Gastbeiträge

_

Gastkommentar: Hoher Preis für Halbherzigkeit

Die gute Nachricht: Es gibt eine Lösung für die finanzielle Misere der Euro-Zone, so Finanzprofessor Raguram Rajan. Doch die Politiker reagierten oft zu spät auf Krisenereignisse. So erzeugten sie „Untätigkeitskosten“.

Vor kurzem war ich in Europa, wo ich Ökonomen, Journalisten und Geschäftsleute traf, die über ihre Politiker gründlich frustriert waren. Warum, so fragten sie sich, können die Politiker den vor ihnen liegenden Abgrund nicht erkennen und sich zusammensetzen, um die Euro-Krise ein für alle Mal zu lösen? Selbst wenn keine Einigkeit darüber besteht, wie diese Lösung aussehen könnte, stellt sich die Frage, warum man nicht einen Plan konzipiert, der über die wiederholt ergriffenen, halbherzigen Maßnahmen hinausgeht. Politiker werden den Problemen Europas nicht gerecht, weil sie der Entwicklung ständig hinterherhinken. Warum ist es für sie so schwierig, Führerschaft zu übernehmen?

Anzeige

Die beste Antwort, die ich auf diese Frage gehört habe, stammt von Axel Weber, ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank und scharfsinniger politischer Beobachter. Webers Ansicht zufolge verfügen politische Entscheidungsträger einfach nicht über das Mandat, Probleme im Vorfeld anzugehen, vor allem, wenn es sich um neuartige Probleme handelt, die anfangs klein erscheinen, aber potenziell hohe Kosten verursachen, wenn sie nicht gelöst werden.

Raguram Rajan ist Professor für Finanzwissenschaften an der Universität Chicago. Quelle: Bloomberg News
Raguram Rajan ist Professor für Finanzwissenschaften an der Universität Chicago. Quelle: Bloomberg News

Tritt das Problem zum ersten Mal auf, ist die Öffentlichkeit von den potenziellen Kosten der Untätigkeit nicht überzeugt. Wird das Problem durch Maßnahmen abgewendet, hat die Öffentlichkeit keine Ahnung von der verhinderten Misere, und die Wähler strafen die Politiker deshalb für die unmittelbaren, durch diese Maßnahmen entstandenen Kosten ab. Selbst wenn Politiker die Katastrophe zur Gänze voraussehen könnten, die ohne Gegenmaßnahmen eintritt, haben sie wenig Möglichkeiten, ihre Wähler oder weniger einsichtsvolle Parteimitglieder von den kurzfristig zu bezahlenden Kosten zu überzeugen.

So bleibt es bei Lippenbekenntnissen, und in Ermangelung gegenteiliger Beweise erscheint die Erhaltung des Status quo bequem genug. Die Möglichkeiten politischer Entscheidungsträger, korrigierende Maßnahmen zu ergreifen, werden erst mit der Zeit größer, wenn manche Kosten der Untätigkeit spürbar werden.

  • 12.03.2012, 05:00 UhrEuyonimus

    Nachtrag:

    Ich vermisse leider beim Autor des Artikels eine solide, konkrete Einlassung, was man damals rechtzeitig hätte tun sollen.

    Selbst bei dem Gerichtsentscheid wegen der rechtswidrigen EZB-Eingriffe zu den Anleihe-Aufkäufen, die noch immer rechtswidrig andauern - wurde halbseiden entschieden, aber sogar auch dieser Beschluß wurde übergangen. Und man verlangt weiteres Eingreifen.

    Wenn man sich außerhalb der Legislative konstant weiterhin bewegt, wozu brauchen wir die denn noch?

    Daß die Deutsche Bank sich beim letzten Tender 10 MRD besorgt hat, sollte uns auch zu denken geben. Insgesamt hat die EZB für die Banken kurzfristig durch die 2 letzten Tender 1 Billion EURO für Banken zur Verfügung gestellt.
    Was steht da an ????

    Wohin die ganze Chose treibt, Ende offen.

    Ich zitiere nochmal:

    So no, the European debt crisis is not over.
    It is just getting warmed up.
    Get ready for a wild ride.


  • 12.03.2012, 04:41 UhrEuyonimus

    " Zum Einen verstehen unsere Politiker nicht, wovon die Rede ist - woher auch, sie lernten es nie."

    DAS ist der springende Punkt, die Regierung versucht sich irgendwie zu informieren, begreift dennoch nichts, weil sie die Brisanz nicht erkennt, das Parlament stimmt mit NULL Ahnung rein parteipolitisch ab. Alle erkennen nicht die Tragweite ihrer Entscheidungen.

    Natürlich hätte ganz schnell gehandelt werden müssen beim ersten Erkennen der Problematik - auf das Versäumnis ist mehrfach hingewiesen worden -, nur, man erkannte sie nicht!

    Was Weber der Regierung geraten haben mag, ist mir nicht bekannt, erst sein Rücktritt setzte ein Zeichen. Ebenso Starck.

    Sinn wurde auch nicht gehört, als Spinner abgetan.

    Selbst ein US-blog beschäftigt sich mit der Euro-Krise, weist auf einen Artikel in SPIEGEL International hin mit dem Titel:

    Greece Has Defaulted - Which Country In Europe Is Next?
    http://theeconomiccollapseblog.com/archives/greece-has-defaulted-which-country-in-europe-is-next

    German economist Hans-Werner Sinn is even convinced that the European Central Bank itself could collapse.

    There is a Der Spiegel article that everyone out there should read. It is entitled "Euro-Zone Central Bank System Massively Imbalanced". It is quite technical, but if this German economist is correct, the implications are staggering.

    http://www.spiegel.de/international/europe/0%2c1518%2c818966%2c00.html

    The following is from the first paragraph of the article...

    More than a year ago, German economist Hans-Werner Sinn discovered a gigantic risk on the balance sheets of Germany's central bank. Were the euro zone to collapse, Bundesbank losses could be half a trillion euros -- more than one-and-a-half times the size of the country's annual budget.

    So no, the European debt crisis is not over.
    It is just getting warmed up.
    Get ready for a wild ride.


    Neuer Artikel:

    Is Germany Actually Preparing To Leave The Euro?
    http://theeconomiccollapseblog.com/

  • 09.03.2012, 15:42 UhrDr.NorbertLeineweber

    Er wird sie sicher richtig beraten haben, aber Frau Merkel setzt das nicht um. Überlegen Sie `mal, welchen politischen Zwängen sie ausgesetzt ist (auch Trittin, Gabriel und Konsorten)!

  • Kommentare
Handelsblatt in 99 Sekunden: Keine WM für Russland

Keine WM für Russland

Der Westen tut sich schwer mit wirkungsvollen Sanktionen gegen Russland. Warum dann nicht im Sport? Unser Thema bei Handelsblatt in 99 Sekunden.

Silvio Berlusconi: Freispruch? Gut so!

Freispruch? Gut so!

Silvio Berlusconi ist im Prozess wegen Amtsmissbrauch und Sex mit Minderjährigen freigesprochen worden. Gut so! Kein Gerichtsverfahren sollte dem Politiker Berlusconi ein Ende bereiten, sondern seine verfehlte Politik.

  • Kolumnen
Der Werber-Rat: Mit Kajagoogoo an den Wörthersee

Mit Kajagoogoo an den Wörthersee

Musik ist die meistunterschätzte Kraft der Werbung. Doch allzu oft vernachlässigen Werbetreibende die Phonetik. Dabei hat Musik die Wucht, aus einem Werbefilm einen Blockbuster zu machen.

Was vom Tage bleibt: Völlig unentschlossen

Völlig unentschlossen

Zu viele Köche verderben den Brei, das beweist die EU-Außenpolitik im Streit um Russland-Sanktionen. Um Aldi muss man sich auch nach dem Tod des Gründers nicht sorgen. Anderes gilt für Malaysia Airlines.

Der Transformer: Wenn Datenschutz zur Zensur wird

Wenn Datenschutz zur Zensur wird

Das Urteil soll den Datenschutz stärken – lässt aber schleichende Zensur befürchten: Wer entscheidet, wann Google und Co Links löschen müssen? Es bedarf einer gründlichen Diskussion – am besten auf europäischer Ebene.

  • Gastbeiträge
Gastbeitrag: Das süße Gift der Bankensubventionen

Das süße Gift der Bankensubventionen

Die Großbanken hängen bereits am staatlichen Subventionstropf. Nun fordern sie weitere Privilegien bei der Finanzierung des Abwicklungsfonds. Kleine Volksbanken sollen für die Großen zahlen. Das ist unfair.

Schärfere Russland-Sanktionen: „Deutsche Unternehmen in der Zwickmühle“

„Deutsche Unternehmen in der Zwickmühle“

In der Unternehmenswelt ist der Kalte Krieg wieder ausgebrochen. Deutsche Firmen stehen in Zeiten des Ukraine-Konflikts zwischen den Fronten. Vor allem die harten US-Sanktionen bringen sie in die Bredouille.

Kurz gesagt: Im Osten viel Neues

Im Osten viel Neues

Die Ukraine-Krise zwingt die Nato, sich in wichtigen Fragen neu auszurichten. Markus Kaim zu den Prioritäten, die im Verhältnis zu den osteuropäischen Ländern, zur Ukraine und zu Russland gesetzt werden sollten.

  • Presseschau
Presseschau: Credit Suisse gibt sich tapfer

Credit Suisse gibt sich tapfer

Ein Milliarden-Bußgeld in den USA wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung hat die Credit Suisse tief in die roten Zahlen gerissen. Die Reaktionen der internationalen Wirtschaftsmedien sind gemischt.