mir graut schon vor der Inflation oder den Steuererhöhungen, die auf die verbliebenen jungen Menschen in diesem Land in den nächsten Jahren warten.

  • Aber strukturelle Maßnahmen brauchen Zeit, bis sie wirken, und sind in der Rezession politisch schwierig.
    --------------------------------------------------------
    Strukturelle Maßnahmen brauchen also Zeit? Wenn man dann noch die griechische Mentalität in Rechnung stellt, dehnt sich die benötigte Zeit ins Unendliche!

    Das wiederum bedeutet, dass wir das notorisch korrupte, verlogene und verkommene Griechenland bis ans Ende aller Tage zu alimentieren haben - während es sich die netten Griechen unter der Sonne am Strand mit 55 Jahren Renteneintritt recht komfortabel einrichten.

    Mein Gott, sind wir däml...!

  • Mit fast allem hat der Herr Tsoukalis recht.

    Die letzte Chance Griechenlands war allerdings im März.

    Und die hat das Land auch vertan, und ein Parlament von politischen Betrügern gewählt.

    Also ist jetzt Schluß mit lustig.

    In den ersten fünf Monaten des Jahres hat der griechische Staat gerade noch 59,5% seiner Staatsausgaben durch eigene Steuereinnahmen bestritten. Die restlichen 40,5% wurde in Guteuropa abgezockt.

    EZB, IWF und EFSF nüssen sofort den Geldhahn zudrehen - jeder weitere Pfennig den man den Kleptokraten in den Rachen schüttet ist zuviel.

  • "Letzte Chance": Was glauben Sie wohl, wie sehr Griechenland das Attribut "letzte" beeindruckt? Die hatten doch schon mindestens 50 letzte Chancen. Was für ein Bullshit!

  • Derartiges Gefasele vernehmen wir schon seit Jahren, allein wir glauben es nicht mehr - wir haben schon zu viel wachstum in Gr. gefördert, Pleitebanken rekapitalisiert und den Euro gerettet. Nach den Berechnungen des Heidelberger Volkswirtschaftsprofessors Willeke erhielt Griechenland nach Berücksichtigung seiner eigenen Zahlungen unterm Strich ab seinem EU-Beitritt 1981 bis 2008 89 Mrd. € aus Brüssel. Davon stammen 46 Mrd. ! von Deutschland (Wirtschaftswoche Nr. 8/2012 S. 18). Neben diesen 89 Mrd. sind auch die 300 Mrd. die Gr. als Schulden aufgenommen hat, irgendwie verschwunden - nein, die hat nur jemand anders wie man so sagt. Nun 200 Mrd. liegen in der Schweiz und die anderen 200 wurden vermutlich auch in Sicherheit gebracht.
    Jetzt sind die Griechen selber an der Reihe mit Eingriffen in die großen Vermögen und erhebung von Steuern. Eliminierung von korrupten Politikern und Beamten usw. Bitte gleich damit anfangen. Palaver war schon zu viel.

  • was meinen sie was hätte gekürzt werdn müssn wenn man sie einfach hätte fallen lassen ??

    da nütz es nix sich auf daten auszuruhen die ander länder so bisher nicht geleistet habn... is ja toll das GR das geschafft hat aber es wird hintn und vorn nicht reichen...

    und ihre landleute in den obern etagen meine ja es ginge weiter so... wie gehabt..

    die Politische klasse hat immer noch nicth den ernst der lage erkannt... und so 2 wichtige jahre vertan

    der normale Grieche tut mir leid und hat mein aufrichtiges mitgefühl nur wird das keinem helfen...

    und unser Politiker habn uns auf gedeih und verderb an euer land gekette.... und ich müste lügen um zu sagn das mich das begeistert

  • Das Problem liegt beim Zentralkomitee in Brüssel welches
    aus Machtansprüchen unter der Fuchtel der Banken nicht
    einsehen will, daß noch niemals ein Solvenzproblem mit
    einem Schneeballsystem Schulden mit Schulden zu bekäm-
    pfen, gelöste werden konnte. Solange der Euro in sei-
    nem Korsett der nicht Floatbarkeit verhaftet bleibt
    und der freien Wettbewerb der Länder damit straguliert
    wird, verbleibt Griechenland in seiner wirtschaftlichen
    und finanziellen Lähmung, bis der Haupteinzahler der
    ''Rettungsschirme'' der Steuerzahler der BRD das Hand- tuch werfen muß!!

  • Aber lieber Herr Tsoukalis,

    so sehr ich Ihre Einschätzung teile - daß Strukturreformen in Griechenland versäumt wurden und werden, daß es einen aufgeblähten öffentlichen Sektor gibt usw. -
    so wenig teile ich Ihr Vorstellung zur Therapie:
    wieso sollte ich wachstumsfördernde Maßnahmen bei Ihnen finanzieren?
    Warum führen Sie nicht lieber erst mal die besagten fehlenden Strukturreformen durch?
    Ich behaupte mal: Sie hoffen, daß damit die Strukturreformen dann auf weniger schmerzhafte Weise erfolgen können.
    Sorry - ich glaube nicht, daß Sie dann überhaupt welche durchführen werden.
    Ich befürchte nämlich, das Wachstumsgeld wird bei Ihnen nur in den Konsum fließen, und dann ist es futsch.
    Betrachten Sie das bitte nicht als anti-griechisch: in der DDR sind auch keine blühenden Landschaften entstanden, die Ostländer haben das Westgeld nicht nutzen können.
    Sie haben's für chinesische Viedeorecorder und japanische Autos ausgegeben.
    Und haben uns Westler gehaßt für das Geld, das wir ihnen überwiesen haben -
    so wie jetzt die Griechen.
    Deswegen mein Vorschlag: einigen wir uns darauf, daß wir die Griechen achten und würdigen, leben wir friendlich und in Freundschaft miteinander in dieser Welt - aber bitte jeder von seinem eigenen Geld.

    Ihr Hellas

  • Griechenland hatte schon so viele - zu viele - letzte Chancen und hat keine wirklich genutzt! All die vom Vorkommentator erwähnten Missstände wurden nicht angegangen und jetzt sind genau diese politischen Kräfte wieder am Ruder, die mit Erfolg alle Reformen bislang verhindert haben und gegen alle Auflagen verstoßen haben. Durch die Hintertüre wurden die pensionierten Beamten praktisch komplett ersetzt, was für eine Farce!
    Die politische Elite hat meines Erachtens mafiöse Strukturen und hohe kriminelle Energie, die durch unsere wachsweiche Politik eher noch gefördert wird.
    Ich möchte nochmals daran erinnern, dass Griechenlands Kapitalbedarf, selbst beim Herunterfahren der Staatsausgaben auf -0- monatlich 3 Milliarden Euro beträgt. Das kann und darf die Euro-Zone niemals leisten!
    Wenn unsere Politiker nicht aufwachen, notfalls unter Mithilfe des BVerfG, und Griechenland weiterhin unterstützen, wird der Euro nicht mehr lange existieren.

  • Nachtrag für Herrn Tsoukalis
    Das Interview mit Prof Koblenzer finden Sie unter folgendem Link:
    http://mediathek.daserste.de/sendung-verpasst/10867266_weltspiegel/10867304_griechenland-spargroschen-und-steuermilliarden-

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%